Paul Farthing, Betreiber eines Kabuler Tierheims (hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2012), wurde mitsamt Tieren ausgeflogen, während Briten und afghanische Helfer britischer Organisationen zurückgelassen wurden.

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Die ohnehin bittere Nachlese der Evakuierung aus Afghanistan bekommt in Großbritannien auch noch einen tierischen Beigeschmack. Zu den letzten Geretteten gehörten nämlich der Leiter sowie der Arzt eines Kabuler Tierheims samt mindestens 150 von dessen Bewohner; hingegen wurden die Ortskräfte des Heims zurückgelassen. "Wir haben Soldaten dazu verwendet, Hunde ins Land zu holen", beschwerte sich der konservative Außenpolitiker und Afghanistan-Veteran Tom Tugendhat. "Und die Familie meines Übersetzers schwebt in Lebensgefahr."

Bis Samstagabend flogen britische Flugzeuge mehr als 15.000 Menschen vom Kabuler Flughafen aus in Sicherheit. Man habe "mindestens 150 Briten und rund 1.000 afghanische Helfer" britischer Organisationen zurücklassen müssen, teilte Verteidigungsminister Ben Wallace mit. Genaue Zahlen gibt es schon deshalb nicht, weil das Vereinigte Königreich nicht einmal über seine Staatsbürger im Ausland Buch führt geschweige denn über jene, die während des 20-jährigen Engagements am Hindukusch für Armee und Hilfsorganisationen tätig waren.

Höhere Zahl

Die Gesamtzahl der Betroffenen dürfte deutlich höher liegen, nämlich bei "vielen Tausend", glaubt Labour-Sprecherin Lisa Nandy: Dass so viele Unterstützer Großbritanniens zurückgelassen wurden, stelle "einen beispiellosen Moment der Schande" für die konservative Regierung von Premier Boris Johnson dar.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht vor allem das Foreign Office (FCDO). Außenminister Dominic Raab hatte mit großer Verspätung seinen Kreta-Urlaub abgebrochen, der beamtete Staatssekretär kehrte erst am Donnerstag zurück. Unterdessen scheint das zuständige FCDO-Team überfordert gewesen zu sein. Einem Whistleblower zufolge blieben tausende E-Mails besorgter Abgeordneter, die auf das Schicksal ihrer Wahlkreisangehörigen und deren Familien aufmerksam machen wollten, tagelang unbeantwortet.

Tierliebe Briten

Hingegen befassten sich Medien und Offizielle tagelang mit dem Schicksal von Paul Farthing, dem 57-jährigen Betreiber des Kabuler Tierheims. Geschürt von einer geschickten Kampagne auf sozialen Medien gerieten Minister Wallace und seine Leute unter Druck durch tierliebe Briten, dem Ex-Soldaten und seinen Schützlingen zu helfen.

Die Sunday Times veröffentlichte den Wortlaut einer Nachricht, die Farthing auf dem Telefon eines engen Wallace-Beraters hinterlassen hatte. Darin fordert der Veteran der Royal Marines Hilfe bei der Bewältigung der nötigen Bürokratie, um sich selbst und sein Team aus dem Land zu bringen. "Wenn nicht, werde ich den Rest meiner Tage damit verbringen, dich fertigzumachen", droht Farthing während einer Schimpfkanonade.

Ex-Offizier Wallace nahm höchstpersönlich Stellung. "Das Mobbing, die falschen Behauptungen und Drohungen gegen unsere Leute sind inakzeptabel", schäumte der Minister. "Unsere Priorität sind Menschen, nicht Tiere." Dennoch gelang Farthing die Ausreise in letzter Minute. In den Londoner Medien wird jedenfalls eine Verbindung zwischen Farthings PR-Verbündeten Dominic Dyer und dessen guter Freundin Carrie Johnson, der Gattin des Premierministers, hergestellt.

Farthing verteidigt sich

Farthing will nun auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sicherheit bringen. Er fühle sich schuldig, dass er Menschen zurücklassen musste, sagte Paul Farthing der Zeitung "Daily Mail" (Dienstag). Der "schlecht durchdachte Abzug" der Alliierten aus Afghanistan habe über Nacht das Land zerstört und zahllose Leben gekostet.

"Wir haben sie zurück ins finstere Mittelalter geschickt", so Farthing. Eine junge Tierärztin habe zum ersten Mal komplett verschleiert zur Arbeit erscheinen müssen.

Kritik an sich wies er zurück: Die Tiere seien im Laderaum einer Cargo-Maschine ausgeflogen worden, in dem keine Menschen hätten befördert werden können. Fünf Katzen starben während der Reise. Die übrigen Tiere sind nun in Großbritannien in Quarantäne.

Seine Mitarbeiter hätten ihn gedrängt, sich alleine mit den Tieren durchzuschlagen, nachdem ein gemeinsamer Bus-Konvoi wegen fehlender Papiere am Kabuler Flughafen zurückgewiesen worden sei, sagte Farthing. Er habe den Beschäftigten den Lohn für mehrere Monate im Voraus ausbezahlt. Nun versuche er aus der Ferne, sie aus Afghanistan herauszuholen. (Sebastian Borger aus London, APA, 31.8.2021)