Mitte des nächsten Jahrzehnts soll eine Zugfahrt von Wien nach Berlin nur noch vier Stunden dauern.

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ÖBB-Chef Andreas Matthä hat beim Europäischen Forum Alpbach am Dienstag einmal mehr die fehlende Fairness im Verkehrssektor angeprangert. Um die Klimaziele zu erreichen, müsse man man die "europäische Bahn als Hebel" benutzen und ein "Level Playing Field" zwischen Straßen-, Luft- und Bahnverkehr schaffen. "Wir brauchen nichts geschenkt, wir wollen nur Fairness", sagte Matthä. Er fordert schlicht Kostenwahrheit – also die Einbeziehung externer Kosten in Ticket- und Spritpreise.

Ihn ärgert etwa, dass Airlines steuerfrei Flugbenzin tanken können und für internationale Tickets keine Mehrwertsteuer bezahlen müssen. Auch über das Dieselprivileg müsse man reden, über eine CO2-Bepreisung sowieso. Diese rückt mit dem "Fit for 55"-Paket, das die EU-Kommission im Juli präsentiert hat, näher: Das Europäische Emissionshandelssystem (ETS) soll in den kommenden Jahren auf Gebäude und Straßenverkehr ausgeweitet werden. Derzeit sind nur Industrie und innereuropäische Flugbewegungen vom Emissionshandel umfasst.

Viertel der Einnahmen aus CO2-Preis an Bahn

Von den Einnahmen aus einer CO2-Bepreisung hätte Matthä gern ein Viertel für den Bahnausbau zweckgewidmet – das sei der gleiche Anteil, den die EU zur sozialen Abfederung vorgeschlagen hat. Das Geld solle bei den Bahnen in eine europaweite Ausrollung des Zugleit- und Sicherungssystems ETCS verwendet werden, das mehr Kapazität und Sicherheit schaffe.

Auch für den Ausbau des Netzes in Ost- und Südosteuropa könnte das Geld verwendet werden. Europa müsste dort massiv in die marode Infrastruktur investieren, um eine Abkopplung des Gebiets zu vermeiden. "Wir dürfen diese Länder nicht anderen überlassen", sagt der ÖBB-Chef im Hinblick auf die massiven Investitionsprojekte von China und Russland.

Die EU soll verstärkt in Ost- und Südosteuropa investieren, sagt Matthä.
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Budapest–München in vier Stunden

Mit Hochgeschwindigkeitszügen würden Kurzstreckenflieger automatisch obsolet werden. Matthä träumt davon, dass ein Zug die Strecke von Budapest über Wien nach München einmal in weniger als vier Stunden fahren wird. Derzeit braucht die Bahn dafür rund sieben Stunden. Auch Wien–Prag–Berlin soll in vier Stunden möglich sein – das sieht er für "Mitte der 2030er-Jahre" als realistisch an.

Denn dass viele Straßen in Europa kostenfrei benützbar seien, während "auf jedem Kilometer Schiene eine Maut drauf ist", hält Matthä für unfair. Besonders für Nachtzüge müsse die Maut geringer sein, dafür könnte man diesen eine geringere Priorität zuweisen. Für den Nachtzug sei es schließlich egal, "wenn er einmal eine Stunde in Villach steht" – solange er morgens pünktlich in Venedig ankommt.

Transeuropäisches Buchungssystem in Arbeit

Mit Umsteigen und viel Zeit gelangt man freilich auch heute schon von Wien nach Lissabon, Stockholm oder Athen – doch der Weg dorthin ist schwer. Wer die Reise auf sich nehmen will, muss sich durch einen Tarifdschungel schlagen, viele Verbindungen lassen sich erst gar nicht online buchen. Ein transeuropäisches Buchungssystem, mit dem Züge so einfach zu buchen sind wie Flüge, sei das nächste Projekt im Verband der Europäischen Eisenbahnen. Wann damit zu rechnen ist? "Bis zum Ende meiner Funktionsperiode", sagt Matthä auf STANDARD-Nachfrage. Der ÖBB-Chef wurde 2021 für fünf Jahre wiederbestellt.

Auch im Güterverkehr pocht Matthä auf Kostenwahrheit, um diesen auf die Schiene zu verlagern. Während ein Straßenanschluss für Unternehmen etwa oft kostenlos sei, müssten diese sich finanziell beteiligen, wenn sie eine Schiene bis ins Firmengelände wollten.

Neben verlagern und verbessern will Matthä aber auch mehr vermeiden. Produkte quer durch Europa zu schicken, weil einzelne Produktionsschritte im Ausland billiger seien als anderswo, sei "vielleicht betriebswirtschaftlich sinnvoll, volkswirtschaftlich aber nicht". Höhere Transportkosten würden die Produktion regionalisieren – und so auch weniger Gebildeten zu einem Job verhelfen. (Philip Pramer, 31.8.2021)