In Waldbränden zeigt sich die Klimakrise in ihrer wütendsten Form. In der Regel passiert sie aber schleichend – und für viele unsichtbar.

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Manchmal sind Menschen schwerer zu verstehen als Moleküle – zumindest wenn es um die Klimakrise geht. Der Naturwissenschafts-Part des Problems ist schnell erklärt: Während die Atmosphäre Sonnenstrahlen nahezu ungehindert passieren lässt, bremst sie die Infrarotstrahlung, die von der Erde reflektiert wird. Statt zurück ins Weltall geworfen zu werden, heizt die Strahlung die Atmosphäre auf. Je mehr CO2 und andere Treibhausgase in der Luft sind, desto heißer wird es auf der Erde. Was das für unsere Zukunft bedeutet, wissen wir.

Doch was sich in unseren Köpfen abspielt, wenn wir über die Klimakrise nachdenken, ist rational kaum erklärbar. Auch wenn die wissenschaftlichen Fakten klar sind – und durch den jüngsten Weltklimabericht noch einmal klarer wurden –, behandeln wir das Problem selten mit der Priorität, die es eigentlich verdient hätte. Umweltpsychologinnen und in der Klimakommunikation tätige Menschen bezeichnen die Klimakrise manchmal als "das perfekte Problem".

Perfekt deshalb, weil es der ideale Nährboden ist, um alle Arten von Verleugnung und kognitive Fehlschlüsse sprießen zu lassen, welche die menschliche Psyche zu bieten hat. "Man könnte fast kein Problem entwerfen, das besser zu unserer zugrundeliegenden Psychologie passt", sagte etwa Tony Leiserowitz vom Yale Project on Climate Change Communication einmal.

Abstrakt, fern, unsichtbar

Es beginnt damit, dass wir uns nur mit einer begrenzten Anzahl von Problemen beschäftigen können und deshalb priorisieren müssen. Wie wir das tun, ist evolutionär bedingt: Vom Harvard-Psychologen Daniel Gilbert stammt die sogenannte PAIN-Formel: Wir stufen Bedrohungen, die wir als persönlich, abrupt und unmoralisch (immoral) empfinden und die jetzt (now) passieren, als besondere Gefahr ein. Die Klimakrise kommt bei diesem Aussortierprozess schlecht weg: Sie ist abstrakt, fern, unsichtbar und scheint uns persönlich nicht zu betreffen – zumindest glauben wir das.

Das Ausmaß der Klimakrise ist oft schwer fassbar.
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"Menschen glauben oft, dass sie und ihr Land weniger vom Klimawandel betroffen sind als andere Menschen oder Länder", sagt George Marshall, ein renommierter Experte für Klimakommunikation, zum STANDARD. Er hat die britische NGO Climate Outreach mitgegründet und beschäftigt sich seit Jahren mit den Mechanismen der Verleugnung und Verdrängung des Klimaproblems. In seinem Buch Don’t Even Think About It dröselt er sie auf.

Dass wir uns selbst nicht betroffen fühlen, wenn wir über die Folgen der Klimakrise nachdenken, sei dem "optimism bias" geschuldet, schreibt Marshall dort. Der kommt auch in anderen Bereichen vor: So würden Raucher das Lungenkrebsrisiko oft herunterspielen, weil sie glauben, selbst ein viel geringeres Risiko zu haben, an Krebs zu erkranken, als andere Raucher. Dieser Optimismus, eigentlich ein Schutzmechanismus der Psyche, kann dabei fatal sein.

Das ist auch der Grund, warum im Wirtshaus immer noch wenig über die Klimakrise gesprochen wird. Wenn eine schlimme Sache ständig über uns schwebt, reden wir ungern über sie. "So wie bei einem Barbecue in Südafrika wohl kaum jemand über die Apartheid redet – oder damals im Österreich der Nachkriegszeit über den ‚Anschluss‘", sagt Marshall.

Unangenehmes Thema

Trotz all dieser kognitiven Verzerrungen glaubt die Mehrheit an den menschengemachten Klimawandel und macht sich auch zunehmend Sorgen um das Klima – zumindest wenn man sie in Umfragen danach fragt. Wenn es allerdings um konkrete Klimaschutzmaßnahmen oder -technologie geht, werden viele skeptisch. War da nicht etwas mit Vögeln, die in Windrädern verenden? Mit Elektroautos, deren Produktion enorm viel Energie frisst? Mit verschmutzten Seen in Chile, menschenunwürdigem Kobaltabbau in Minen im Kongo?

Wenn es um Klimaschutzmaßnahmen geht, werden viele skeptisch und verfallen dem "confirmation bias".
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"Menschen prägen ihre Einstellung zum Klimawandel immer durch ihre soziale Identität", sagt Marshall. "Wir formen das Problem in ein Narrativ." Ganz objektiv wird die globale Erhitzung durch leblose Treibhausgase in der Atmosphäre verursacht. Da man diesen aber keine Schuld zuweisen kann, suchen praktisch alle Menschen nach einem Sündenbock. Je nach politischer Einstellung machen manche die Industriestaaten dafür verantwortlich, andere eine angebliche Überpopulation in Afrika, wieder andere den Kapitalismus oder ihre eigenen moralischen Schwächen – oder aber umweltbewusste Menschen selbst.

Marshall beobachtet, dass viele der Menschen, die Klimaschutzmaßnahmen kritisch sehen, einen Teil ihrer Persönlichkeit dadurch definieren, Informationen selbst zu recherchieren und daraus eigene Theorien und Entscheidungen abzuleiten. Viele von ihnen würden auch von sich selbst glauben, wissenschaftliche Informationen überdurchschnittlich gut einordnen zu können. "Viele wollen den Umweltbewussten beweisen, dass sie falsch liegen", sagt Marshall. Bei der Recherche nach Informationen kommt dabei unbewusst der sogenannte "confirmation bias" zu tragen, also der Hang, Informationen so auszuwählen, dass sie die eigene Weltsicht bestätigen.

Falsche Schlüsse

Herausgepickte Meldungen über den höheren Energieverbrauch bei der Herstellung von Elektroautos oder dass erneuerbare Energien oft im Widerspruch zum Artenschutz stehen, sind dabei zwar nicht per se falsch – aber bilden eben nicht die ganze Wahrheit ab. Dass auch Ölfelder und Kohlekraftwerke keine schönen Orte sind, verschweigen sie einfach vor sich selbst.

Dazu kommt ein Mechanismus, den Psychologen "solution aversion" nennen. Vereinfacht gesagt, verleugnen Menschen, dass ein Problem existiert, wenn sie eine Abneigung gegen die vorgeschlagene Lösung haben. Wenn in einem Experiment konservativen Personen staatliche Regulierung als Lösung für die Klimakrise vorgelegt wurde, glauben plötzlich weniger von ihnen überhaupt an den menschengemachten Klimawandel. Konfrontierte man sie hingegen mit marktbasierten Lösungen, war der Anteil höher. Rational gesehen macht das keinen Sinn – schließlich verschwindet Karies auch nicht, nur weil man eine Abneigung gegen Zahnarzttermine hat.

Die Abneigung gegen existierende Lösungen kann sogar so weit führen, dass diese geradezu boykottiert werden: Eine Studie zeigte etwa, dass der Absatz energiesparender Glühbirnen sank, nachdem man der Packung ein Label mit dem Satz "Hilf mit, das Klima zu schützen" verpasst hatte.

Jede Zielgruppe anders ansprechen

Aber wie überzeugt man nun jene, die skeptisch sind oder einfach wegschauen? Man dürfe die 70 Prozent, die sich um das Klima sorgen, nicht als uniforme Masse sehen, sagt Marshall. Unter den urbanen Akademikerinnen sind es vielleicht 90 Prozent, bei Arbeitern mit geringem Einkommen vielleicht nur 30 Prozent. Die Kunst der Klimakommunikation sei es auch, jede Zielgruppe anders anzusprechen – mit reinem Alarmismus komme man etwa oft nicht mehr weiter. So kommuniziert Marshalls Organisation Climate Outreach etwa verstärkt die gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise, da hier bei vielen das Bewusstsein besonders ausgeprägt ist.

Im deutschsprachigen Raum arbeitet etwa Klimafakten.de daran, "Interessierte nicht nur mit den richtigen Fakten, sondern auch mit Werkzeugen für Diskussionen auszustatten", wie Geschäftsführer Sven Egenter dem STANDARD sagt. Auch ihm ist wichtig, sich auf jede Zielgruppe einzustellen. In einem online abrufbaren Kommunikationshandbuch hat sein Team Tipps veröffentlicht, wie man mit Alarmierten, Besorgten oder Unbekümmerten umgeht. Nur die absoluten Wissenschaftsverweigerer versucht man gar nicht erst zu überzeugen. "Da ist die Mühe meistens vergebens", sagt Egenter. (Philip Pramer, 1.9.2021)