Aktuell hört man die Phrase von der Hilfe vor Ort wieder besonders laut. Die Umsetzung ist oft mangelhaft, weiß Elias Sagmeister. Er untersucht, wie humanitäre Unterstützung bei den betroffenen Menschen vor Ort ankommt. Im Gastkommentar zeigt Sagmeister auf, was effektive Hilfe ausmacht.

Innenminister Karl Nehammer und der stellvertretende griechische Innenminister Theodoros Livanios im September 2020 bei der Übergabe bislang kaum genutzter Hilfsgüter für Flüchtlinge.
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"Man sollte genau hinschauen, was nach den Appellen getan wird."

Viel ist derzeit wieder die Rede von der Hilfe vor Ort, im Zusammenhang mit akuten Krisen wie in Afghanistan und Äthiopien oder chronischen in Syrien und dem Jemen. Meist reden jene besonders laut davon, die sich vor ihrer Verantwortung drücken wollen. "Menschen aus Afghanistan aufzunehmen löst das Problem nicht; wichtiger ist jetzt Hilfe vor Ort." So oder so ähnlich lauten ihre Phrasen. Man sollte jedoch genau hinschauen, was nach den Appellen getan wird. Und wer den Menschen vor Ort wirklich helfen will, der sollte genau hinhören, was sie über die Wirksamkeit dieser Hilfe zu sagen haben. Ihr Feedback lehrt uns, was zu tun ist.

Solidarität statt Zynismus

Der eingeschränkte Zugang internationaler Organisationen zu Krisengebieten während der Pandemie zeigte, wie essenziell lokale Akteure sind. Nothilfe verträgt sich schlecht mit Homeoffice. Diese Erkenntnis kommt viel zu spät. Schon 2016 wurde beim Weltgipfel für humanitäre Hilfe vereinbart, ein Viertel der internationalen Hilfe über lokale Organisationen umzusetzen. Nachdem das Ziel unter großem Pomp verkündet worden war, passierte gar nichts. Heute fließt sogar ein geringerer Anteil der internationalen humanitären Hilfe – nur etwa zwei Prozent – direkt an lokale Organisationen. Zu viele Geberländer bevorzugen nach wie vor ihre eigenen NGOs und ein internationales Kartell von UN-Organisationen, anstatt diejenigen zu unterstützen, die auch vor und nach akuten Krisen vor Ort sind.

Wie derzeit in Afghanistan schmerzlich klar wird, verlangen verantwortungsvolle Partnerschaften mit lokalen Akteuren auch, für ihre Sicherheit zu sorgen, wo ihnen die eigene Hilfsbereitschaft zur Gefahr wird. Viele Länder bringen deshalb lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von NGOs vor den Taliban in Schutz. Die österreichische Regierung ist dazu nicht bereit. Stattdessen will man bewusst ein anderes Signal senden. Der Außenminister zitierte wenige Tage vor dem Fall Kabuls die afghanische Botschafterin in Wien öffentlichkeitswirksam ins Außenministerium, weil sie es gewagt hatte, ein Aussetzen der Abschiebungen in ihr Land anzuregen. In diesem Land war gerade ein Anschlag auf den Verteidigungsminister verübt und der Regierungssprecher in Kabul erschossen worden. Ähnlich zynisch wirkt der österreichische Rat an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter afghanischer Partnerorganisationen, die in der Kabuler Hölle festsitzen: Sie mögen doch bitte bei der österreichischen Vertretung im benachbarten Pakistan ein Visum beantragen. Solidarität mit Partnern vor Ort sieht anders aus.

Bargeld statt Sachleistungen

Die Pandemie zeigte auch den letzten Skeptikern, dass Bargeldhilfe dort die erste Wahl sein muss, wo schnelle und effektive Hilfe gebraucht wird. Kontaktlose Transfers auf Mobiltelefone zum Beispiel sind in Zeiten von Covid ideal. Sie können auch über zerstörte Straßen oder Fronten hinweg versandt werden. Dank der eingesetzten Technik ist die gesamte Kette vom Transfer bis zu den damit getätigten Einkäufen genau nachvollziehbar; das Risiko von Veruntreuung damit geringer als bei anderen Formen der Nothilfe.

Tausende Interviews mit den Empfängerinnen und Empfängern von Bargeldhilfe bestätigen deren positive Wirkung. Sie sind insgesamt zufriedener mit der Hilfe als diejenigen, die Sachleistungen erhalten, und können ihre Grundbedürfnisse besser befriedigen. Andere, wie eine Mehrheit der Vertriebenen in Bangladesch, Uganda und Zentralafrika, sind gezwungen, die Sachleistungen auf dem lokalen Markt zu verscherbeln, um ihren ganz persönlichen Bedarf an Nahrungsmitteln, Medizin oder Schulgebühren zu decken.

Unprofessionelle Hilfe

Es stimmt optimistisch, dass sich in den letzten fünf Jahren der Anteil der Bargeldhilfe auf rund ein Fünftel der globalen Hilfsleistungen verdoppelt hat. Angesichts von Schätzungen, dass bis zu 40 Prozent der humanitären Hilfe als Bargeld gegeben werden könnten, bleibt dennoch Luft nach oben.

Österreich fällt leider auch hier durch Negativbeispiele auf. Man hält lieber an Sachspenden fest, die sich in Flaggen verpacken lassen. Tonnenweise Zelte an Griechenland zu spenden wird auch dadurch nicht sinnvoller, dass sie persönlich vom Innenminister übergeben werden. Dann den Außenminister fälschlich behaupten zu lassen, das UN-Flüchtlingskommissariat habe die Zelte eben nicht richtig verwendet, ist einer professionellen humanitären Hilfe unwürdig, genauso wie es die Heizstrahler für Moria waren, ein Camp ohne belastbares Stromnetz.

Neutral und unparteiisch

Nachdem die Lichter am Kabuler Flughafen abgeschaltet sind und das mediale Scheinwerferlicht umgeschwenkt ist, werden neue, erschütternde Bilder aus den Krisenregionen dieser Welt eintreffen – und man wird sie wieder hören, die Phrasen von der Hilfe vor Ort.

Mehr Hilfe vor Ort – damit ist meist humanitäre Hilfe gemeint – ist durchaus notwendig. Schließlich sind derzeit 245 Millionen Menschen auf sie angewiesen, 80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Genauso wichtig ist es allerdings, die Effektivität zu optimieren. Humanitäre Hilfe muss den Prinzipien der Neutralität, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Bedarfsorientierung folgen. In Konfliktregionen, die einen Großteil der notleidenden Menschen beheimaten, sind diese Prinzipien besonders wichtig. Daran muss sich auch das österreichische Engagement messen lassen. Das renommierte Overseas Development Institute veröffentlichte 2020 ein Ranking der Qualität der Hilfsleistungen von 29 Geberstaaten. Österreich belegte Rang 27. Wir haben also noch einen weiten Weg vor uns zur besseren Hilfe vor Ort. (Elias Sagmeister, 1.9.2021)