Nach dem Abzug der US-Truppen haben die Taliban auch den Flughafen unter ihrer Kontrolle.

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Widerstandskämpfer im Panjshirtal.

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Kabul – Nach dem US-Truppenabzug aus Afghanistan lassen die militant-islamistischen Taliban mit einer Regierungsbildung weiter auf sich warten. Es gebe noch keine exakten Informationen über den Zeitpunkt, sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mujahid der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Einer möglichen Beteiligung früherer Regierungsmitglieder erteilte ein hochrangiges Mitglied der Islamisten unterdessen bereits eine Absage.

Taliban "versuchen Regierung zu bilden"

"Wir versuchen, eine Regierung zu bilden, die sowohl intern als auch international unterstützt wird", sagte der Vizechef des politischen Büros der Taliban in Katar, Sher Mohammad Abbas Stanikzai. "Aber natürlich werden die Personen, die in den letzten 20 Jahren Ministerien unter ihrer Kontrolle hatten, nicht Teil der neuen Regierung sein", sagte Stanikzai in einem BBC-Interview am Dienstag.

Ob Taliban-Führer Haibatullah Akhundzada erstmals nach der Machtübernahme der Islamisten öffentlich auftreten werde, ließ Mujahid offen. "Wir warten."

Indes lieferten sich Widerstandskämpfer nahe dem Panjshirtal nach Angaben der Taliban in der Nacht erneut Gefechte mit den Islamisten. Die Provinz Panjshir ist die einzige von 34 Provinzen des Landes, die nach den Eroberungen der Taliban noch nicht unter Kontrolle der Islamisten steht. Verhandlungen hätten bisher keine "positiven Ergebnisse" gezeigt, sagte Mujahid.

Tausende wollen über Landgrenze flüchten

Gleichzeitig versuchen immer mehr Menschen über die Landgrenze das Land zu verlassen. Allein am Übergang Islam Qala an der Grenze zum Iran drängten sich tausende Menschen, wie Augenzeugen am Mittwoch berichteten. Auch an einem Grenzübergang zu Pakistan unweit des Khyber-Passes warte eine große Zahl von Menschen darauf, dass die Tore geöffnet werden, sagte ein pakistanischer Behördenvertreter.

Ein ehemaliger US-Militärvertreter erklärte, Überlandverbindungen seien riskant, aber zurzeit die einzige Möglichkeit zur Flucht. Nach der Machtübernahme der radikalislamistischen Taliban Mitte August waren über 122.000 Personen ausgeflogen worden. Laut Uno könnten bis Jahresende bis zu einer halbe Million Menschen fliehen.

Biden rechnete mit mehr Widerstand

Erst am Dienstag nahm US-Präsident Joe Biden in einer Rede Stellung zum US-Truppenabzug und den Geschehnissen in Afghanistan. Er betonte etwa, dass die USA mit mehr Widerstandsfähigkeit der afghanischen Armee gerechnet hätten. Aber: Diese Einschätzung sei falsch gewesen, so Biden, der darin auch die Resultate von "Korruption und Dienstvergehen" seitens der afghanischen Regierung sieht.

Kurz vor der Machtübernahme der Taliban war der bisher amtierende Präsident Ashraf Ghani außer Landes geflohen. Zuvor hatten die Taliban die meisten Städte und Provinzen nahezu kampflos erobert. Die militanten Islamisten beherrschten das Land bereits von 1996 bis 2001. Eine US-geführte Militärinvasion setzte ihrer Herrschaft nach den Anschlägen vom 11. September ein Ende. Nach rund zwei Jahrzehnten Militäreinsatz sind die Taliban wieder an der Macht. (red, APA, 1.9.2021)