Leonardo DiCaprio 2002 in "Catch Me If You Can" als falscher Flugkapitän. Den gab es wirklich.

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Das Thema ist so zeitlos wie brandaktuell. Im Kino ist gerade eine Neuverfilmung von Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von Detlev Buck angelaufen – und in den Nachrichten überkommt uns täglich eine wahre Flut an Geschichten, die zwischen Hochstapelei und Betrug oft nur eine schmale Trennlinie ziehen. Prominente schreiben falsche Diplomarbeiten, Menschen geben vor, mehr zu sein, als sie sind.

Wir kennen Experten für Virologie, deren Fachwissen auf einer Kochlehre beruht. Es gibt Wunderheiler, Wirtschafts- und Medienprofis, Wirekartentippler sowie Krisenretter in der Politik, die nicht bis drei zählen können, aber fünfe gerade sein lassen. Glauben diese Leute tatsächlich an sich? Oder geht es um ein Spiel? Wie viel geht rein? The sky is the limit.

Berufung statt Beruf

Dass der Beruf des Hochstaplers mehr mit Berufung zu tun hat als mit schnödem Betrug, dürfte uns spätestens klar sein, wenn wir zwei Filme mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle vergleichen. Zum einen erleben wir ihn in Wolf of Wall Street von 2013 als kaltschnäuzigen Betrüger an der Börse. Zum anderen tänzelt er 2002 leichtfüßig als falscher Flugkapitän durch Catch Me If You Can. Beide Charaktere beruhen übrigens auf wahren Geschichten.

Im schnöden Streben nach Glück durch Reichtum hat so ein einfacher Krimineller mit einem Talent zum Verkauf von Gurkenhobeln, Heizdecken oder Aktien natürlich das Nachsehen gegenüber einem in seiner Rolle genüsslich aufgehenden Prahlhans. Dem Hochstapler geht es nicht nur darum, sich zu bereichern. Dem Hochstapler geht es um weit mehr, er will auch geliebt werden.

Falsche Richter und Ärzte

Gerade etwa steht in Düsseldorf wieder einmal der amtsbekannte Hochstapler Marco G. vor Gericht. 33 Jahre alt, hat er eingedenk der realen Vorlage für Leonardo DiCaprio in Catch Me If You Can, des US-Hochstaplers Frank W. Abagnale, schon eine Karriere als falscher Flugzeugpilot und Betrüger hinter sich. Unter anderem trat er auch schon als "Graf von Falkenstein", "Facharzt Dr. Dr. Petermeier" oder "Staatsanwalt Tassilo von Hirsch" auf und wurde bereits in 56 Fällen wegen Betrugs und Titelmissbrauchs verurteilt.

Marco G. kam mit drei Jahren Gefängnis bisher glimpflich davon. Jetzt ist er als falscher Richter erwischt worden. Da verliert die Justiz jenen Humor, den der junge Mann offenbar zu besitzen scheint. Ein psychiatrisches Gutachten, das ihm verminderte Schuldfähigkeit wegen eines "Felix-Krull-Syndroms" und einer berufsbedingt notwendigen narzisstischen Störung bescheinigt, hilft da wenig.

Apropos interessante Gutachten. Zum Verführen gehört auch, dass sich die Menschen verführen lassen wollen. Es ist anstrengend und letztlich auch nicht gesund, anderen Menschen grundsätzlich zu misstrauen. Wir gehen erst einmal ganz treuherzig davon aus, dass Menschen die Wahrheit sagen. Hochstapler sind zumeist auch mit einer überaus großen Empathiefähigkeit gesegnet, dass heißt, sie können sich gut in andere Menschen einfühlen und sozial agieren.

Auch der Habitus spielt eine Rolle. Man darf seine Rolle eben nicht spielen, man muss in ihr aufgehen. Die Sprache eines Milieus zählt ebenso wie Kleidung, Lebensstil, Freizeitverhalten, Gesten, kulturelle Interessen und so weiter. Selbstsicheres, entspanntes, angstfreies, aber auch, wenn notwendig, autoritäres Auftreten sind schon die halbe Miete. Den Rest macht die Chuzpe.

Meister ihres Fachs

Neben der falschen deutschen Erbin Anna Sorokin, die New Yorks High Society kräftig bluten ließ und nun nach ihrer Haftentlassung die Filmrechte teuer an Netflix verkaufte, zählt ein Briefträger zu den interessantesten Hochstaplern der jüngeren Geschichte. Der deutsche Gert Postel schaffte es ab 1980 nicht nur, sich als Dr. Dr. Clemens Bartholdy unter 40 Medizinern als leitender Amtsarzt der Stadt Flensburg durchzusetzen. Als späterer "Psychiater" auf anderen Posten und bis zu seiner Enttarnung Ende der 1990er-Jahre konnte er sich auch als Erfinder von Krankheiten wie "Bipolare Depression dritten Grades" wacker halten.

Gegen solche Meister wirken medienpräsente heimische Aufschneider rührend amateurhaft. Das mag daran liegen, dass sie ihren Beruf nur spielen und mehr auf Erfolg als auf Erfüllung schauen. Sie gehen in ihrer Passion nicht auf. Der Glaube aber versetzt Berge. Wird schon schiefgehen. Das tut es beim Hochstapeln so oder so. (Christian Schachinger, 2.9.2021)