Unterricht daheim erlebten durch die Pandemie alle Kinder, bei einigen wollen die Eltern das nun fortsetzen – das Ministerium will die Regeln dafür nun verschärfen.

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Mit der Corona-Pandemie ist die Zahl der Schulabmeldungen gestiegen. Wie viele Kinder im Herbst nicht mehr in die Schule zurückkehren, steht noch nicht endgültig fest – mehr als 5.600 sollen es aber österreichweit sein. Das bedeutet eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr, gegenüber der Zeit vor der Pandemie ist der Anstieg noch stärker. In Niederösterreich gibt es laut einer Recherche des Ö1-"Morgenjournals" vom Freitag 1.400 Abmeldungen, und auch in Oberösterreich und der Steiermark sind es jeweils mehr als 1.000 Kinder, die nicht zurückkehren. Die Zahl der Abmeldungen in Oberösterreich hat sich im Vergleich zum Herbst 2019 verfünffacht. Nur in Wien werde mit etwa 500 Abmeldungen eine ähnliche Lage wie in den Vorjahren erwartet.

Unterrichtspflicht statt Schulpflicht

Im Gegensatz zu Deutschland, wo es eine Schulpflicht gibt und häuslicher Unterricht verboten ist, gibt es in Österreich lediglich eine Unterrichtspflicht. Kinder können also auch häuslichen Unterricht oder eine Privatschule ohne Öffentlichkeitsrecht (diese haben nicht das Recht zur Vergabe von Schulzeugnissen) besuchen. Das muss der jeweiligen Bildungsdirektion bis zum Beginn des jeweiligen Schuljahrs angezeigt werden. Diese kann die Abmeldung nur untersagen, "wenn mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die ... Gleichwertigkeit des Unterrichtes nicht gegeben ist". Die Unterrichtspflicht geht zurück auf das Staatsgrundgesetz von 1867.

Corona verstärkte Trend

Dass jeder unterrichten könne, sei "ein bisschen ein Hohn der Pädagogik", meint die Salzburger Kinder- und Jugendanwältin Andrea Holz-Darnstädt im "Morgenjournal". Eltern, die ihre Kinder unterrichten, brauchen beispielsweise keinen Schulabschluss. Man greife auf ein Gesetz zurück, das nicht mehr zeitgemäß sei.

Was sind die Ursachen? Die Leiterin der Sektion Allgemeinbildung im Bildungsministerium, Doris Wagner, sagt dazu im "Morgenjournal": "Wir vermuten, dass Corona einen wesentlichen Anteil hat." Pädagogik brauche aber Profis, und die seien in der Schule. Viele Eltern seien sich der Verantwortung nicht bewusst, die sie mit der Abmeldung eingehen. "Ich glaube, dass man sehr viel von der Pandemie nimmt. Man glaubt, dass die Schule sehr unterstützt und Lernmaterialien bereitstellt. Das ist nicht so." Für Kinder sei es außerdem sehr wichtig, den sozialen Ort Schule zu haben, das Miteinander. Das sagt auch Kinder- und Jugendanwältin Holz-Darnstädt. Sie kennt bezüglich der Ursachen konkrete Fälle, wo Kinder abgemeldet wurden, weil die Eltern nicht gewollt hätten, dass sie in der Schule auf Covid getestet werden.

Was geändert werden soll

Das Bildungsministerium möchte deswegen künftig sicherstellen, dass den Eltern auch bewusst ist, was die Abmeldung in der Praxis bedeutet. So sind etwa Lerngruppen aus mehreren Kindern im häuslichen Unterricht nicht erlaubt, die Schule als sozialer Ort fällt damit für die Kinder weg. Es gibt auch im Gegensatz zum Fernunterricht des vergangenen Schuljahres keine Unterstützung der Lehrkräfte beim Unterricht daheim.

Wird ein Kind zum häuslichen Unterricht angemeldet, muss es außerdem am Ende des Schuljahres an einer "normalen" Schule eine Externistenprüfung über den Unterrichtsstoff ablegen. Schafft man diese nicht, darf man sich im darauffolgenden Schuljahr nicht mehr abmelden, sondern muss die Schulstufe an einer Schule mit Öffentlichkeitsrecht wiederholen. An welcher Schule die Externistenprüfung stattfindet, sollen künftig in allen Bundesländern die Bildungsdirektionen festlegen. Damit will das Bildungsministerium "Prüfungstourismus" abstellen.

Bereits mit Anfang 2022 soll zusätzlich zur Externistenprüfung schon nach dem Wintersemester überprüft werden, welche Lernfortschritte die abgemeldeten Schüler erzielen. So solle man bei Problemen frühzeitig gegensteuern können, heißt es aus dem Bildungsministerium. Rechtliche Konsequenzen wie ein früheres Zurückholen in den Regelunterricht ergeben sich daraus allerdings nicht, schließlich sind auch etwa an die Schulnachricht am Ende des ersten Semesters keine Konsequenzen geknüpft.

Für die Umsetzung dieser Pläne sind laut Bildungsministerium allerdings noch einige rechtliche Fragen zu klären.

"Eindeutiger Ausdruck des Schulchaos"

Bundesschulsprecherin Alexandra Bosek von der VP-nahen Schülerunion sieht in unbegründeten Schulabmeldungen aus Protest gegen Corona-Maßnahmen das Recht auf Bildung verletzt. "Die Kinder dürfen nicht der Meinung der Eltern zum Opfer fallen", so Bosek in einer Aussendung. Die vom Ministerium präsentierten Vorhaben seien "richtig und wichtig". Zwar müsse die Möglichkeit auf Heimunterricht unbedingt bestehen bleiben, "aber kontrolliert und mit gutem Grund". Nötig sei außerdem eine Auswertung der Schulabmeldungen nach Schulstufen und Regionen sowie daran angepasste spezifische Maßnahmen wie verpflichtende Elterngespräche und Elternabende.

Auch die SPÖ zeigte sich nicht glücklich mit den vielen Abmeldungen, diese seien ein "eindeutiger Ausdruck des Schulchaos der letzten eineinhalb Jahre." Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler meinte, man solle versuchen, Vertrauen wiederzugewinnen. Für die Neos wäre es das Beste, möglichst alle Kinder und Jugendliche an der Schule zu unterrichten. Diese sei ein "ein Ort der Begegnungen und des gegenseitigen Miteinanders", hieß es in einer Aussendung. Die FPÖ reagierte "zutiefst empört". Bildungssprecher Hermann Brückl sieht eine Drangsalierung der Eltern. Man habe nicht Sorge um die Kinder, es gehe nur ums Testen, Impfen und Strafen. (APA, red, 3.9.2021)

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