Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz wollen die Nachfolge von Angela Merkel antreten. Umfragen sehen derzeit ein knappes Rennen.

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In den Umfragen geht es rauf und runter, derzeit liegt im Rennen um das deutsche Kanzleramt Olaf Scholz (SPD) in Führung, gefolgt von Armin Laschet (CDU). Die grüne Kandidatin Annalena Baerbock kommt auf Platz drei – könnte aber noch ein starkes Finish schaffen. Wer die Kandidaten sind und wofür sie stehen im Überblick.

Annalena Baerbock: Pionierin mit Pannen

Natürlich wiederholen sich Sätze im Wahlkampf aberhunderte Male. Niemand kann die gleichen Inhalte stets mit neuen Worten beschreiben. Dennoch ist es auffällig, welchen Satz die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock am häufigsten gebraucht: "Es ist alles für die Grünen drin."

Man wähle mit ihr nicht einfach nur die Frau an Roberts Seite, stellte Annalena Baerbock klar.
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Manchmal klingt das trotzig, manchmal selbstbewusst, meist aber wie eine Selbstbeschwörung. Der Traum vom grünen Kanzleramt, er soll noch nicht ausgeträumt sein. Er ist es, der Baerbock antreibt – wenngleich von ihr nicht überliefert ist, dass sie schon als Kind die erste grüne Kanzlerin werden wollte.

Die junge Annalena wollte vor allem raus aus dem niedersächsischen Pattensen bei Hannover. Dort verbrachte sie zwar mit den Schwestern und Cousinen in einem Patchwork-Haus eine schöne Kindheit – aber es fuhr kein Bus, es war nichts los außer Trampolinspringen im Verein. Manchmal nahmen ihre Eltern sie mit zu Demos gegen das Wettrüsten und gegen Atomkraft.

Die Eltern erzogen sie zur Selbstständigkeit. Die Begründung ihres Vaters, warum er ihr und den beiden jüngeren Schwestern das Reifenwechseln beigebracht hat, erzählt Baerbock so: "Ihr wollt doch nicht blöd am Straßenrand stehen und hoffen, dass euch ein Mann hilft."

Landeschefin in Brandenburg

Baerbock, Jahrgang 1980, ging mit 16 Jahren zunächst auf ein Austauschjahr in die USA. Nach der Matura erlangte sie in Hamburg das Vordiplom in Politikwissenschaft, im Nebenfach studierte sie Öffentliches Recht. 2005 schloss sie an der London School of Economics and Political Science mit einem Master in Public International Law (Völkerrecht) ab.

Zu den Grünen kam sie über ein Praktikum bei der grünen EU-Abgeordneten Elisabeth Schroedter, für die sie später in Brüssel und Straßburg tätig war. Weniger international war eine nächste, durchaus wichtige Station für Baerbock: der Landesvorsitz der Grünen in Brandenburg zwischen den Jahren 2009 und 2013. Den gab sie auf, als sie 2013 in den Bundestag wechselte und sich dort vor allem um Europapolitik kümmerte.

Zu dieser hatte sie ein Schlüsselerlebnis im Jahr 2004 gebracht. Damals stand Baerbock in Frankfurt an der Oder und feierte im Rahmen der EU-Erweiterung die Grenzöffnung zum polnischen Slubice. "Wow! Politik kann wirklich etwas bewegen" – das sei ihr auf der Brücke über die Oder erst so richtig klar geworden.

Im Bundestag gehörte Baerbock nicht zu den Promis, und so fragten 2018 viele "Annalena, wer?", als sich Baerbock gemeinsam mit Robert Habeck, dem Star der deutschen Grünen, um die Führung der Partei bewarb.

Nicht nur die Frau an Habecks Seite

Man wähle mit ihr nicht einfach nur die Frau an Roberts Seite, stellte sie klar – und gewann damit viele Sympathien. Diese wuchsen in den nachfolgenden zwei Jahren. Habeck gilt als Menschenfänger. Doch Baerbock war es, die die Partei zusammenhielt und dafür sorgte, dass die streiterprobten Grünen ein harmonisches Bild abgaben. Sie sei stets gut organisiert und informiert, sagte man über sie.

Immer öfter hieß es daher ab Herbst 2020, sie solle doch als Kanzlerkandidatin bei der Bundestagswahl 2021 antreten. Tatsächlich verzichtete Habeck schweren Herzens, Baerbock fiel die Pionierrolle der ersten Grünen Kanzlerkandidatin Deutschlands zu. Sie strahlte, die Partei strahlte, die Umfragewerte glänzten. Dass Baerbock keine Regierungserfahrung hatte, wurde als "neu und frisch" bejubelt. Für den langweiligen Status quo stand die Konkurrenz. Plötzlich schien für die Grünen alles drin zu sein.

Doch der Höhenflug hielt nicht lange, es reihte sich Panne an Panne. Ihr Lebenslauf musste nachgebessert werden, sie vergaß, Nebeneinkünfte zu melden, viele Passagen in ihrem Buch hatte sie abgeschrieben.

Das machte Baerbock dünnhäutig. Bei manchen Terminen sah man ihr die Angst vor der nächsten Frage geradezu an. Doch mittlerweile hat sich die Mutter zweier kleinen Töchter, die in Potsdam lebt, einen Spin zurechtgelegt: Sie habe sich auch "tierisch über die Fehler geärgert" – aber bei der Wahl gehe es doch vielmehr um wichtigere Fragen wie Klimaschutz.

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Armin Laschet: Frohnatur unter Druck

Ganz zum Schluss des ersten TV-Triells der Kanzlerkandidaten wurde die Grüne Annalena Baerbock gebeten, etwas Positives über CDU-Mann Armin Laschet zu sagen. Man könne sich mit dem Unionskanzlerkandidaten in der Sache hart streiten, meinte sie – und trotzdem sei er "so eine rheinländische Frohnatur, was Bodenständiges". Laschet nahm es mit Wohlwollen auf.

Viele haben Angst, dass Armin Laschet das Erbe von Angela Merkel verspielt.
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Trotzdem ist die Frohnatur im Moment ein wenig in den Hintergrund getreten – Laschet steht im Sturm. Als er im April zum Zugpferd für diesen Bundestagswahlkampf ausgerufen wurde, lag die Union in Umfragen bei 30 Prozent. Jetzt ist man auf 22 Prozent runtergerasselt.

Bei CDU und CSU herrscht zum Teil Panik. Viele haben Angst, dass Laschet das Erbe von Angela Merkel verspielt. Andere versuchen Hoffnung zu machen, in dem sie auf seine Biografie verweisen – und darauf, dass der Nordrhein-Westfale schon oft unterschätzt worden ist.

In die Politik drängte es Laschet zunächst nicht. Der 61-Jährige stammt aus Aachen, sein Elternhaus ist tief katholisch, der Vater arbeitete als Bergmann. Laschet selbst studierte Jus in München und Bonn. Ehe es ihn in die Politik zog, war er journalistisch tätig: Der Lokalsender Charivari in München, der Bayerische Rundfunk, oder Chefredakteur der Kirchenzeitung im Bistum Aachen waren seine Stationen.

"Türken-Armin" als Minister

Klassisch erfolgte der Aufstieg in der Politik: Aachener Stadtrat, Bundestagsabgeordneter (1994 bis 1998), EU-Parlamentarier (1999 bis 2005). Die Erziehung der drei Kinder sei schon weitgehend in den Händen seiner Frau gelegen, räumte er einmal ein, sagte aber auch: "In den entscheidenden Momenten war ich da."

2005 kehrte er von Brüssel nach Nordrhein-Westfalen zurück, wurde unter dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) der erste Integrationsminister in einem deutschen Bundesland und hat bald den Spitznamen "Türken-Armin" anhaften. Er sagte schon früh: "Wir müssen die ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt unseres Landes nicht als Bedrohung, sondern als Chance und Herausforderung begreifen."

Viele in der Union sahen das damals noch nicht so. Auch 2015, als die vielen Flüchtlinge nach Deutschland kommen, stand Laschet an der Seite der Kanzlerin und versuchte nicht, so wie andere in der CDU, sich von Angela Merkels Asylpolitik abzugrenzen.

2010 verlor Rüttgers die Wahl in Nordrhein-Westfalen, die CDU musste wieder in Opposition. Laschet wäre damals gerne CDU-Chef im Land geworden, doch er konnte sich in einer Mitgliederabstimmung nicht gegen den damaligen Umweltminister Norbert Röttgen durchsetzen. Erst als auch der 2012 die Wahl vergeigte, durfte Laschet übernehmen.

Keine perfekte Inszenierung

2017 wurde Laschet Regierungschef von Nordrhein-Westfalen, seine CDU regiert dort mit der FDP. In den folgenden Jahren lässt er immer wieder durchblicken, dass ein Ministerpräsident des größten Bundeslandes (18 Millionen Einwohner) natürlich für noch Höheres prädestiniert sei.

Doch bis zur Kanzlerkandidatur dauerte es länger. Zuerst musste sich Laschet bei der Wahl zum CDU-Chef im Jänner 2021 noch gegen Friedrich Merz durchsetzen. "Ich bin nicht der Mann der perfekten Inszenierung, sondern Armin Laschet", sagte er in seiner Bewerbungsrede und zeigt seinen Glücksbringer: die Bergmannsmarke seines Vaters. "Sag den Leuten, sie können dir vertrauen", habe der ihm aufgetragen.

Die Delegieren taten es, Laschet setzte sich gegen Merz durch und stand sogleich vor dem nächsten Machtkampf. Nicht nur er, auch der in der CDU durchaus beliebte CSU-Chef Markus Söder wollte Kanzler werden.

Doch der nette Herr Laschet, der so gerne Karneval feiert, singt und lacht, erwies sich als zäher und härter, als viele von ihm erwartet hatten. Er saß das Duell einfach aus, schließlich musste Söder beidrehen und verzichten.

Jetzt ficht Laschet als Kanzlerkandidat seinen härtesten Kampf aus. "Maß und Mitte", lautet eigentlich sein politisches Credo, er will ausgleichen. Zuletzt zeigt er sich deutlich angriffslustiger. Ob das ein starkes Finish bringt, ist fraglich.

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Olaf Scholz: Der ruhige Genosse

Neulich waren in einem Fernseh-Porträt über Olaf Scholz wieder einmal ein paar Aufnahmen von früher zu sehen: aus dem Jahr 2001, damals war er Innensenator in Hamburg – oder besser gesagt: sehr fülliger und gelockter Innensenator in einem Jackett mit Goldknöpfen.

Auf einmal ist nicht mehr ausgeschlossen, dass Olaf Scholz Bundeskanzler wird.
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Von diesem Scholz ist rein äußerlich nichts mehr übrig. Seit geraumer Zeit joggt und rudert der 63-Jährige, um sich in Form zu halten. Die Haare sind ab, statt Sakkos mit protzigen Knöpfen trägt Scholz weißes Hemd und dezenten Anzug. Er tue auch körperlich sehr viel, um "dieses Amt" zu bekommen, raunt man in der SPD.

"Dieses Amt": Damit ist natürlich das Kanzleramt gemeint. Vor einem halben Jahr noch war Scholz für seine Ambitionen mitleidig belächelt worden – nicht nur, weil die SPD in Umfragen hoffnungslos weit hinter Union und Grünen lag.

Es ging auch um Scholz selbst. Klar, ein erfahrender Sozialdemokrat, ein Maschinist der Partei ist er – einerseits. Andererseits sei er zu spröde und trocken. "Scholz gehört zu jenen Politikern, die zwar gescheit denken, aber nicht gescheit kommunizieren", hat der Spiegel einmal über ihn geschrieben.

Zwischen Berlin und Hamburg

So einer könne doch nicht Bundeskanzler werden, hieß es noch vor kurzem. Doch auf einmal ist auch das nicht mehr ausgeschlossen.

Es wäre die Krönung einer sozialdemokratischen Karriere, die in Hamburg begann. Dort wuchs Scholz auf, dort studierte er Jus und arbeitete zunächst als Fachanwalt für Arbeitsrecht. Schon als 17-Jähriger trat er in die SPD ein und engagierte sich bei den Jusos.

Sein erstes Regierungsamt bekleidete er in Hamburg, dort war er 2001 Innensenator. Danach wechselte Scholz nach Berlin, wurde SPD-Generalsekretär und war maßgeblich an der Agenda 2010 beteiligt, die den Deutschen ab 2005 harte Einschnitte in den Sozialstaat brachte. Er hat sie später, als Schröder schon lange nicht mehr Kanzler war und seine Nachfolgerin Angela Merkel von den Reformen profitierte, verteidigt. Aber er betonte auch, dass man gleich einen Mindestlohn hätte einführen müssen.

In Berlin stieg Scholz zum Arbeitsminister (2007 bis 2009) auf, danach ging es wieder zurück nach Hamburg, wo er von 2011 bis 2018 Erster Bürgermeister war.

Zu Beginn schaffte er, wovon die SPD heute nur noch träumen kann: eine absolute Mehrheit. Später regierte er mit den Grünen. Doch die Hamburger Zeit endete ruhmlos. Beim G-20-Gipfel im Sommer 2017 eskalierte bei Straßenschlachten die Gewalt. Zuvor hatte Scholz noch versichert, die Hamburger bräuchten sich nicht um die Sicherheit sorgen. Denn: "Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus."

Mit "Wumms" aus der Krise

2018 verließ Scholz Hamburg wieder, er zog mit seiner Frau nach Postdam, wurde in Berlin Finanzminister und dort bald als "rote Null" verspottet, weil er den Konsolidierungskurs seines Vorgängers Wolfgang Schäuble (CDU) fortsetzte.

Als Corona die deutsche Wirtschaft beutelte, waren viele dann aber doch recht froh, dass Deutschland sich üppige finanzielle Unterstützung leisten konnte. Und Scholz, dem wegen seiner oft hölzernen Sätze der Beiname "Scholzomat" anhaftet, fand nicht nur im Geldausgeben, sondern auch an flotten Sprüchen Gefallen. Er wolle die "Bazooka" rausholen, damit Deutschland "mit Wumms" aus der Krise kommen könne, verkündete er zur Verblüffung vieler.

Bei der Basis-Konferenz im Jahr 2019 durften die Genossinnen und Genossen auch erfahren, dass Scholz sich für einen "truly Sozialdemokraten" hält. Genutzt hat dieses Bekenntnis wenig, man wählte trotzdem nicht ihn und die Brandenburgerin Klara Geywitz als SPD-Chefs, sondern Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Das frustrierte Scholz so, dass er Anfang 2020 sogar über einen endgültigen Rückzug aus der Politik nachgedacht haben soll.

Doch er blieb – und startete die Mission Kanzleramt. Lange vor Annalena Baerbock und Armin Laschet wurde er zum Kanzlerkandidaten gewählt. Scholz war auch der Erste, der sein Wahlprogramm präsentierte. Nun führen er und die SPD in Umfragen. Und Scholz glaubt fest daran: Er wird auch am Wahltag Erster sein.

Der Player am Spielfeldrand: Christian Lindner

In einem nicht ganz unwesentlichen Punkt unterscheidet sich FDP-Chef Christian Lindner von den drei Kanzlerkandidaten: Er will nicht Regierungschef werden. Er ist Realist genug, um zu wissen, dass es dafür nicht reichen wird. Doch spätestens wenn es um die Koalitionsbildung geht, könnte ihm eine tragende Rolle zukommen.

Christian Lindner will jetzt Regierungsverantwortung übernehmen.
Foto: imago images/Kirchner-Media

Zielstrebig war der 42-Jährige, der aus Nordrhein-Westfalen stammt, schon immer. Als Schüler gründete er eine Werbeagentur, während des Zivildiensts fuhr er Porsche. Nun möchte er die Liberalen und sich in eine Regierung führen.

Nach der Bundestagswahl 2013 übernahm Lindner die Partei – einen Trümmerhaufen –, nachdem sie aus dem Bundestag geflogen war.

Mit großem persönlichen Einsatz führte er sie 2017 dorthin zurück – und hätte auch gleich mit Angela Merkel regieren können. Doch Lindner ließ die Jamaika-Verhandlungen zwischen Union, FPD und Grünen platzen, was ihm lange nachhing.

Jetzt ist er bereit, Verantwortung zu übernehmen. Aber nur, wenn Steuersenkungen, ein Kernthema der FDP, genug berücksichtigt werden. (Birgit Baumann aus Berlin, 4.9.2021)