Elektroautos sind dank staatlicher Subventionen gefragt wie nie. In Deutschland lag ihr Anteil an den Neuzulassungen im August bei 27,6 Prozent, wenn man Plug-in-Hybride mitrechnet. Nun sollen kleine Stadtautos die Elektromobilität zu einem Massengeschäft machen. "Mobilität mit 100 Kilometern Reichweite reicht für die Stadt völlig aus", sagt Axel Schmidt, Auto-Experte des Beraters Accenture. Auf der kommende Woche beginnenden Automesse in München zeigen mehrere Hersteller batteriegetriebene Kleinstwagen, die in jede Parklücke passen. Im Rampenlicht der IAA Mobility stehen jedoch Stromer der gehobeneren Preisklasse wie Elektro-SUVs und leistungsstarke E-Sportwagen, weil sich mit denen das nötige Geld verdienen lässt, um die elektrischen Neuentwicklungen zu finanzieren.

E-Autos unter 20.000 Euro

Kleinwagen profitabel zu bauen, ist wegen der EU-Klimavorgaben eine Kunst. Sprit-Spar-Techniken sind für Mikro-Autos, die ja möglichst billig sein sollen, zu teuer. Für E-Fahrzeuge gilt das wegen der teuren Akkus erst recht. Deswegen arbeiten die Hersteller mit Hochdruck an günstigeren Batterien. Je größer die Stückzahlen, desto niedriger die Kosten, lautet die Logik.

Den Renault Twizy kennt man als kompakten Zweisitzer auch von Wiens Straßen.
Foto: Renault

Volkswagen zeigt auf der Messe den "Small BEV" als Studie, ein E-Auto noch kleiner als der kompakte ID.3, das um die 20.000 Euro kosten und 2025 auf den Markt kommen soll. Renault ist mit dem Zoe schon in diesem Segment unterwegs und hat mit dem Twizy außerdem einen elektrischen Zweisitzer für die Stadt im Angebot.

Fahrbar auch für 15-Jährige

Opel bringt mit dem Rocks-e einen Stromer an den Start, der als Leichtkraftfahrzeug eingestuft wird und schon von Jugendlichen ab 15 Jahren gefahren werden kann. Der 2,41 Meter kurze Zweisitzer für Elektroeinsteiger kommt den Angaben zufolge mit einer Batterieladung bis zu 75 Kilometer weit und schafft 45 Stundenkilometer. Der Wagen ist in München allerdings nicht zu sehen, da Opel – wie mehrere andere Autobauer auch – der Messe fernbleibt.

Keine Schönheit, aber praktisch: Der Rocks-e von Opel.
Foto: Opel

Es geht auch noch kleiner: Der faltbare City-Transformer aus Israel, der auf der IAA seine Weltpremiere feiert, bietet ebenfalls Platz für zwei Personen und kann wie ein Motorrad abgestellt werden. Laut Hersteller ist es das erste E-Fahrzeug, das seine Größe verändern kann, um in jede noch so kleine Parklücke zu passen. Auch der Microlino wird in München gezeigt – der E-Wagen eines Schweizer Start-ups zum Preis ab 12.500 Euro erinnert an die legendäre Isetta von BMW in den 1950er-Jahren.

Mini-EV mit 16 Prozent Marktanteil

"Der nächste Schritt bei Elektroautos sind kleine Stadtautos", ist Ferdinand Dudenhöffer überzeugt. Der Leiter des Center Automotive Research verweist darauf, dass solche Fahrzeuge in China reißenden Absatz finden. Dort ist das meistverkaufte Elektroauto der Mini-EV der Marke Wuling. Das ist ein Kleinstwagen, den der VW-Rivale General Motors mit dem chinesischen Partner SAIC baut. In Summe habe der Marktanteil des Mini-EV in den ersten sieben Monaten bei 16 Prozent gelegen. "Das hat in seinen besten Zeiten noch nicht mal der Golf in Europa geschafft", sagt Dudenhöffer.

Ab 3.750 Euro kostet der Hongguang Mini in China.
Foto: General Motors

Seiner Meinung nach sind solche Fahrzeuge für die europäischen Autobauer ein Muss. VW, Ford, Renault, Opel-Peugeot und Fiat müssten sich sputen. Denn mit ihren kleinen E-Autos hätten die Chinesen die Chance, rasch auch in Europa Fuß zu fassen. "Der Markt ist spannend und bei der IAA wird ja der zukünftige Elektro-Smart aus China aus der Gemeinschaftsproduktion von Mercedes und Geely zu sehen sein." Wichtig für den Erfolg sei ein wettbewerbsfähiger Preis. "Sicher kann man Premium hier anbieten, aber die große Welle wird durch Preisstrukturen um die 10.000 Euro in der Zukunft geprägt", sagt Dudenhöffer.

Billige E-Autos für Europa?

Accenture-Experte Schmidt ist davon weniger überzeugt: "Ich würde ein Fragezeichen anmelden, ob es in Deutschland einen Markt für E-Autos unter 10.000 Euro gibt. Schmidt verweist darauf, das die Batteriekosten immer noch der dominierende Faktor sind. Selbst eine kleine Batterie sei nicht unter 5.000, 6.000 Euro zu bekommen: "Damit bleiben noch 4.000 Euro für die Hülle, die Marge gar nicht eingerechnet. Das ist sehr schwer realisierbar." Auch Peter Fuß von der Unternehmensberatung EY glaubt nicht an einen raschen Erfolg kleiner Batterie-Autos. Die Technik müsse sich erst durchsetzen. Danach könne man darüber nachdenken, sie auch für kleinere Autos zu nutzen. Das werde aber dauern.

Der Autoprofessor Stefan Bratzel sieht die deutschen Premiumhersteller mit ihren Stadtgeländewagen dabei im Vorteil. Aus Sicht des Klimaschutzes würden sich kleinere E-Autos zwar anbieten, sagt der Chef des Center of Automotive Management. Er sieht das aber eher bei großen Fahrzeugflotten im Carsharing oder bei Lieferdiensten. In die eigene Garage würden sich vermutlich nur wenige solch ein Kleinstfahrzeug stellen. Dazu habe das Auto in Deutschland immer noch einen zu großen Stellenwert als Statussymbol. Aber das kann sich ja ändern. (Reuters, 6.9.2021)