Staatliche Corona-Hilfen wirken lebensverlängernd. Schwach aufgestellte, bisweilen blutleere Unternehmen bleiben im Markt und gefährden damit gesunde Betriebe.

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Wien – Die Zahl der Zombie-Unternehmen hat sich im vergangenen Jahrzehnt nahezu verdreifacht – und ihre Anzahl wird weiter steigen. Zu diesem Ergebnis kommt das Beratungsunternehmen Kearney nach Auswertung von vier Millionen Datensätzen von 67.000 börsennotierten Unternehmen aus 154 Branchen und 152 Ländern.

70 Prozent dieser Unternehmenszombies sind keine Neuerscheinungen, sondern sozusagen Bestands-Zombies, also schwachbrüstige Unternehmen, die dank des billigen Geldes der Notenbanken nicht aus dem Markt gefegt werden, wie es in der am Montag veröffentlichten Analyse heißt. Auch die teils üppig fließenden Staatshilfen während der Corona-Pandemie sichern diesen Unternehmen das Überleben.

Loch-auf Loch-zu

Zombies nennt man nach Definition der Industriestaatenorganisation OECD jene Unternehmen, die mindestens zehn Jahre auf dem Markt sind und drei Jahre hintereinander nicht in der Lage sind, den Zinsendienst aus dem operativen Ergebnis zu decken. Sie weisen ein negatives Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) aus und praktizieren "Loch auf, Loch zu", können ihre mittel- und langfristigen Verbindlichkeiten also nicht bedienen, bringt es Gerhard Weinhofer vom Gläubigerschützer Creditreform auf den Punkt.

Im internationalen Vergleich am stärksten zombifiziert ist laut Kearney der Immobiliensektor. Im Coronajahr 2020 hatte die Real-Estate-Branche mit 7,4 Prozent einen fast dreimal so hohen Zombie-Anteil wie die Autobranche (2,8 Prozent). Die meisten sind in Metropolen ansässig, die einen Bauboom hinter sich haben, also Singapur, Malaysia und Indien. Schwer zombifiziert seien mit 5,9 Prozent auch Hotels und Kreuzschifffahrt.

Zombie-Virus

Stärker infiziert mit dem Zombie-Virus scheint auch der Online-Handel zu sein, zumindest im Vergleich mit Handelsunternehmen im niedergelassenen Bereich, wobei hier der von der Pandemie vergleichsweise gering beeinträchtigte Lebensmittelhandel am besten abschneidet. Als mögliche Erklärung haben die Kearney-Berater die "geringe bilanzielle Substanz" der meist neuen Onlinehändler" ausgemacht.

Was noch auffällt: Größe scheint vor Zombifizierung zu schützen. Zumindest gibt es im Segment unter 500 Millionen Dollar (rund 420 Millionen Euro) Jahresumsatz deutlich mehr Zombies als bei einem Jahresumsatz über einer halben Milliarde.

Spitzenreiter USA

Im Ländervergleich haben die USA unangefochten die Nase vorn. In Nordamerika gab es bereits 2010 nach der Finanzkrise 201 Zombie-Unternehmen, das sind dreimal so viele wie in Europa. Bis 2019 stieg ihre Zahl auf 306, um im Coronajahr 2020 auf 334 zu klettern. Europa holte freilich auf: Mit 300 Zombies, die ihre Waren und Dienstleistungen in der Not gegebenenfalls unterpreisig verschleudern, füttert die alte Welt irrational agierende und damit gefährliche Marktteilnehmer durch. China (von 49 im Jahr 2019 auf 73 im Vorjahr) und Deutschland (von zwölf auf 16) holen auf.

In Österreich sieht Creditreform-Geschäftsführer Weinhofer im Jahr zwei der Pandemie noch keine unkontrollierte Zombie-Vermehrung. Mehr als fünf Prozent, das sind rund 500 Unternehmen, stünden unter Zombie-Verdacht. Im Juni habe es einen Anstieg gegeben, aber diese Zahl sei noch nicht aussagekräftig, weil zu wenige Jahresabschlüsse des Jahres 2020 vorlägen. Auch die Insolvenzen seien noch nicht auf Vorkrisenniveau. Mehr werde man vermutlich im Spätherbst wissen, wenn Weihnachtsgeld und Kreditraten zu Überlastung führen würden.

Schwächen verschleiert

Auch Berater Advicum sieht Produktivitäts- und Effizienzschwächen durch Corona-Hilfen und Stundungen zugedeckt. Dadurch würden überfällige Restrukturierungen auf die lange Bank geschoben. Bei einem "gesünderen", um 1,5 Prozent höheren Zinssatz würde der Zombie-Anteil um fast 20 Prozent steigen, ergab der Kearney-Stresstest. (Luise Ungerboeck, 7.9.2021)