Airsoft-Waffen sind für Laien kaum von echten Schusswaffen zu unterscheiden.

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Wien – Waffenproduktion hat hierzulande eine lange Tradition, prominente Branchenvertreter wie Glock oder Steyr Mannlicher kommen aus Österreich. Doch auch im Spielzeugwaffensegment hat sich ein heimisches Unternehmen weit oben etabliert, konkret im Bereich Airsoft. Die Wiener Firma Novritsch stellt einerseits täuschend echte Waffen her, andererseits die entsprechende Ausrüstung von den Schuhen bis zur Schutzbrille. Das Spielkonzept von Airsoft ähnelt jenem von Paintball: Zwei Teams versuchen, sich im Gelände abzuschießen. Krieg spielen sozusagen.

Die Munition unterscheidet sich deutlich von Paintball, sie besteht aus gepresster Maisstärke und hinterlässt keine Farbspuren. "Die sechs Millimeter großen Kugeln fliegen mit einem Rückdrall und dadurch weiter und zielgenauer", sagt Novritsch-Mitgründer Dominik Knoll zum STANDARD. Generell unterscheide sich Airsoft von Paintball. Spieler würden sich die eigene Ausrüstung zusammenstellen und ständig daran feilen. Beim Paintball borge man sich Material aus.

Schwieriges Image

Einen guten Ruf wie Ballsportarten genießen Airsoft und Co nicht. Das ändere sich laufend, meint Knoll. Politiker, die im Wald mit solchen Waffen posieren, hätten nicht geholfen. "Mittlerweile ist es ein anerkannter Sport, den in Österreich jährlich rund 2000 Leute ausüben."

Airsoft-Pistolen kosten bei Novritsch zwischen 100 und 150 Euro, Gewehre beginnen etwa bei 300 Euro. Firmenangaben zufolge macht Novritsch einen jährlich Umsatz von rund 30 Millionen Euro und exportiert in 80 Länder. Das Team besteht aus 55 Personen aus 17 Nationen. Produkte werden in Wien entworfen – am Computer und mithilfe eines 3D-Druckers. Produziert wird dann in 70 Fabriken in Asien.

Warum überhaupt Krieg spielen? Knoll zufolge finden Menschen den Adrenalinkick fesselnd. "Egoshooterspiele und Schießereien im Fernsehen mögen die Leute auch, bei Airsoft bewegen sie sich auch noch."

Die Psychologin und Psychotherapeutin Sabine Ernst-Travnicek sieht darin grundsätzlich kein Problem: "Man kann sich im sozial tolerierten Bereich ausleben, Aggressionen und Frust abbauen. Das hat wohl für viele einen Anreiz." Die Auswirkungen auf die Psyche ließen sich nicht verallgemeinern. "Wer beruflich und sozial im Leben steht, wird sich nicht beeinflussen lassen. Bei labilen Einzelgängern ist es aber möglich, dass die Hemmschwelle zu Gewalttaten sinkt", sagt die Psychologin, die selbst waffenpsychologische Verlässlichkeitsüberprüfungen durchführt.

Alles begann mit Youtube

Novritsch betreibt mit 4,42 Millionen Followern einen der erfolgreichsten Youtube-Kanäle Österreichs. Dort sind etwa Videos von Wettkämpfen, Produktvorstellungen und Interviews zu sehen. Knoll meint, Verletzungsgefahr bestehe kaum, und es tue auch nicht weh. Im Youtube-Kanal finden sich jedoch Videos, die das Gegenteil insinuieren. Schmerz garantiert heißt eines, ein Apfel wird zerschossen oder Menschen, die aufschreien, wenn sie getroffen werden, sind zu sehen.

Knolls Geschäftspartner Christoph Neuwirth zog den Kanal auf, er stieg ein, weil er Potenzial sah. Physische Produkte waren anfangs nicht der Plan. "Wir wollten Youtuber sein", sagt Knoll, "doch trotz großer Reichweite fanden wir nur vereinzelt Firmen, die bereit waren, bei uns zu werben. Maximal 500 Euro." Die beiden versuchten in den USA ihr Glück, auch dort verlief die Sponsorensuche im Sand. 2017 fiel dann die Entscheidung, eine eigene Firma aufzubauen. Der Weg führte nach Taiwan, dort wurde monatelang an Produkten entwickelt, die "westlichen Standards" entsprachen.

Die Watschn

Auf einen erfolgreichen Start folgten die "Watschen". "Unsere Produkte kamen an, wir haben in den ersten zwei Wochen eine Million Euro Umsatz gemacht", erzählt Knoll. Paypal habe dann die Gelder eingefroren, die Bank das Konto gekündigt. "Kriminalitätsverdacht". Zahlreiche Verzögerungen in der Produktion kamen hinzu, und einmal hielt der Zoll in Hamburg einen Container für 15 Monate fest. Novritsch wurde wegen Waffenhandels und Bandenkriminalität angeklagt .

"Es dauerte, bis der Zoll gemerkt hat, dass es sich um Spielzeugwaffen handelt." Es sei alles schiefgegangen, was schiefgehen kann. Doch dafür laufe es jetzt. Kommendes Jahr will Novritsch den Umsatz verdoppeln und bis 2023 sogar auf 120 Millionen Euro ausbauen. (Andreas Danzer, 8.9.2021)