Vielerorts wird noch mit Kohle Strom erzeugt. Die Folgen für das Klima sind fatal.

Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und all ihren Folgen wie Lockdowns und Homeoffice zeigte sich vor allem eines: Die CO2-Bilanz lässt sich durchaus mit Einschränkungen beeinflussen. Während des Lockdown-Höhepunktes im Frühjahr 2020 stellten Wissenschafter einen um durchschnittlich 17 Prozent niedrigeren globalen CO2-Ausstoß pro Tag fest, wenn auch nur vorübergehend. Bereits Anfang Juni lagen die täglichen CO2-Emissionen nur noch rund fünf Prozent unter denen von 2019.

Ein Hoffnungsschimmer ...

Dennoch sahen einige Experten die Krise als Chance für ein Umschwenken: Als Wirtschaftswissenschafter den Energiesektor im vergangenen Jahr näher in Augenschein nahmen, stellten sie fest, dass sich im Zuge der Corona-Einschränkungen die Möglichkeit böte, einen langfristigen Trend deutlich abzukürzen. Als im Vorjahr die Pandemie der Weltwirtschaft immer stärker zusetzte, bekam das der ohnehin schon angeschlagene Kohlesektor besonders zu spüren. Wenn die Nachfrage nach Strom sinkt, werden Kohlekraftwerke aus Kostengründen normalerweise zuerst abgeschaltet.

Dies führte dazu, dass nur innerhalb eines einzigen Jahres fossile Brennstoffe teilweise aus dem Stromerzeugungsmix verdrängt wurden. Vor allem dieser Umstand war es, der die globalen CO2-Emissionen erkennbar sinken ließ. In Indien, den USA oder den europäischen Ländern ging der CO2-Ausstoß bei der Energieerzeugung zeitweise sogar um bis zu 50 Prozent zurück. Gleichzeitig zog der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen am Strommix in einigen Ländern an den fossilen Energieträgern vorbei. Kein Wunder, ist Ökostrom auch ein durchaus lukratives Geschäft. Der globale Photovoltaikmarkt wuchs zwischen 2010 und 2018 um jährlich 37 Prozent.

... und die Ernüchterung

Doch die Hoffnung der Experten auf eine endgültige Trendwende erfüllte sich nicht, die Talfahrt des Kohlesektors stoppte mittlerweile – und die meisten Prognosen für den Klimakiller weisen erneut steil nach oben, zumindest in einigen Weltregionen. So geht zwar die Kohleproduktion in Australien und der EU weiter zurück, in Asien und Teilen Afrikas dagegen zeichnet sich wieder eine deutliche Zunahme der Kohlenutzung ab. Laut der britischen Forschungs- und Beratungsfirma Global Data dürfte sich die weltweite Kohleproduktion gegenüber dem Vorjahr um etwa 3,5 Prozent auf etwa acht Milliarden Tonnen erhöhen. Bis 2025 rechnen die Analysten von Global Data mit einer jährlichen Förderung von 8,8 Milliarden Tonnen Kohle, was einer Zunahme von 2,3 Prozent pro Jahr entspricht.

All diese Zahlen verdeutlichen, dass die Welt in Sachen Reduktion fossiler Brennstoffe noch lange nicht dort ist, wo sie hinmuss, wenn man der Klimaerwärmung Einhalt gebieten will. Und wo genau das sein sollte, haben nun Wissenschafter in einem aktuellen Modell herausgearbeitet: Fast 60 Prozent der angenommenen Erdöl- und Erdgasreserven sowie 90 Prozent der Kohlereserven müssten demnach im Boden bleiben, wollen wir bis 2050 eine Chance von mindestens 50 Prozent haben, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Neubewertung früherer Zahlen

81 Prozent des weltweiten Energiebedarfs werden immer noch von fossilen Brennstoffen gedeckt, berichtet das Forscherteam um Dan Welsby vom University College London im Fachjournal "Nature". Im Jahr 2015 kamen Experten ebenfalls in einer "Nature"-Studie zu dem Schluss, dass bis 2050 ein Drittel der Ölreserven, die Hälfte der Gasreserven und über 80 Prozent der Kohlereserven ungenutzt bleiben sollten, damit das 2-Grad-Celsius-Ziel erreichbar bleibt. Aufbauend auf dieser früheren Arbeit bewerteten Welsby und seine Kollegen die Situation neu.

Ihre Modellberechnungen basierend auf einem globalen Energiesystemmodell ergaben dabei eine deutliche Erhöhung der früheren Werte, insbesondere beim Öl. Dort müssten gegenüber den Ergebnissen von 2015 zusätzlich 25 Prozent der Reserven im Boden verbleiben. Freilich sind die Ergebnisse regional unterschiedlich: In einigen Ländern und Gegenden sei die Förderungsgrenze bereits erreicht oder überschritten worden. Dazu gehört beispielsweise auch die Arktis. Eigentlich dürfte dort also gar keine Kohle, Erdgas oder Öl mehr abgebaut werden. "Dies hat wichtige Auswirkungen auf die Unternehmen, die darauf setzen, diese Reserven in der Zukunft zu Geld zu machen, sowie auf aktuelle und künftige Investoren", so die Autoren.

Regionale Unterschiede

Nicht alle Länder sind davon im selben Ausmaß betroffen. So beläuft sich der nicht mehr nutzbare Anteil der Ölvorkommen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf 38 Prozent, ist also im Vergleich zu anderen Vorkommen der Welt geringer. Das liege daran, dass sich diese Ölvorkommen besonders günstig fördern lassen. In Kanada dagegen müssten 83 Prozent der Ölreserven im Boden bleiben, um das 1,5-Grad-Klimaziel erreichen zu können.

Alles in allem wird die Abkehr von fossilen Energieträgern eine enorme Herausforderung, ganz besonders für jene Länder, deren Wirtschaft etwa von der Ölförderung abhängig ist. Das nötige grundlegende Umdenken im globalen wie regionalen Maßstab wird alles andere als einfach zu bewerkstelligen sein. "Die Entwicklung neuer kohlenstoffarmer Wirtschaftszweige, die für Beschäftigung und Einkommen sorgen werden, ist dabei von entscheidender Bedeutung", meinen Welsby und seiner Kollegen.

Es ist vielleicht noch schlimmer

Vermutlich ist die Situation aber noch viel schlimmer, als sie sich in der Studie darstellt: Das Team um Welsby weist darauf hin, dass seine Modellierungen die realen Notwendigkeiten beim Rückgang fossiler Brennstoffe noch unterschätzen. "Das liegt daran, dass wir ein Kohlenstoffbudget zugrunde gelegt haben, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius vorsieht." Unsicherheiten wie beispielsweise Rückkopplungseffekte im Erdsystem wurden dabei nämlich nicht berücksichtigt. "Das düstere Bild, das unsere Szenarien für die globale Kohle-, Öl- und Erdgasindustrie zeichnen, ist somit sehr wahrscheinlich eine Untertreibung", so Welsby.

Dass gerade in der so schmutzigen Kohlesparte die wirtschaftlichen Prognosen mancherorts wieder steil nach oben gehen, läuft natürlich der von den Wissenschaftern geforderten Entwicklung zuwider und gibt kaum Anlass zu Optimismus, dass die errechneten Ziele tatsächlich erreicht werden könnten. Die Chance nicht zu nutzen, die die Covid-19-Pandemie in dieser Hinsicht bietet, sei demnach fatal und letztlich unverantwortlich. (tberg, 8.9.2021)