Die Taliban drängen Frauen zusehends aus dem öffentlichen Raum.

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Eine Vertreterin der Vereinten Nationen hat den Taliban vorgeworfen, ihr Versprechen, die Rechte von Frauen in Afghanistan zu respektieren, zu vernachlässigen. "Wir erhalten jeden Tag Berichte über Rückschritte bei den Frauenrechten", sagte die in Kabul ansässige UN-Frauenrechtlerin Alison Davidian am Mittwoch in einer Videokonferenz. Frauen in Afghanistan werde nun etwa verboten, ohne männliche Begleitung das Haus zu verlassen oder zu arbeiten.

Die Taliban haben seit ihrer Machtübernahme wiederholt versichert, ihre Herrschaft werde sich von ihrer Zeit an der Macht in den 1990er-Jahren unterschieden. Damals mussten Afghaninnen zu Hause bleiben, die meisten Unterhaltungsangebote waren verboten, und es wurden Strafen wie Steinigungen und öffentliche Hinrichtungen verhängt. Speziell zu Frauenrechten erklärten die Islamisten nun, diese würden "im Rahmen des Islam" respektiert.

Taliban lassen 200 Personen aus dem Land

Am Dienstag hatten die Taliban ihre neue Regierung vorgestellt. Im Kabinett finden sich ausschließlich Männer mit langjähriger Zugehörigkeit zu der islamistischen Bewegung. Die Taliban hätten damit "eine entscheidende Gelegenheit verpasst, der Welt zu zeigen, dass sie sich wirklich für den Aufbau einer integrativen und wohlhabenden Gesellschaft einsetzen", sagte Davidian. Die neuen Machthaber müssten zeigen, "dass sie für alle Afghanen regieren".

Wie die USA bestätigen, haben die Taliban mittlerweile zugestimmt, 200 Amerikaner und weitere Drittstaatsangehörige aus der Hauptstadt Kabul ausfliegen zu lassen. Die Betroffenen sollen noch am Donnerstag mit Chartermaschinen außer Landes gebracht werden. Um welche Personen es sich handelt, ist laut der anonymen Quelle, die mit der Nachrichtenagentur Reuters gesprochen hat, nicht bekannt.

Nato setzt erstmals seit 16 Jahren auf Krisentruppe

Weil sich die Zahl der Flüchtlinge, die außer Landes kommen wollen, weiterhin nicht verringert, setzt die Nato erstmals seit 16 Jahren wieder Einheiten ihrer Krisenreaktionstruppe NRF ein. Laut Recherchen der Deutschen Presse-Agentur sind derzeit rund 300 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz, um bei der Versorgung und vorübergehenden Unterbringung von Afghanen zu helfen, die nach der Machtübernahme der Taliban aus ihrer Heimat nach Europa gebracht wurden. Hinzu kommen hunderte Nato-Mitarbeiter, die die Operation aus Kommandos und Hauptquartieren unterstützen.

Einheiten der NRF waren zuletzt 2005 in den Einsatz geschickt worden, um Opfern des Wirbelsturms Katrina in den USA und der Erdbeben in Pakistan zu helfen. Andere Vorschläge zu ihrer Verwendung scheiterten an mangelnder Einstimmigkeit unter den Nato-Staaten. So hatten die USA 2009 vorgeschlagen, die Truppe zur Verstärkung der Militäroperationen der Nato in Afghanistan zu nutzen – Deutschland und andere Nato-Staaten lehnten das jedoch ab. Kampfeinsätze hat die in den Jahren nach 2002 aufgebaute NRF deshalb noch nie absolviert.

Versorgung evakuierter Afghanen

Die Gesamtstärke der Truppe wurde zuletzt mit 40.000 Soldatinnen und Soldaten angegeben. Sie werden im jährlichen Wechsel von unterschiedlichen Nato-Staaten gestellt.

Bei dem neuen Einsatz geht es nach Bündnis-Angaben vor allem um die Versorgung evakuierter Afghanen, die mit der NATO zusammengearbeitet haben und noch keine längerfristige Bleibe haben. Das sind inklusive Familienmitgliedern rund 1.400 Menschen. Für sie wurden nach Informationen der dpa Notunterkünfte im Kosovo und in Polen eingerichtet.

Die Truppe könne nicht nur eine schnelle militärische Reaktion in Krisensituationen sicherstellen, sondern auch friedensunterstützende Operationen durchführen, kritische Infrastruktur schützen und Katastrophenhilfe leisten, heißt es seitens der Organisation.

China unterstützt Afghanistan mit Hilfsgütern

Abgesehen von dieser organisatorischen Unterstützung tritt nun auch China auf den Plan – und bietet Afghanistan humanitäre Hilfsgüter im Wert von 200 Millionen Yuan an. Das entspricht umgerechnet 26 Millionen Euro. Es handelt sich unter anderem um Getreide, Medizin und Impfstoffe, teilte das chinesische Außenministerium am Donnerstag mit. Die Zusage machte Außenminister Wang Yi auf einer Videokonferenz mit Amtskollegen anderer Nachbarländer Afghanistans. In einer ersten Charge werde China drei Millionen Dosen seines Corona-Impfstoffs liefern.

China sei zudem bereit, weitere Nothilfe und Güter für den Kampf gegen die Pandemie zu liefern, hieß es. Afghanistan sei mit ernsten Herausforderungen wie humanitären Problemen und der Pandemie konfrontiert, sagte Wang nach Ministeriumsangaben in den Gesprächen. Die Nachbarstaaten wollten Afghanistan helfen, "aus dem Chaos zu kommen". Er rief aber auch die USA auf, nach ihrem Rückzug ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Sie seien "mehr als irgendein anderes Land verpflichtet", wirtschaftliche und humanitäre Hilfe zu leisten, um die Afghanen zu unterstützen, Stabilität zu wahren und Chaos zu vermeiden.

An der Videokonferenz nahmen auch die Außenminister Pakistans, des Iran, Tadschikistans und Usbekistans sowie der Vizeaußenminister Turkmenistans teil. (red, APA, 9.9.2021)