Wir reagieren nur auf den Bedarf von Konsumenten nach Öl und Gas, heißt es von Ölunternehmen wie ExxonMobil. Der Klimawandel werde von den Konsumenten entschieden.

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Wer den Twitter-Account des Ölgiganten ExxonMobil durchsieht, könnte glauben, dass es sich dabei um einen Windkrafterzeuger handelt – oder um eine NGO. Das Unternehmen hilft, Plastikmüll in Chile zu recyceln, fördert den weltweiten Kampf gegen Malaria, gibt Kindern aus Indien und Entwicklungsländern die Chance auf einen Job und eine Karriere, ist Vorreiter in Sachen Windenergie und unterstützt die Erreichung der Pariser Klimaziele. So zumindest lauten die Informationen, die ExxonMobil in Form von kurzen und anschaulichen Videos und Grafiken seit einiger Zeit der Öffentlichkeit vermittelt.

Das Unternehmen ist nicht das einzige, das zu einem Imagewandel ansetzt: Der Ölgigant Shell vermittelt in kinoähnlichen Videos, dass er Frauen in Indien dabei unterstütze, Jobs in bisher männerdominierten Branchen – beispielsweise als Truck-Fahrerin – zu finden. BP gibt an, die #WeThe15-Kampagne zu unterstützen, die weltweit Menschen mit Behinderung helfen will. Und Chevron wirbt damit, die Arbeitsbedingungen und Gesundheit aller beim Unternehmen beschäftigten Menschen zu verbessern.

Bewusste Strategie

Laut einer kürzlich erschienenen Studie von Wissenschaftern der Universität Harvard ist diese Kommunikation eine bewusste Strategie, um politische Maßnahmen gegen den Klimawandel zu verlangsamen, Ölunternehmen aus der Verantwortung zu ziehen und den Nutzen von Öl und Gas in der Gesellschaft zu legitimieren.

Gleichzeitig entfernt sich die Industrie damit von jener Rhetorik, mit der sie noch in den 1980er- und 1990er-Jahren argumentierte: Über Jahrzehnte hinweg zweifelten Ölkonzerne wie ExxonMobil die Forschung zum menschengemachten Klimawandel öffentlich an und finanzierten eigene Studien, die den Einfluss der Konzerne auf den Klimawandel herunterspielten, heißt es in Analysen von Wissenschaftern und Journalisten. Seit Mitte der 2000er-Jahre sei die Industrie jedoch davon abgegangen, den Klimawandel öffentlich infrage zu stellen, und habe stattdessen zu subtileren Strategien gegriffen.

"Richtige" Kaufentscheidungen

Eine davon sei laut Harvard-Studie, dass die Verantwortung für den Klimawandel auf Konsumenten abgewälzt wird. Der Klimawandel würde überhaupt nicht existieren, wären Konsumentinnen und Konsumenten nicht so verrückt nach Öl und Gas, so die Argumentation. Ölunternehmen würden lediglich auf den bestehenden Energiebedarf und andere individuelle Bedürfnisse reagieren. Es liege in den Händen der Konsumenten, die "richtigen" Kaufentscheidungen zu treffen.

Das Unternehmen Shell beispielsweise veröffentlicht regelmäßig Videos zu Maßnahmen, die Konsumenten setzen können, um "ihren Beitrag" zum Klimaschutz zu leisten, etwa auf CO2-neutrale Energie umsteigen. BP wiederum entwickelte einen Onlinerechner, mit dem der CO2-Fußabdruck berechnet werden kann. Gleich im Anschluss werden Maßnahmen angeboten, die diesen Fußabdruck kompensieren sollen.

Einfache Lösungen

Laut ExxonMobil sind Studien wie jene der Harvard-Autoren Teil einer bewussten Kommunikationsstrategie gegen den Konzern. Gleichzeitig betonte das Unternehmen, dass man die Pariser Klimaziele unterstütze und mit Investitionen in Maßnahmen wie die CO2-Abscheidung und -Speicherung dazu beitrage, CO2-Emissionen zu senken.

Eben diese Argumente sind laut den Studienautoren Teil jener Strategie, mit der sich Big Oil als Retter im Kampf gegen den Klimawandel zu inszenieren versuche. Die Argumentation läuft laut den Wissenschaftern grundsätzlich in drei Stufen ab: Erinnere die Menschen zuerst daran, dass sie von Öl und Gas abhängig sind, um alle guten Dinge in ihrem Leben voranzubringen. Dann gib ihnen die Schuld für alle negativen Konsequenzen, die diese Abhängigkeit mit sich bringt. Bringe dich zum Schluss als großzügigen Retter ein, um auch die negativen Konsequenzen zu beseitigen.

Die kleinen Sprachtricks mögen unbedeutend erscheinen, könnten in Summe aber dazu beitragen, die Perspektive auf das Klimawandel-Problem und dessen Lösung in der gesamten Gesellschaft zu verändern, heißt es von den Wissenschaftern. Denn die Strategie spiele auf den Wunsch von jedem Einzelnen an, etwas gegen den Klimawandel beizutragen. Dafür bieten die Unternehmen einfache Lösungen an: andere Dinge kaufen oder lediglich ein bisschen mehr zu Fuß gehen oder Rad fahren.

Systemische Veränderungen

Dass persönliche Konsumentscheidungen wichtig sind, sieht auch die Mehrheit der Wissenschaft so. Gleichzeitig und womöglich noch viel wichtiger seien aber systemische Veränderungen, die Staaten und auch die Ölkonzerne zur Verantwortung ziehen, beispielsweise mithilfe eines effektiven CO2-Preises oder strengeren Auflagen.

Denn immerhin gehören Unternehmen wie ExxonMobil, BP oder Shell zu jenen 20 Unternehmen, die zusammen für ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind. Vor wenigen Monaten ging sogar New York City gerichtlich gegen ExxonMobil, Shell und BP vor. Der Vorwurf: Die Unternehmen hätten Konsumenten systematisch und bewusst in die Irre geführt und ihnen weisgemacht, ihr Produkt sei grüner als es tatsächlich ist.

Retter in der Not

Laut einer internationalen Studie besteht mittlerweile eine der meistgenutzten Strategien der Konzerne darin, auf ihren Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit hinzuweisen. Demnach würden die Aktionen der Unternehmen dazu beitragen, bisher benachteiligte Gruppen zu unterstützen – etwa Frauen wie in Shells Truck-Video. Im Umkehrschluss würde eine Energiewende hin zu Erneuerbaren dazu führen, dass vor allem Menschen in Entwicklungsländern noch ärmer werden und benachteiligte Gruppen leiden, so laut Studie die Argumentation der Ölkonzerne. Negative Auswirkungen wie beispielsweise Umweltverschmutzung würden in der Argumentation der Unternehmen hingegen kaum Erwähnung finden.

Die Argumentation sei nicht nur Teil der persönlichen Marketingstrategie der Unternehmen, sondern fließe auch in die Politik ein und werde sogar immer wieder von Politikern selbst aufgegriffen, um grüne Gesetzgebung zu untergraben, so die Studienautoren. Und auch in gerichtlichen Auseinandersetzungen gegen die Ölkonzerne seien diese Argumente immer wieder erfolgreich.

Vergleich mit Tabakindustrie

Neu ist die Argumentation laut Harvard-Studie nicht: Schon die Tabakindustrie habe mit ähnlichen Argumenten versucht, sich der Verantwortung zu entziehen. Letztlich sei es jedoch nicht nur den Konsumenten überlassen worden, mit dem Rauchen aufzuhören, sondern es seien bekanntlich auch die Steuern auf Zigaretten erhöht und diese mit einem Warnhinweis auf den Verpackungen versehen worden. Auch die Bewerbung von Zigaretten wurde verboten.

Eine ähnliche Regulierung halten die Studienautoren auch im Falle von Big Oil für möglich: Werbungen zu fossilen Energien könnten ganz verboten werden oder die Produkte könnten – wie im Falle der Tabakindustrie – mit Warnhinweisen versehen werden. Dann würde uns vielleicht beim nächsten Tankbesuch auf der Zapfsäule ein Bild von den Folgen des Klimawandels entgegenleuchten. (Jakob Pallinger, 14.9.2021)