Die Zeichen der Zeit kann auch eine ehrwürdige Institution wie die US-Notenbank nicht ignorieren.

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Die Spitze der US-Notenbank Fed steht vor einer Neuordnung. US-Präsident Joe Biden wird wohl bald über die Besetzung des Spitzenpostens und weiterer Direktoriumsplätze entscheiden. Viele Ökonomen rechnen damit, dass Fed-Chef Jerome Powell eine zweite Amtszeit erhalten und somit über den Februar 2022 hinaus die Geschicke der Notenbank lenken wird.

Zudem soll die Fed mit der Neuformierung der Führungsspitze weiblicher und diverser werden. Womöglich wird das Direktorium erstmals in der fast 108-jährigen Geschichte der Fed mehr Frauen als Männer umfassen.

Mehr Frauen

Selbst wenn Biden mit Powell einen Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft im Amt belassen sollte, dürfte er bei der Neubesetzung anderer Führungsposten die Chance für mehr Diversität ergreifen. Beobachter erwarten, dass zumindest für die beiden Vizeposten und einen noch vakanten Direktoriumssitz Frauen und Vertreter von Minderheiten infrage kommen. Die derzeitigen Vizechefs wurden wie Powell vom damaligen Präsidenten Donald Trump ins Amt gebracht.

Dieser hatte mit einer ungeschriebenen Regel gebrochen, wonach Fed-Präsidenten eine zweite Amtszeit gewährt wird, wenn sie diese anstreben. Doch entschied sich der Republikaner dafür, mit Janet Yellen die erste Frau an der Spitze der Fed nicht für weitere vier Jahre auf dem Posten zu belassen.

Der links-progressive Flügel der Demokratischen Partei um die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez hat Biden aufgefordert, auch Powell keine zweite Amtszeit zu gewähren. Sein Mandat läuft im Februar aus. Kritiker werfen Powell vor, zu stark die Interessen der Wall Street im Blick zu haben und bei der Finanzregulierung zu lasch zu sein.

Doch wird Powell für seine Führungskraft in der Corona-Krise von vielen Ökonomen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Er hat zudem ausgezeichnete Drähte in die Politik und genießt parteiübergreifenden Rückhalt im Kongress. Auch Yellen, die nun Finanzministerin ist, steht offenbar hinter Powell. Biden könnte daher auch mit Blick auf die hauchdünne Mehrheit im Senat, der die Fed-Personalie bestätigen muss, dazu neigen, dem 68-Jährigen eine zweite Amtszeit zu gewähren.

Keine Überraschungen

Dabei dürfte auch eine Rolle spielen, dass sich viele Investoren auf dessen Bestätigung eingestellt haben. Eine überraschende Neubesetzung könnte Unsicherheit an den Finanzmärkten schüren, zumal die Fed den schrittweisen Ausstieg aus der im Pandemiejahr 2020 eingeführten Krisenpolitik vorbereitet.

Zugleich dürfte Biden offen dafür sein, bei den Vizeposten Frauen beziehungsweise Vertreter von Minderheiten zum Zuge kommen zu lassen. Diversität sei bei der Stellenbesetzung ein wichtiges Kriterium, heißt es aus Insiderkreisen. Derzeit sitzen im sechsköpfigen Direktorium mit Michelle Bowman und Lael Brainard nur zwei Frauen. Die Stellvertreterposten des Fed-Chefs sind fest in männlicher Hand. Dies könnte sich bald ändern. Die Amtszeit des Fed-Vizechefs Randal Quarles läuft im Oktober aus, die seines Kollegen Richard Clarida im Jänner.

Als heiße Anwärterin auf einen dieser Posten gilt die langjährige Direktorin Lael Brainard, die manche Experten allerdings auch für die Nachfolge Powells auf dem Zettel haben. Für einen der Vizeposten wird auch die afroamerikanische Ökonomieprofessorin Lisa Cook von der Michigan State University gehandelt, die sich als Wissenschafterin mit Fragen der Ungleichheit ethnischer Gruppen beschäftigt hat. Auch mit dem Chefökonomen des Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO, William Spriggs, könnte Biden in Sachen Diversität punkten: Seit 15 Jahren sitzt kein Afroamerikaner mehr im Direktorium. (Reuters, 11.9.2021)