Die Forschungsgruppe um Jennifer Blauensteiner, Monika Riederer und Francisco Westermeier am Institut für Biomedizinische Analytik der Fachhochschule Joanneum Graz war wie viele andere in Österreich: ehrgeizig und professionell, aber klein und fernab der Öffentlichkeit.

Schlagartig ins Blickfeld der wissenschaftlichen und allgemeinen Aufmerksamkeit rückte sie mit Beginn der Covid-19-Pandemie – oder besser gesagt mit dem Abebben der ersten Akutfälle. Denn die Langzeitfolgen von Covid-19, die unter dem Begriff Long Covid zusammengefasst werden, zeigen bemerkenswerte Parallelen zum Forschungsthema der Gruppe, dem chronischen Erschöpfungssyndrom. Ihre gewonnenen Erkenntnisse könnten helfen, dass sich der Nebel um Long Covid lichtet.

Selbst nach überstandener Corona-Infektion noch krank? Langzeitfolgen werden als Long Covid bezeichnet.
Foto: Reuters / Social Media / Nexu Science Communication 2020

Von einem akuten Covid-19-Infekt spricht man bis zu einer Dauer von vier Wochen. Doch etwa zehn bis 20 Prozent aller Erkrankten leiden auch danach noch an Symptomen. Der Zeitraum von vier bis zwölf Wochen nach der Infektion wird als anhaltend symptomatischer Covid-19-Infekt bezeichnet und Beschwerden über mehr als zwölf Wochen als Post-Covid-19-Syndrom, allgemein heißt es also relativ schwammig Long Covid. Die Symptome bedeuten eine teils massive Einschränkung der Lebensqualität bis hin zur Berufsunfähigkeit.

Vielfache Auswirkungen

Neben einer Schädigung der Lunge kommt es zu Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, die Verdauung, die Nieren und das zentrale Nervensystem. Da bei mehr als zwei Drittel aller Fälle auftritt, ist chronische Erschöpfung das häufigste Langzeitsymptom und betrifft sogar Patienten mit milden Verläufen. Diese körperliche und mentale Erschöpfung führt zu lähmender Müdigkeit, Antriebslosigkeit sowie Konzentrations- und Denkschwierigkeiten – dem berüchtigten "Brain-Fog".

Damit überschneidet sich Long Covid mit der von Blauensteiner, Riederer und Westermeier erforschten Fatigue, die auch als myalgische Enzephalomyelitis / chronisches Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) bezeichnet wird. ME/CFS ist eine schwere Krankheit, die zu jahrelangen Symptomen einschließlich sehr starker Erschöpfung führt. Ihr Beginn fällt oft in die Phase nach einer vermeintlich überstandenen Virusinfektion, zum Beispiel mit Viren wie dem Epstein-Barr-Virus oder sogar dem ersten, bereits 2003 aufgetretenen Sars-Virus.

Überschneidungen

Ist Long Covid also einfach eine Form des postinfektionellen chronischen Erschöpfungssyndroms nach einer Sars-CoV-2-Infektion? "Eine wachsende Zahl neuerer Erkenntnisse zeigt, dass sich die Pathophysiologie von Long Covid in mehreren Aspekten mit ME/CFS überschneidet", sagt Gruppenleiter Westermeier.

Auch zum chronischen Erschöpfungssyndrom gibt es bisher Wissenslücken. Unbekannt sind konkrete Ursachen, auch über mögliche Krankheitsabläufe und verfügbare Diagnosekriterien weiß man noch viel zu wenig.

Das Team um Westermeier untersucht dazu den Zusammenhang zwischen ME/CFS und der innersten Zellschicht von Blutgefäßen, dem Endothel. Es steuert das Herz-Kreislauf-System durch die Freisetzung von Stickstoffmonoxid, das zur Regulierung des Blutdrucks und der Sauerstoffversorgung im gesamten Körper beiträgt.

Bei geringer Anstrengung erschöpft

Das Herz-Kreislauf-System wiederum ist auch bei ME/CFS betroffen, wenn die Patienten schon bei geringster körperlicher oder geistiger Anstrengung unverhältnismäßig erschöpft sind oder sogar bettlägerig werden, weil sie nicht aufrecht stehen können. Das Grazer Forschungsteam vermutete demzufolge, dass eine Störung der Stickstoffmonoxidproduktion am Mechanismus des chronischen Erschöpfungssyndroms beteiligt sein könnte.

Tatsächlich konnten sie kürzlich zeigen, dass die Menge bestimmter microRNAs (miRs), die die Produktion von Stickstoffmonoxid verringern, im Blut von ME/CFS-Patienten erhöht ist. Diese winzigen RNA-Abschnitte lagern sich an ihre größeren Verwandten, die mRNA, an und verhindern, dass deren Information abgelesen wird.

mRNA – bekannt von den entsprechenden Covid-19-Impfstoffen – vermittelt die Bauanleitung für Proteine, anhand derer in diesem Fall ein Enzym hergestellt wird, das Stickstoffmonoxid bildet.

Diagnostische Option

Ein Zuviel der microRNAs führt also zu weniger abgelesener mRNA, weniger Enzym und schließlich zu weniger Stickstoffmonoxid im Endothel. Das könnte einer der Gründe für die beeinträchtigte Blutdruckregulation und den Schwindel in aufrechter Position sein. Vor allem aber könnte dieser Mechanismus eine diagnostische Option für das noch immer schwer zu fassende chronische Müdigkeitssyndrom darstellen.

"Wir schlagen eine Kombination der klinischen Bewertung der Gefäßfunktion mit dem Nachweis dieser miRs im Blut vor, um eine empfindlichere Bestimmung der endothelialen Fehlfunktion in einem Teil der ME/CFS-Patienten zu erreichen. So könnten unsere Ergebnisse dazu beitragen, die Patienten in passende Untergruppen einzuteilen und die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern", erklärt Blauensteiner, Erstautorin der Studie.

Steigender Forschungsbedarf

Mit verbesserten Untersuchungsmethoden könnte den Patienten ein langer Leidensweg erspart bleiben, da ME/CFS sogar unter Ärzten zu wenig bekannt ist und in über 60 Prozent nicht richtig diagnostiziert wird. Das stiefmütterliche Dasein war auch der Grund, warum Blauensteiner lange vor Covid-19 die Idee zu diesem Projekt hatte.

"Ich hatte gerade darüber gelesen und fand es schlimm, dass ME/CFS so verbreitet ist und es trotzdem fast niemand kannte. Es gab in ganz Österreich keine einzige Forschungsgruppe zu diesem Thema", sagt Blauensteiner.

Seither stehen die Forscher in engem Kontakt mit der CFS-Hilfe Österreich und haben eine Kooperation mit Wissenschaftern der UK ME/CFS Biobank in London und der Charité in Berlin aufgebaut, in der sie sich gegenseitig mit Logistik und Know-how unterstützen.

Wie nun Long Covid mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom genau zusammenhängt, ist derzeit noch nicht abschließend geklärt. Es scheint aber, als dürfte der Forschungsbedarf aufgrund entsprechender Symptome bei jedem fünften Covid-19-Fall weiter steigen. (Markus Plank, 19.9.2021)