Putin allein zu Haus: Russlands Präsident empfängt nur noch virtuell Gäste.

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Ohne Wladimir Putin gibt es kein Russland, sagte einst Duma-Chef Wjatscheslaw Wolodin. Doch ausgerechnet vor der für den Kreml wichtigen Duma-Wahl schließt sich der russische Präsident ein.

Erste Gerüchte über eine bevorstehende Quarantäne hat Putin mit einer beiläufigen Bemerkung beim Empfang für die russischen Medaillengewinner der Olympischen und Paralympischen Spiele selbst ausgelöst. Die Athleten waren für das Treffen mit Putin eine Woche in Quarantäne gesessen. Als ein Sportler Putin darauf ansprach, während dieser den Athleten Autogramme auf die Halsbänder ihrer Goldmedaillen schrieb, erwiderte der Kreml-Chef wie zum Trost, er müsse wohl selbst bald in Quarantäne, nachdem so viele Personen aus seinem Umkreis erkrankt seien.

Zwar dementierte der Kreml zunächst noch derartige Pläne. Einen Tag später jedoch bestätigte Putin bei einer Videokonferenz mit Regierungsmitgliedern, dass er sich in häusliche Isolation begeben habe, weil einer seiner engsten Vertrauten – einen Namen nannte er nicht – an Covid erkrankt sei. Laut Putin war der Impfschutz des Mannes bereits abgelaufen und die Booster-Impfung kam zu spät. Seine Quarantäne bezeichnete er als Experiment. "Wir werden sehen, wie Sputnik V in der Praxis wirkt", scherzte Putin.

Covid als Vorwand?

Die Umstände sind pikant. Würde es doch bedeuten, dass Putin wissentlich die russischen Athleten dem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt hat. Auch Syriens Präsidenten Bashar al-Assad drückte Putin am Montag bei einem Treffen noch herzlich, als er von den Covid-Fällen in seiner Umgebung bereits wusste.

Andererseits hat der plötzliche Rückzug in den russischen Medien zahlreiche Gerüchte um den "wahren Grund" hervorgerufen. Einige Beobachter vermuten, er wolle sich vor einem Treffen des Rats für kollektive Sicherheit in Tadschikistan mit unbequemen Fragen drücken, andere, dass er so potenzielle Proteste nach der Wahl aussitzen wolle, selbst schwer krank sei oder sich erholen wolle.

Eine weitere These besteht darin, dass Putin so das Land auf einen neuen Lockdown nach der Wahl vorbereitet. Zumindest diese Version entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Russland hat im Gegensatz zu den westeuropäischen Staaten nach einem harten Lockdown im Vorjahr auf eine zweite bei der Bevölkerung unpopuläre Schließung heuer verzichtet, auch im Hinblick auf die anstehende Duma-Wahl. Die Lockerungen sollten das Gefühl einer zurückkehrenden Normalität und Stabilität erzeugen.

Gleichzeitig sind die Infektions- und Sterberaten in Russland jedoch seit Anfang des Sommers auf einem konstant hohen Niveau. Täglich werden immer noch fast 20.000 Neuinfektionen und 800 Todesfälle gemeldet. Die hohe Mortalitätsrate hat auch mit der gescheiterten Impfkampagne in Russland zu tun. Obwohl das Land weltweit als Erstes ein Covid-Vakzin zugelassen hat, sind bis heute erst rund 20 Prozent der Bevölkerung geimpft.
(André Ballin aus Moskau, 15.9.2021)