Trotz der unsachgemäßen Behandlung und seines Alters von rund 5.300 Jahren hat sich der Mann aus dem Eis ganz gut gehalten.
Foto: REUTERS/Sudtiroler Archaeologiemuseum/EURAC/Marco Samadelli-Gregor Staschitz

Wie geht man mit einem seltsamen Fund um, den man nicht einschätzen kann? Eine schwierige Frage, vor allem, da wir nicht vor automatischen Annahmen gefeit sind. Erika Simon etwa, die gemeinsam mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann Helmut am 19. September 1991 (Tag 1) die berühmt gewordene Eismumie Ötzi entdeckt, hält die Leiche aus der Entfernung zunächst für "Zivilisationsmüll". Bei genauerer Betrachtung werden allerdings die menschlichen Merkmale deutlich. Das in den Ötztaler Alpen beim Tisenjoch wandernde Paar tippt auf eine verunglückte Bergsteigerin, ist der teilweise noch im Eis steckende Leichnam doch recht klein und zierlich.

Daher erkundigen sich die beiden in der nahe gelegenen Similaunhütte nach Personen, die hier als vermisst gelten. Der Hüttenwirt benachrichtigt angesichts der grenznahen Lage offizielle Stellen in Österreich und Italien, und nachdem die Carabinieri aus Südtirol die Arbeit an die Nordtiroler Kollegen abgeben (obwohl sich der Fund, wie an Tag 14 festgestellt wird, mit 92,56 Metern Abstand von der Grenze auf Südtiroler Boden befand), machen diese sich am Folgetag (Tag 2) ans Werk.

Die Fundstelle befindet sich beim 3.208 Meter hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen.
Foto: STANDARD/Schlosser

Malträtierter Jahrhundertfund

Das Bergungsteam ist aber offensichtlich überfordert von der vorgefundenen Situation und ahnt nicht, dass es sich um eine menschheitsgeschichtlich relevante Mumie handelte. Entsprechend gibt es auch keine Fachbegutachtung: Man versucht mit rabiater Vorgehensweise, die Leiche im Eis per Pressluftmeißel zugänglich zu machen. Das Gerät stößt an seine Grenzen, die Beteiligten ebenfalls; sie "fuhren immer wieder in das Fleisch der Leiche, besonders an der linken Hüfte und am linken Oberschenkel", hält einer der ersten Erforscher des Ötzi, Konrad Spindler vom Innsbrucker Institut für Ur- und Frühgeschichte (inzwischen ebenfalls verstorben), in seinem Buch "Der Mann im Eis" fest. Auf den 3.210 Höhenmetern verschlechtert sich dann das Wetter, die Mission wird vorläufig abgebrochen.

An Tag 3 bekommt die Leiche Promi-Besuch. Sie hat die Aufmerksamkeit der Bergsteiger Reinhold Messner und Hans Kammerlander erregt, die in der Gegend unterwegs waren und nun den Toten inspizieren. Das Schlechte daran: Wie andere Schaulustige, die auch ihre Finger nicht von dem Fund lassen können (und das eine oder andere Fundstück entwenden), stochern sie im Eis herum, unter anderem mit einem hölzernen Beifund, nämlich einem Teil der urzeitlichen Rückentrage. Das eigentlich Gute: Messner vermutet, dass der Vereiste nicht erst kürzlich verunglückte, sondern schon einige Hundert Jahre alt sein könnte – mittelalterlich, vielleicht.

Die Fundsituation im September 1991. Bei der Bergung ging man mit der Gletschermumie alles andere als zimperlich um.
Foto: Archäologiemuseum Bozen

Währenddessen heißt es in der "Tiroler Tageszeitung" nämlich: "Der Ausrüstung nach zu schließen handelt es sich bei dem Toten um einen Alpinisten; der Unfall dürfte Jahrzehnte zurückliegen." Mit Messners Einschätzung (er spekuliert auf einen Krieger aus dem 14. Jahrhundert, der für den Tiroler Grafen Friedrich IV. – Beiname: mit der leeren Tasche – kämpfte) hätten schon archäologische Fachleute auf den Plan gerufen werden können.

Gletscherleiche im Sarg

Dazu kommt es jedoch nicht. Nachdem an Tag 4 vorab lose Funde von Bergrettern eingesammelt werden, ist bei der Bergung (Tag 5) für einen Archäologen kein Platz mehr im Hubschrauber. Ein Innsbrucker Gerichtsmediziner leitet die Aktion, der Tote wird mithilfe von Eispickeln befreit und in einem Bergesack verstaut. Der Bogenstab, der nicht aus dem Eis gezogen werden kann, wird abgebrochen und dazugesteckt. Im Tal wird die Leiche von einem Bestatter in einen Sarg umgelegt, der abstehende linke Arm kurzerhand an den Sarg angepasst. Es knackt laut, der Oberarmknochen ist gebrochen. Der Patient landet in der Gerichtsmedizin.

Die Gletschermumie ist im Original im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zu bestaunen. Die Mumie wird in einer Kühlzelle bei −6,5 Grad Celsius und 97 bis 99 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert.
Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/Ochsenreiter

Dort will man ihn allerdings auch nicht haben: Der Mörder ist vermutlich schon tot, die Kühlfächer sind schon voll. Sicherheitshalber lässt man den auf Raumtemperatur auftauenden und müffelnden Verstorbenen an Tag 6 noch von Spindler, dem Archäologen, begutachten, bevor die "anonyme Leiche" begraben wird. Zum Glück: Sie sieht nach einem bronzezeitlichen Wanderer aus und wird auf ein Alter von mindestens 4.000 Jahren geschätzt.

Verspätete Untersuchung der Fundstelle

Erst zwei Wochen nach der Entdeckung wird die gestörte Fundstelle archäologisch unter die Lupe genommen (Tag 15) – nachdem der Journalist Nikolaus Glattauer mit seinem an Tag 8 erschienenen Artikel den Namen "Ötzi" prägt. Einige Monate später, an Tag 156, stellt sich nach der Radiokarbon-Datierung heraus, dass der Eismann vor rund 5.300 Jahren (zirka Tag -1.934.500) lebte.

Ötzi auf seinem eisigen Bett in der Kühlkammer des Archäologiemuseums in Bozen.
Foto: APA/AFP/ANDREA SOLERO

Man könnte behaupten, dass es angesichts eines so alten Fundes auf ein paar Tage nicht ankommt. Aber wenn bei einer jahrtausendelang konservierten Leiche – die älteste menschliche Mumie, die auf natürliche Weise entstanden ist und bisher entdeckt wurde – wieder Zersetzungsprozesse in Gang gesetzt werden, können wenige Tage inadäquater Lagerung den Verlust wertvoller Informationen bedeuten, ganz abgesehen von den zusätzlichen Entstellungen, die vorgenommen wurden und die auch Fachleute in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature" scharf kritisierten.

Bestuntersuchter Körper der Menschheit

Hätte Spindler die Mumie vom Similaun nicht auf dem Weg vom Seziertisch in ein anonymes Grab gerettet, wären zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben unserer Vorfahren in der Jungsteinzeit in alpinen Gegenden nicht zustande gekommen. Der Körper von Ötzi, der Anfang 1998 (Tag 2.312) in die Südtiroler Hauptstadt Bozen überführt wurde und im Archäologiemuseum in einer Kühlzelle bei minus sechs Grad und regelmäßiger Befeuchtung konserviert wird, ist vielleicht sogar der post mortem bestuntersuchte Körper der Menschheit.

Ötzi-Forscher bei der Arbeit. Der Mann aus dem Eis gilt als eine der am besten untersuchten Leichen der Menschheitsgeschichte.
Foto: AP/Marco Samadelli/Eurac/South Tyrol Museum of Archaeology

Nun, am Wochenende seines Entdeckungsjubiläums (Tag 10.958), sind viele Geheimnisse um ihn daher gelüftet: Forschungsteams haben nicht nur herausgefunden, dass er zum Zeitpunkt seines Todes zwischen 40 und 50 Jahre alt und etwa 1,60 Meter groß war, etwa 50 Kilogramm wog und Schuhgröße 38 hatte. Er dürfte angesichts seiner beeindruckenden Kupferaxt ein angesehenes Mitglied seiner Gemeinschaft gewesen sein, und etliche Tätowierungen auf seinem Leib könnten zu medizinischen Zwecken angebracht worden sein, was angesichts seiner zahlreichen Leiden auch nicht so verwunderlich wäre.

Mahlzeit auf der Flucht

Seine Reiseroute in der Umgebung wurde rekonstruiert, und zuletzt verzehrte er eine fettreiche Mahlzeit, Steinbock- und Hirschbestandteile inklusive. Das tat er womöglich bei einer Pause auf der Flucht – immerhin verstarb er auch aufgrund eines Pfeils, der ihn in die linke Schulter traf (die Pfeilspitze wurde erst zehn Jahre nach seiner Entdeckung gefunden), eine Abwehrverletzung an der rechten Hand wurde ebenfalls aufgespürt.

So ähnlich könnte der Eismann zu Lebzeiten ausgesehen haben. Mittlerweile hat man eine einigermaßen gute Vorstellung davon, wie Ötzi lebte und wie er zu Tode kam.
Foto: South Tyrol Museum of Archaeology, Foto Ochsenreiter

Neben den ungeklärten genauen Todesumständen ist die Forschung aber noch nicht abgeschlossen. Denn die Neu- und Weiterentwicklung wissenschaftlicher Methoden ermöglicht auch neue Blicke auf die Vergangenheit, wie gewiss auch das am 20. 9. stattfindende Online-Symposium "Iceman – quo vadis?" veranschaulichen wird. Und so dürfen wir gespannt sein, welche Rätsel sich künftig noch lösen lassen. (sic, 18.9.2021)