Es ist eine Punktlandung, die mit großem Brimborium gefeiert wird. Mitten in der Halbleiterkrise, die Autohersteller weltweit zum Stillstand der Bänder zwingt und Konsumenten lange Wartezeiten für Küchengeräte beschert, eröffnet Infineon seine neue Chipfabrik in Villach. Aus München reiste Infineon-Chef Reinhard Ploss zum Sitz der Österreich-Tochter an. Auch die heimische Politprominenz von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) abwärts bis zu Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) beehrt Österreich-Chefin Sabine Herlitschka mit ihrer Anwesenheit.

Rekordinvestition

Von einem wichtigen Tag für den Konzern, für Österreich, ja sogar für die Welt ist die Rede. Und natürlich für die Region: Immerhin liegt das Investment bei beachtlichen 1,6 Milliarden Euro. 70.000 Kubikmeter Beton und 18.000 Tonnen Stahl wurden im neuen Gebäude verbaut, 2500 Kilometer lange Kabel und Rohrleitungen verlegt. Der Strom ist grün, die Wartung automatisiert, ein sechs Kilometer langes automatisiertes Transportsystem sorgt dafür, dass alles dort ist, wo es gebraucht wird.

Der Plan für die Fertigung wurde 2018 ausgetüftelt. Dann kamen mit Corona Hürden wie Reisebeschränkungen, Hygienebeschränkungen und das Arbeiten in mehreren Teams.
Foto: der Plankenauer / Mag. Plankenauer

So wie am Ende das Endprodukt: "Die Kunden reißen es uns aus der Hand", sagt Infineon-Vorstand Jochen Hanebeck. In Villach werden energiesparende Chips produziert, die in E-Autos, bei Solaranlagen und bei Windkraftwerken zum Einsatz kommen oder in Netzgeräten, die Tablets ohne Energieverlust ans Stromnetz koppeln. Ein Markt, der wächst und wächst.

Die Planung sei auch durch die Pandemie nicht durcheinandergewirbelt worden, betont Herlitschka. Drei Monate früher als gedacht sei man fertig: "Diese Woche haben die ersten Produkte die Fabrik verlassen", nach zwei Jahren Bauzeit. Ihr Resümee: "Wir liefern." Ein wichtiger Satz in der derzeitigen Chipkrise. "Dem Mutigen gebührt das Glück", formuliert es Ploss, um ganz unbescheiden anzufügen: "Die Zukunft ist elektrisch, ohne uns würde es nicht gehen." Ganz unberechtigt ist die Ansage nicht: Infineon spielt am Markt für Halbleiter in den Top Ten mit, dominiert wird die Branche allerdings von Herstellern in den USA und Asien.

Abnehmer für die speziellen Chips gibt es derzeit reichlich. Ob irgendwann eine Art "Schweinezyklus" kommt, weil nun allerorts neue Kapazitäten geschaffen werden ist ungewiss.
Foto: Reuters

Der Chipmangel trifft nicht nur die Autoindustrie, die bei Infineon für 40 Prozent des Umsatzes sorgt. Energieeffizienz, erneuerbare Energie, E-Mobilität, alles, was klimatechnisch die Welt etwas besser machen soll, ist auf Mikroelektronik angewiesen. Die Knappheit werde wohl bis ins nächste Jahr anhalten, bestätigt Ploss die Einschätzung der meisten Experten. "Mondpreise" könne man verlangen, tue das aber nicht. Ploss geht davon aus, dass die Preise für Halbleiter erheblich steigen. Lieber spricht der Konzernchef aber von der Mission der Münchner, "ein gutes Leben ohne CO2", und Österreich-Chefin Herlitschka von den Arbeitsplätzen von morgen, die "wir schon heute schaffen".

400 neue Jobs entstehen mit dem neuen Werk, das schrittweise ausgebaut werden und zwei Milliarden Euro mehr Umsatz pro Jahr bringen soll. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) gab eine Anekdote zum Besten, um die Leistung der Behörden ins rechte Licht zu rücken: Jüngst habe ihn ein Weltuntergangsprophet aufgesucht, um zu klagen, dass man nicht mehr "in time" bauen könne. Villach beweise das Gegenteil. "Da und dort haben wir ein bisschen mithelfen dürfen", übt er sich in Understatement.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) – im Bild mit Infineon-Chef Reinhard Ploss – kam mit einer Ministerriege, um das beachtliche Investment gebührend zu loben.
Foto: APA/Gert Eggenberger

Infineon gilt seit den 1990er-Jahren als einer der größten Nutznießer der großzügigen Förderung. Das Projekt mit Forschung und Entwicklung wird vom Bund im Rahmen des Green Deal der EU wie berichtet mit rund 100 Millionen aus einem 150 Millionen schweren Programm für Mikroelektronik gefördert. "Da geht viel Geld hinein", sagt Wifo-Ökonom Andreas Reinstaller. Genaue Daten über die Wirksamkeit von Förderungen gibt es nicht. Dennoch, der Standort sei bedeutsam, die Investition sorge für Jobs und Wertschöpfung. "Mikroelektronik und Sensortechnik sind wichtig für andere Sektoren wie Maschinenbau oder Industrie 4.0." Zudem sei das Ziel Europas, die Kompetenz in Mikroelektronik zu stärken, um in Schlüsseltechnologien wie dieser weniger von außereuropäischen Regionen abhängig zu sein, nachvollziehbar.

Das sieht auch Roman Stölliger vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche so, auch wenn Versuche in den 1980er-Jahren, Japan und den USA in Sachen Mikroelektronik Paroli zu bieten, kläglich gescheitert seien. "Zuckerln der öffentlichen Hand" seien ein wichtiger Anreiz für Standortentscheidungen von Konzernen. Noch viel wichtiger seien aber gut ausgebildete Fachkräfte und ein gutes Ökosystem mit Bildung, Forschung und Betrieben. Sollte es weiteren Ausbaubedarf im Konzern geben, würde sich "Villach sicher bewerben", sagt Konzernchef Ploss. Platz genug gäbe es. Der Magistrat mache schon Raumplanung "noch ehe wir wissen, dass wir eine Fertigung brauchen". (Regina Bruckner, 17.9.2021)