Was tun, damit dieses Herbstsemester besser ausfällt? Ob man mit den 3G-Regeln weit kommt, wird vielerorts an den Hochschulen bezweifelt – aufwendig wie teuer sind diese Kontrollen obendrein.

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Die Politik scheut sich vor klaren Entscheidungen, die Universitäten sollten mutiger sein, sagen die WU-Professoren Michael Meyer und Ruth Simsa.

Mehr als 1000 US-Universitäten machen es vor: Nur Geimpfte werden auf dem Campus und in Hörsälen zugelassen. Im "Land of the Free" hat man kein Problem damit, bei den Rechten von Geimpften und Ungeimpften zu unterscheiden. Auch bei uns sind Einschränkungen für Geimpfte an Universitäten nicht länger zu argumentieren.

Es ist wieder Semesterstart. Die Regeln dafür (3G) sind kompliziert, versprechen Chaos, enorme Kosten und viel Ärger.

Warum sollte den Universitäten gelingen, was die Schulen derzeit nicht schaffen – eine praktikable Vermeidung von Gefährdungssituationen. Das Verbot einer personenbezogenen Speicherung sorgt dafür, dass bei jeder Lehrveranstaltung, bei jedem Betreten eines Gebäudes erneut der 3G-Status von Lehrenden und Studierenden überprüft werden muss. Oft wird das an den Lehrenden hängenbleiben. Bei einem Kurs mit 30 Studierenden gehen dann mindestens 30 von 90 Minuten für Kontrolle, Erfassung der Sitzordnung und dann Verlassen und Lüften der Seminarräume drauf. Durch die notwendige starre Sitzanordnung wird jedes interaktive Kursformat verhindert. Wird vor den Gebäuden zentral geprüft, werden sich Warteschlagen bilden.

Sechsstellige Eurobeträge

Diese zentralen Kontrollen erfordern zusätzliches Sicherheitspersonal und ausgefeilte IT-Lösungen, die die Universitäten je nach Größe sechsstellige Eurobeträge pro Monat kosten werden. Auch die mit vielfältigen Kontrollmaßnahmen verbundene Arbeitszeit des Lehrpersonals ist ein Kostenfaktor, und von den Kosten einer abermaligen Umstellung auf Distanzlernen, die in diesem Modell absehbar ist, wollen wir gar nicht reden.

Es ist ärgerlich, dass wir uns das alle antun müssen, obwohl es eine so einfache Lösung gäbe – die Impfung. Die Wissenschaft ist sich einig, dass die Impfung sowohl ungefährlich als auch hochwirksam ist. Milliarden Menschen sind bislang ohne größere Probleme geimpft worden. Covid hingegen verursacht häufig gravierende Krankheit, Tod oder Langzeitfolgen.

Akt der Solidarität

Impfen ist auch ein Akt der Solidarität. Auch das ist wissenschaftlich eindeutig. Je mehr Menschen geimpft sind, desto stärker sind Kinder und andere Menschen, die sich nicht impfen lassen können, geschützt. Geimpfte übertragen das Virus weniger und belasten das Gesundheitssystem geringer. Jede Person, die nicht geimpft ist, ist zudem ein potenzieller Reaktor für neue Mutationen. Wer sich impfen lassen könnte, das aber nicht tut, ist ein sozialer Trittbrettfahrer.

Es ist nicht einzusehen, warum die Freiheit Geimpfter eingeschränkt werden muss, weil einige zu egoistisch, bequem oder obskur sind. An den Universitäten fällt auch das Argument weg, dass man für bildungsferne und schlecht integrierte Gruppen noch mehr Aufklärung braucht. Für unsere Studierenden sollte der Nutzen der Impfung so klar sein, wie das der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck formuliert.

Eindeutige Faktenlage

Die wissenschaftliche Faktenlage ist also eindeutig. Insofern müssten doch gerade Universitäten die Konsequenzen daraus ziehen. Viele Universitäten in den USA und in anderen Ländern machen das bereits und lassen nur Geimpfte auf dem Campus und in Lehrveranstaltungen zu.

Die Politik scheut mit Blick auf Wählerstimmen klare Entscheidungen. Universitäten sollten mutiger sein. Juristen zufolge rechtfertigen ungleiche Bedingungen, zum Beispiel eine stärkere Gefährdung anderer durch Ungeimpfte, eine unterschiedliche Behandlung.

Natürlich muss der Zugang zum Studium auch für Ungeimpfte offenbleiben. Sie sollen nicht vom Studium, nur vom Präsenzunterricht ausgeschlossen werden. Das ist einfach zu ermöglichen: durch Streamingformate und Zusatzaufgaben, um das Mitarbeitsmanko zu kompensieren und Daheimbleibende nicht zu bevorzugen. Soziales Lernen passiert unter Anwesenden, und die Distanzlehre kann und darf nur eine Ausnahme bleiben. Wir haben den Umgang mit entsprechenden Tools in den letzten Jahren gelernt und könnten Ungeimpfte auch ohne Anwesenheit gut unterrichten.

Nicht durchsetzbar

Die aktuelle 3G-Regel wird aller Wahrscheinlichkeit nach Ende Oktober zum Kollaps der Präsenzlehre führen. Eine einzige nach einer Kurseinheit positiv getestete Person führt dazu, dass alle Nichtgeimpften dieses Kurses in Quarantäne müssen. Geimpfte sind dann K2 und könnten bei der nächsten Kurseinheit nur mehr mit Maske und unter Einhaltung eines Mindestabstandes am Kurs teilnehmen. Ernüchternde Aussichten.

Hohe Kontrollkosten, der Verlust von Unterrichtszeit, rigide Beschränkungen in der Didaktik und die Gefährdung von Schwächeren wären nicht notwendig. Diese Einschränkungen für Geimpfte gibt es nur daher, weil sich zu viele unsozial verhalten, das wird auch juristisch nicht ewig durchsetzbar sein.

Niemand muss sich impfen lassen. Die Impfverweigerung einer Minderheit sollte aber nicht mehr länger zulasten der geimpften Mehrheit gehen. Universitäten müssen hier – im Vertrauen auf die Wissenschaft – Vorbild sein und klare, mutige und letztlich einfache Schritte setzen. (Michael Meyer, Ruth Simsa, 20.9.2021)