Justin Trudeau kämpfte bis zuletzt um die Unterstützung der Wähler, doch viele können den Zeitpunkt der Wahl nicht nachvollziehen.

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Erin O'Toole wirft Justin Trudeau vor, eigene politische Interessen über das Wohlergehen Kanadas zu stellen.

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Wählen, obwohl man nicht wählen will: So geht es derzeit offenbar der kanadischen Bevölkerung. Die Wahllokale sind zwar schon geöffnet – doch zwei Drittel hielten den heute, Montag, stattfindenden Urnengang laut Umfragen schon im Vorfeld für unnötig. Doch der amtierende Premier Justin Trudeau sah das bei seiner Ankündigung vorgezogener Neuwahlen Mitte August anders: Die Pandemie habe auf das Land eine so drastische Auswirkung gehabt wie der Zweite Weltkrieg. Das Wahlvolk solle deshalb neu darüber abstimmen, wer die nächsten Zukunftsentscheidungen fällt.

Vermutet wurde freilich ein anderer Hintergrund: eine Ausflucht Trudeaus aus einer Minderheits- in eine Mehrheitsregierung – obwohl er mithilfe der Opposition seine wichtigsten Vorhaben in den vergangenen Monaten ohnehin durchbringen konnte, inklusive Budgets und Corona-Maßnahmen.

Steigende Corona-Zahlen

Sechs bis sieben Prozentpunkte waren die Liberalen bei Ausrufung der Wahl noch vorangelegen. Nachdem danach die Konservativen kurzzeitig in Führung lagen, sieht es nun nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Also alles andere als die bequeme Mehrheit, die sich Trudeau erhofft hat.

Das fehlende Verständnis für die kostspielige Neuwahl mitten im Anrollen einer vierten Corona-Welle machte sich sein konservativer Gegner Erin O'Toole im Wahlkampf zunutze. Trudeau habe nur Wahlen ausgerufen, "um sich selbst mit einer Mehrheit zu belohnen", und würde seine eigenen politischen Interessen über das Wohlergehen Kanadas stellen. Auf Unterschiede in der Corona-Politik kann er kaum verweisen, diesbezüglich würden sich die Pläne der Konservativen im Vergleich von jenen der Liberalen kaum unterscheiden. O’Toole selbst versuchte im Wahlkampf zuletzt auch insgesamt moderate Töne anzuschlagen: Während ihm Trudeau eine zu große Nähe zur Waffenlobby vorwarf, sprach sich O’Toole beim Thema Abtreibung für die Entscheidungsfreiheit Betroffener aus und unterstützte die Rechte Homosexueller.

Mehrheitswahlrecht

Um Regierungschef werden zu können, benötigt er auch Stimmen Unentschlossener, die sonst vielleicht nicht die Konservativen unterstützen würden. Denn selbst wenn die Umfragen Konservative und Liberale gleichauf sehen, entscheiden wegen des Mehrheitswahlrechts die Ergebnisse in den jeweiligen Wahlkreisen über die Parlamentssitze. Hier sieht es für Trudeaus Liberale etwas besser aus.

Dennoch wird die Partei, auch wenn sie den Wahlsieg davonträgt, wohl langfristig Schaden nehmen, vor allem die Beliebtheitswerte der einst strahlenden Persönlichkeit Justin Trudeau. Jagmeet Singh, Parteichef der sozialdemokratischen Neuen Demokraten, hat inzwischen bessere Beliebtheitswerte als Trudeau und O'Toole. Am Ende könnte ihm die Rolle des Königsmachers zukommen. (Noura Maan, 20.9.2021)