Ihm glichen besonders fortschrittliche Pädagogen in den Jahren um 1980 aufs Haar: Karlheinz Stockhausen, Tonsetzer.

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Corona hat vielen Abc-Schützen den Antritt ihrer Schullaufbahn gründlich verdorben. Kinder von mehr als 600 Klassen wurden bereits nach Hause entlassen. Wieder andere erfreuen sich der pädagogischen Zuwendung durch die eigenen Eltern. Wie praktisch: Nachdem Mama bereits hochwertige Speisen an ihre Liebsten verabreicht hat, sorgt sie dafür, dass auch trockener Lehrstoff von den Kids sauber verdaut wird. Spätestens bei der Externistenprüfung muss er dann ans Licht.

Mir, einem altklugen Babyboomer, erschien der Schulbesuch in den sonst so bildungsbeflissenen Jahren der Ära Kreisky als notwendiges Übel. Man nahm die Bemühungen von meist ungeschminkten Pädagoginnen in knisternden, moorfarbenen Kunstfaserpullovern gewogen zur Kenntnis. Vergleiche mit den (erfreulich kompetenten) Lehrern der eigenen Kinder verfestigen den Eindruck: Damals beförderte die Durchlässigkeit der pädagogischen Akademien deutlich das Aufkommen von Exzentrikern beiderlei Geschlechts.

Stockhausen im Labormantel

Die Lehrerzimmer glichen bis tief hinein in die 1980er Freakklubs. Den Lehrkörper bildeten bizarre, von der Lebenspraxis der Gegenkultur stark angekränkelte Gestalten – man denke allein an die damaligen Inhalationsgewohnheiten. Es gab: Biologinnen, die wie Siamkatzen fauchten. Karlheinz-Stockhausen-Ebenbilder im Labormantel mit Seitenscheitel, die glaubten, ihre Schüler vor der Praxis hemmungsloser Promiskuität warnen zu müssen. Wieder ein anderer, ein pausbäckiger Physiker, behelligte alle mit der Feststellung, er sei zwar strikter Atheist, lasse jedoch die Symphonien Anton Bruckners als indirekten Gottesbeweis gelten.

Mit den Jahren wurden die Schulbesuche seltener, die Zahl der im Café oder im Kino verbrachten Vormittage nahm schlagartig zu. Kein Zweifel: Auch so lernt man etwas fürs Leben. Dieser Auffassung muss jedenfalls der Stockhausen-Doppelgänger gewesen sein. Wir begegneten einander, peinlich berührt, im Halbdunkel eines Kinos wieder. Das Lichtspieltheater zeigte den Film Dauernd erregt, und zwar in der siebten Woche. (Ronald Pohl, 22.9.2021)