Mitglieder einer namibischen Delegation nahmen am 29. August 2018 in Berlin an einer Zeremonie zur Rückgabe menschlicher Überreste aus dem Völkermord an den Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1908 teil.

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Der Abschluss der Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung über die Aufarbeitung des Völkermords der deutschen "Schutztruppe" an den Herero und Nama gestaltet sich schwieriger als erwartet. Nach jahrelangen Gesprächen hatten sich beide Seiten im Mai auf eine politische Erklärung verständigt, die neben einem deutschen Schuldzugeständnis auch die Bereitschaft enthält, in den kommenden 30 Jahren rund 1,1 Milliarden Euro für Projekte zur Verfügung zu stellen, die der namibischen Bevölkerung zugutekommen sollen. Der Wortlaut der Erklärung ist bisher nicht veröffentlicht worden.

Nach der geplanten Verabschiedung des Dokuments durch Namibias Parlament sollte der deutsche Außenminister Heiko Maas noch im Sommer nach Windhuk reisen, um die Erklärung gemeinsam mit der Regierung des südwestafrikanischen Staates zu unterzeichnen. Anschließend war ein Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier geplant, der sich als erster Repräsentant einer europäischen Nation für während der Kolonialzeit begangene Verbrechen feierlich entschuldigen wollte. Steinmeiers Besuch sollte eigentlich noch vor der Bundestagswahl am Sonntag zustande kommen.

Verheerende Infektionswelle

Für den durcheinandergeratenen Fahrplan wird in Berlin vor allem die Covid-Pandemie verantwortlich gemacht. Namibia erlebte in den vergangenen Monaten eine verheerende dritte Infektionswelle, an deren Höhepunkt in dem Land mit weniger als 2,5 Millionen Einwohnern täglich fast 2.500 Menschen angesteckt wurden und bis zu 70 starben. Auch der 80-jährige Staatspräsident Hage Gottfried Geingob steckte sich an, während der Chef der namibischen Verhandlungsdelegation, der 88-jährige Zed Ngavirue, dem Virus sogar erlag.

Trotz der Verzögerung wird damit gerechnet, dass Namibias Nationalversammlung der Einigung zustimmt. Dort verfügt die regierende South-West Africa People's Organization (Swapo), die von der Bevölkerungsmehrheit der Ovambo unterstützt wird, über eine Zweidrittelmehrheit. Dagegen gehören die Hinterbliebenen der Opfer des zwischen 1904 und 1908 begangenen Völkermords – Herero und Nama – mehrheitlich den Oppositionsparteien an. Sie lehnen die Einigung entschieden ab und fordern statt des erweiterten Entwicklungshilfepakets wesentlich umfangreichere Entschädigungen, die vor allem den Nachfahren der tatsächlichen Opfer zukommen sollen. Dagegen vertritt die Regierung seit Beginn der Gespräche vor sechs Jahren den Standpunkt, dass von den deutschen Zuwendungen alle Namibier profitieren sollen.

"Without us it will not be about us"

Namibias Verhandlungsdelegation wurde zwar von dem gemäßigten Herero Ngavirue geleitet, radikalere Vertreter der Herero und Nama blieben von den Gesprächen jedoch ausgeschlossen. Vekuii Rukoro, "Paramount Chief" der Herero, kündigt schon seit Jahren an, die Vereinbarungen nicht anzuerkennen.

An diesem Wochenende fand in dem Städtchen Okahandja, in dessen Umgebung einst die Entscheidungsschlacht zwischen der deutschen "Schutztruppe" und den Herero ausgefochten wurde, eine dreitägige Protestveranstaltung unter dem Motto "Without us it will not be about us" statt: Ohne uns wird es nicht für uns sein.

Schatten über politischer Erklärung

Dass sie ohne Beteiligung wichtiger Vertreter der Herero und Nama zustande kam, wirft einen Schatten auf die politische Erklärung, die eigentlich neue Maßstäbe dafür setzen sollte, wie eine ehemalige Kolonialmacht mit historischen Verbrechen umgehen kann. Auch Großbritannien, Frankreich und Belgien begingen während der Kolonialzeit schwere Gräuel. Bislang hat sich noch kein europäischer Staat dafür entschuldigt oder gar Reparationen bezahlt.

Der Begriff "Entschädigung" wird allerdings auch in der politischen Erklärung vermieden. Offenbar befürchtet Berlin, dass andere Staaten das als Präzedenzfall betrachten könnten – etwa Tansania, wo die deutsche Schutztruppe den Maji-Maji-Aufstand einst genauso blutig wie den Aufstand der Herero und Nama niederschlug. Oder auch Polen oder Griechenland, deren Regierungen Schadenersatz für die im Zweiten Weltkrieg begangenen Gräueltaten fordern könnten. (Johannes Dieterich, 22.9.2021)