Zahlreiche Menschen drücken ihr Beileid durch Kerzen und Blumen an der Tankstelle in Idar-Oberstein aus, in der der 20-Jährige erschossen wurde.

Foto: Reuters / Annkathrin Weiss

Auch vier Tage nach der tödlichen Attacke in einer Tankstelle im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein sitzt der Schock tief. Der 49-jährige Mario N. erschoss am Samstagabend den 20-jährigen Kassier aus nächster Nähe, weil dieser ihn zweimal auf die Maskenpflicht aufmerksam gemacht habe, wie N. später gestand. Das Motiv scheint also geklärt. Und doch treiben die deutschen Behörden weitere Fragen um: Ist das erst der Anfang? Werden weitere Gewaltakte jener folgen, die die Corona-Maßnahmen zutiefst ablehnen?

Um das zu beantworten, gilt es auch zu klären, ob, und wenn ja, inwiefern der 49-jährige Tatverdächtige in der "Querdenker"-Szene verankert war. Erste Hinweise darauf geben Accounts in sozialen Medien, die N. zuzuordnen sind. Laut gemeinsamen Recherchen des Spiegel mit dem auf Verschwörungsideologien spezialisierten Thinktank CeMAS postete er vor zwei Jahren auf Twitter nebulöse Gewalt- und Kriegsfantasien.

"Ich freue mich auf den nächsten Krieg. Ja, das mag sich jetzt destruktiv anhören, aber wir kommen aus dieser Spirale einfach nicht raus", schrieb er am 12. September 2019. Als Begründung nannte er laut CeMAS das in rechtsextremen Kreisen verbreitete Narrativ vom Absturz der Zivilisation durch Dekadenz. Auch an den Klimawandel glaubt er nicht, wie ein Tweet vom 14. September 2019 belegt: "Die werden an allem sterben, nur nicht an einem fiktiven Klimawandel."

Enttäuschter CDU-Wähler

In seinem Twitter-Profil gibt N. an, enttäuschter CDU-Wähler zu sein. Er folgt vorwiegend AfD-Accounts, aber auch dem von Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, der am Sonntag bei der Bundestagswahl für die CDU antritt. Er teilte und empfahl Inhalte von rechtsextremen Accounts und kommentierte beim ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.

In seinem letzten Twitter-Eintrag vom 10. Oktober 2019 heißt es dann: "Meine Muskeln sind gespannt, mein Geist geschärft. Gnade denen, welche diese Situation heraufbeschworen haben. Oder nein, Gnade wäre unrecht." Danach ist er nicht mehr auf Twitter aktiv.

N. kann auch bei Telegram ein Account zugeordnet werden – einem bei Corona-Leugnern und Rechtsextremen beliebten Nachrichtendienst. Dort hat er aber keine eigenen Beiträge verfasst und ist auch nicht in Gruppen aktiv. Bei seinem Profil steht geschrieben: "Ignorance is the most dangerous type of stupidity" ("Unwissenheit ist die gefährlichste Form der Dummheit").

Masken ein "Unsinn"

Laut Zeit Online war N., ein selbstständiger Softwareentwickler, auch in dem sozialen Karrierenetzwerk Linkedin aktiv. Dort schrieb er vor einem Jahr über Masken, dass ihn die "eingeschränkte Atmung" beunruhige. Zudem gefallen ihm zahlreiche Kommentare, in denen Masken als "Unsinn" bezeichnet werden. Auch schrieb er über seine Frau, die im Einzelhandel arbeite und wie viele andere über Kopfschmerzen und Müdigkeit klage, "seit sie zum Tragen einer Maske verdonnert sind".

Dem Bericht zufolge beschreibt ihn eine Nachbarin als aufbrausend und aggressiv. Ein anderer Nachbar erklärte, N. habe einmal zu Bekannten, die alle eine Maske trugen, gesagt, sie seien "bekloppt" und das mit Corona sei "alles erfunden". Auch die Bild-Zeitung zitiert einen Nachbarn: "Der war bekennender ‚Querdenker‘."

Analyse noch nicht abgeschlossen

Der Thinktank CeMAS betont bei alldem, dass die Analyse der Sozial-Media-Profile noch nicht abgeschlossen sei und man daher noch nicht beantworten könne, ob der Radikalisierungsprozess bei Mario N. im Internet stattgefunden habe. Auch könne damit nicht geklärt werden, wie stark er tatsächlich in dieser Szene verwurzelt war.

Der deutsche Extremismusforscher Andreas Zick forderte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, einen noch genaueren Blick auf die Szene der radikalen Corona-Leugner zu werfen, auch wenn die "Querdenker"-Bewegung bereits vom Verfassungsschutz beobachtet wird: "Wir müssen uns die Netzwerke angucken, wir müssen deutlich die Risikoeinschätzung verbessern."

Psychische Gründe möglich

Trotz all dieser Infos können andere Gründe für den tödlichen Schuss noch nicht ausgeschlossen werden. "Auch wenn viele Menschen sich nun eine schnelle Antwort auf die Frage wünschen, warum eine solche Tat begangen wurde: Sie ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich", sagte Kriminalpsychologin Lydia Benecek der Deutschen Presse-Agentur. "Für eine solche Tat kann es sehr unterschiedliche Hintergründe geben." Es müsse auch untersucht werden, ob eine psychische Störung, Alkohol oder Drogen eine Rolle spielten.

Die Staatsanwaltschaft rechnet mit einer Anklage gegen Mario N. in spätestens zwei Monaten. Unterdessen erklärte eine Sprecherin der Bundesregierung: "Die Enthemmung der Gewalt macht sprachlos." (Kim Son Hoang, 22.9.2021)