Kurt Cobain war die schmerzverzerrte Stimme seiner Generation. Nach seinem Suizid 1994 lösten sich Nirvana auf.

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Kürzlich schaffte es das Album Nevermind von Nirvana wieder in die Medien. Das nun erwachsene Baby, das auf dem Cover des epochemachenden zweiten Albums der Band dem Geldschein nachschwimmt, klagte wegen sexueller Ausbeutung. So etwas ist nur möglich, wenn ein Album mehr als Musik ist, eine Band mehr als die Summe ihrer Mitglieder.

Nirvana löste sich nach Kurt Cobains Suizid 1994 auf. Er war die schmerzverzerrte Stimme seiner Generation, beeinflusste nachfolgende. Auch wenn Nirvana für eine Kultur stehen, die es heute so nicht mehr gibt, ist ihre Ästhetik in Musik, Mode oder Kunst noch spürbar.

Nevermind, zu Deutsch vielleicht am besten: "wuascht", zählt bis heute zu den meistverkauften Musikalben aller Zeiten. Eine Neuauflage inklusive eines bislang unveröffentlichten Livekonzerts erscheint am 12. November anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung.


Bernhard Drexler über die Musik

"Ich bin Jahrgang 1989, war also noch nicht einmal im Kindergarten, als Nirvana 1991 Nevermind veröffentlicht haben. Ich habe das Album erst viel später kennengelernt. Mein Cousin hat einmal bei einem Besuch die CD mitgebracht. Am Anfang hat mir das gar nicht einmal so gefallen, da ich als Teenager vor allem Punk und Hardcore gehört habe. Irgendwann aber bin ich in die Musik Nirvanas reingekippt. Und ich muss sagen, dass ich bis heute in Nevermind verliebt bin.

Die Bedeutung von Nevermind heute liegt irgendwo in der Mitte von ein bisschen nostalgisch und ein bisschen relevant. Ich selbst bin ja eher der Nostalgiehörer. Zu aktueller Musik kann ich wenig sagen, ich kenne das meiste nicht. Ich kann damit schlichtweg nichts anfangen. Andere Grungerock-Bands wie etwa Tad oder Mudhoney finde ich total super und beide haben auch sehr melodiöse Nummern. Nirvana-Songs sind aber einen Tick eingängiger und massentauglicher.

Viele Bands, die Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre starteten, kamen ja aus der Punk- und Hardcore-Ecke und erweiterten dann ihr Spektrum. Es ist schon klar, dass auch Nirvana nicht aus dem Nichts kamen. Man hört da viel Pixies raus, die ja eine Art Blaupause für Kurt Cobains Songwriting bildeten. Where Is My Mind? und diese Sachen. Dazu kommen die von den Pixies abgeschaute Stop-and-go-Dynamik und natürlich die Einflüsse von hartem Rock, Punk und Hardcore. Meine Band I’m A Sloth versucht Ähnliches. Wir covern auch teilweise Songs aus dieser Zeit.

Ob ich mit zunehmendem Alter noch mit dem Schlurflook, den hängenden Schultern und der "Romantik des Scheiterns" etwas anfangen kann? Mir taugt das Jammern eigentlich noch immer. Auch der Do-it-yourself-Ansatz hat etwas Zeitloses. Das kannst du mit einem Laptop auf der Bühne nicht erreichen. Drei, vier Leute auf der Bühne mit Gitarren und Schlagzeug, das ist unschlagbar – und das wird es auch immer geben. Gerade jetzt, da es langsam wieder mit Livekonzerten losgeht, habe ich das Gefühl, dass die Leute diese Art handgemachter, energetischer Musik sehen und hören wollen.

Bernhard Drexlers Band I'm A Sloth.
I'm a Sloth

Wichtig ist auch, dass man bei Nirvana eines merkt: Es kommt nicht groß auf Technik und teures Equipment an. Nevermind wurde mit nur wenigen Effekten für die Gitarren eingespielt, billigen Schrottgitarren, die Cobain trotz hoher Vorschüsse seitens der Plattenfirma am liebsten in irgendwelchen Secondhand-Geschäften gekauft hat. Er hat sie ja dann live auch gern am Ende einer Show kaputtgehauen. Ich habe auch schon einmal auf der Bühne eine Gitarre zerdroschen, nur konnte ich sie nicht wieder spielfähig zusammenbauen. Dafür fehlt mir einfach das technische Know-how. " (Protokoll: Christan Schachinger)

Bernhard Drexler (32) ist Sänger und Gitarrist der Wiener Band I’m A Sloth. Drexler kuratiert auch das alljährliche Kurt-Cobain-Tribute im (Viennas First) 90ies Club. I’m A Sloth live: 9. 10., Club 1019, Wien, 23. 10., Chelsea, Wien.

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Karin Krapfenbauer über Stil

"Im Seattle der 80er- und 90er-Jahre waren die uneingelösten Versprechungen des Kapitalismus deutlich spürbar. Das ist in diesem Nirvana-Look verankert, der sich durch eine Absage an den Kommerz und eine Konsumverweigerung auszeichnet. Wegen Geldknappheit war er komplett Secondhand-basiert, klassische Kleidungsstücke aus der Arbeiterklasse wie die zerrissenen Jeans, das Karohemd, die schweren Combatstiefel, aber auch spießige Blumenkleider wurden kombiniert und gelayert. Das hat den Zeitgeist getroffen, ist dann aber ganz schnell in die High Fashion übernommen worden und dort auch bis heute geblieben. Bei dem Gedanken, einen ikonischen Look begründet zu haben, hätten sich Nirvana vermutlich angekotzt.

Heute gibt es kein Äquivalent für diesen "Look der Verweigerung", aber die Themen, die in Grunge vorhanden waren, sind auf andere Weise in der Mode präsent: Das Kommerzkritische ist auch unter Modeschaffenden ein Riesenthema. Weniger aus einer Absage an Glanz und Glamour, sondern aus einer Kritik an Fast Fashion heraus." (Protokoll: Amira Ben Saoud)

Karin Krapfenbauer (53) gründete zusammen mit Markus Pires Mata das Wiener Modelabel House of the Very Island’s.

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Stefan Sagmeister über Design

Wie bei allen ikonischen Musikcovers war es auch bei Nevermind so, dass nicht unbedingt das Cover selbst zu dessen Erfolg geführt hat, sondern die Qualität der Musik. Hätten die Stone Temple Pilots das gleiche Bild verwendet, würden wir heute nicht darüber sprechen. Dass auch jüngere Generationen das nackte Baby im Pool erkennen, liegt also an der Musik. Natürlich gab es auch tolle Alben mit miserablen Covers, aber es hilft absolut, wenn ein gutes Musikalbum auch ein gutes Cover hat.

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Obwohl Nirvana ihr Grunge-Image pflegten, ist das Cover überhaupt nicht grungig. Weder die langgezogene Schrift, die fast nach Art déco aussieht, noch das dem Dollarschein nachschwimmende Baby. Das war aber auch das Spannende, weil Nirvana mit dieser Visualisierung aus dem Genre ausgebrochen ist.

Heute ist das Albumcover zwar nicht tot, aber es ist halt ein Nischenprodukt geworden. Als Vinyl oder CDs noch verpackt werden mussten, hatte das Cover eine Existenzberechtigung. Das heutige File braucht das nicht mehr – zum Nachteil der Musiker, da ihnen so der Wiedererkennungswert fehlt. Ein Albumcover war die ideale Form, um einen Vorgeschmack auf die Musik zu geben, ohne zu viel zu verraten. Auch bei Nevermind war das so, und deshalb mögen wir das Ding so gerne. Erfolgreiche Covers können das. (Protokoll: Katharina Rustler)

Stefan Sagmeister (59) wurde mit Plattencover-Designs für Lou Reed, Rolling Stones oder Talking Heads bekannt. Er lebt in New York.