Europa hat, in Person von Teamkapitän Padraig Harrington, als Titelverteidiger die Hand am Pokal. Und nicht vor, den Griff zu lockern.

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Bernd Wiesberger (35) will mit Europa zuschlagen.

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Was ist Europa? "Viele unterschiedliche Charaktere aus unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichem Background." Damit meint Bernd Wiesberger speziell das "Team Europa", mit dem er heute, Freitag, in Wisconsin antritt, um gegen das "Team USA" den Ryder Cup im Golf zu verteidigen. "Ich bin stolz, Europäer zu sein und die European Tour vertreten zu dürfen", sagt Wiesberger auch. "Und ich bin sehr stolz, dass Österreich ein Teil dieses Kontinents ist." Dem 35-jährigen Burgenländer ist es zu verdanken, dass diese Tatsache jetzt auch im Golfsport verankert ist. Österreich ist das 13. Land im europäischen Team – nach England, Spanien, Schottland, Irland, Schweden, Deutschland, Nordirland, Wales, Italien, Dänemark, Frankreich und Belgien. Und Wiesberger ist nach Bernhard Langer und Martin Kaymer erst der dritte deutschsprachige Spieler, der um den Ryder Cup spielt.

"Je länger meine Karriere gedauert hat", sagt der Österreicher, "umso größer war das Ziel, da einmal mitzumischen." 2006 ist Wiesberger ins Profilager übersiedelt. Seither war er vornehmlich auf der European Tour unterwegs, dort stehen acht Turniersiege zu Buche, dazu kommen unter anderem zwei Erfolge auf der Asian Tour.

Kein Underdog

Bei den Majors läuft er nach 29 Teilnahmen einem Top-Ten-Platz noch nach. "Ich bin für amerikanische Fans vielleicht nicht der große Name", sagt er, doch als Underdog sieht er sich nicht. Er hat im Matchplay oft seine Klasse bewiesen, baut auf sein langes Spiel und hofft, schon in den Doppeln am Freitag und/oder Samstag zum Einsatz zu kommen. Solo tritt er am Sonntag garantiert zum Duell mit einem der zwölf US-Amerikaner an.

Wenn man nur nach den Weltranglistenpositionen geht, müssten die zwölf Europäer fast Angst bekommen. Gut, es ist ein Europäer, der momentan Platz eins innehat, nämlich der Spanier Jon Rahm. Doch der zweitbeste Europäer, der Norweger Viktor Hovland, folgt erst an 14. Stelle – hinter gleich zehn US-Amerikanern. Die von Dustin Johnson angeführte US-Truppe weist ein durchschnittliches Ranking von neun auf, die Europäer haben mit 30 klar das Nachsehen. Das muss und soll nichts heißen. Wiesberger setzt auf den Teamspirit, sieht das europäische Team "als eine Einheit, als Großfamilie". Der Heimvorteil könnte sich allerdings stärker als gewohnt auswirken, schließlich ist Golffreunden aus Europa eine Reise nach Wisconsin praktisch nicht möglich gewesen.

Käsehüte und Kappen

Bei einem PR-Termin am Mittwoch sind die Europäer in den Farben des Footballteams Green Bay Packers angetanzt, Wiesberger und Co scheuten nicht einmal davor zurück, sich die berühmten Käsehüte aufzusetzen. Auf den Proberunden wurden zudem signierte Kappen im Publikum verteilt. Das waren ganz nette Ideen, es ist aber nicht davon auszugehen, dass sich die beim Ryder Cup oft alles andere denn vornehmen Fans der Gastgeber an den Bewerbstagen in absoluter Zurückhaltung üben werden.

Die Gesamtbilanz spricht klar für die USA, die 26:14-Siege feierten, wobei da wie dort noch ein Remis zu addieren ist, das als erfolgreiche Titelverteidigung gewertet wird. So würde den Europäern, die vor drei Jahren mit 17,5 zu 10,5 klar triumphiert hatten, auch am Ufer des Lake Michigan ein 14:14 genügen, um den Cup wieder mit nach Hause zu nehmen. Seit 1979 hat Europa zwölf von 20 Duellen gewonnen. Seit 1995 gab’s bei neun Erfolgen Europas nur drei Niederlagen, seit 2010 war Europa viermal über- und nur einmal unterlegen.

Dreijährige Pause

Immerhin sieben der zwölf Europäer waren 2018 beim Heimsieg in Paris dabei. Corona-bedingt hat die Pause nicht wie üblich zwei, sondern drei Jahre lang gedauert. So kehrt der Ryder Cup in die ungeraden Kalenderjahre zurück, aus denen er sich nach ebenfalls dreijähriger Pause (1999–2002) wegen 9/11 verabschiedet hatte

Sky zeigt von Freitag bis Sonntag insgesamt mehr als 28 Stunden live im TV. Zudem kann man auch ausgewählten Flights folgen. Freitag und Samstag steigen ab 14.05 Uhr MESZ jeweils acht Doppel (Foursome bzw. Fourball), am Sonntag folgen die zwölf Einzel. (Fritz Neumann, 23.9.2021)