Die Lava ergoss sich in der Nacht auf Mittwoch ins Meer.

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Sorge bereiten vor allem die aus dem Meer aufsteigenden Dämpfe.

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Seit Tagen warten die Experten auf diesen Moment. Dann war es in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kurz vor Mitternacht so weit: Zehn Tage nach dem Vulkanausbruch auf der spanischen Kanareninsel La Palma gelangte die Lava an die Küste und ergießt sich seither ins Meer. Es zischt und brodelt. Riesige Säulen aus Dampf und Rauch steigen auf. Die Menschen der umliegenden Gemeinden wurden von den Behörden aufgefordert, zu Hause zu bleiben, Fenster und Türen geschlossen zu halten und abzudichten. Außerdem wurde empfohlen, die Atemwege zu schützen, indem man Nase und Mund mit nassen Tüchern bedeckt. Die Dämpfe könnten gesundheitsschädlich sein.

Der Lavastrom hat bisher 744 zerstörte Gebäude hinterlassen. 655 davon sind völlig zerstört. 267,5 Hektar Land liegen unter dem bis zu 1.000 Grad heißen flüssigen Gestein begraben. 23 Kilometer Straße wurden bedeckt. Die Küstenstraße war die letzte Hauptverkehrsstraße der Region, die die Lava unterbrochen hat. Jetzt ist La Palma so gut wie zweigeteilt. Nur eine stundenlange Fahrt über das gebirgige Inselinnere führt noch auf die andere Seite.

Riesige Anbauflächen von Bananen können nur noch über lange Umweg auf ungeteerten Pisten erreicht werden. Andere Plantagen sind ganz abgeschnitten, ebenso wie mehrere Häuser. Verletzte oder gar Tote sind bisher zum Glück nicht zu beklagen. Rund 6.500 Menschen wurden im Südwesten der Insel in Sicherheit gebracht und leben in Sammelunterkünften, Hotels und leerstehenden Wohnungen. Die Asche hat mittlerweile auch die Ostküste und dort die Hauptstadt Santa Cruz erreicht.

Wie lange die Eruption noch dauern wird, weiß niemand zu sagen. Zuerst war sie von Explosionen begleitet. An elf Stellen wurden riesige Lavamassen dutzende Meter hoch in den Himmel geschleudert. Seit mehr als einem Tag hat sich das Bild geändert. Jetzt treten riesige Lavafluten aus.

"Die Lava hat ungeheuerliche Verwüstungen angerichtet", erklärte gestern der Chef der kanarischen Regionalregierung Ángel Victor Torres. "Aber diese Lava hat jetzt einen Weg ins Meer", fügte er fast schon erleichtert hinzu. Wie die Vulkanexperten hofft auch er, dass sie fortan abfließt, anstatt die Lavazunge zu verbreitern und weitere Schäden anzurichten.

Auf La Palma brach zuletzt vor 50 Jahren ein Vulkan aus. Die letzte Eruption fand 2011 vor der kleinen Kanareninsel El Hierro im Meer statt. Wie lange die Eruption auf La Palma noch dauern wird, lässt sich nicht vorhersagen. In der Vergangenheit waren es auf den Kanaren mehrere Wochen bis mehrere Monate.

Die Lava ergoss sich in der Nacht auf Mittwoch ins Meer.
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Am Mittwoch starteten und landeten erstmals seit fünf Tagen wieder Verkehrsmaschinen auf dem Inselflughafen. Der Wind stand günstig. Gase und Aschewolken wurden vom Flughafen weggeweht. Der Chef der spanischen Regierung, der Sozialist Pedro Sánchez, kündigte an, noch am Mittwoch auf die Kanaren zurückzukehren. Er war bereits zu Beginn der Krise vor Ort, um sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe zu machen.

Am Dienstag wurde von der Koalitionsregierung aus Sozialisten und Linksalternativen ein erstes Hilfspaket von 10,5 Millionen Euro verabschiedet. Unter anderem sollen damit 107 leerstehende Häuser aufgekauft werden und diejenigen, die alles verloren haben, Einkaufsgutscheine fürs Nötigste bekommen. Sánchez drückte erneut seine Solidarität aus und versprach, alles zu tun, um den Inselbewohnern zu helfen. Bereits Anfang der Woche schätzte die Inselregierung den Schaden auf über 400 Millionen Euro. Die Insel wird wohl zum Katastrophengebiet erklärt werden. Spanien will versuchen, europäische Hilfsgelder zu bekommen. (Reiner Wandler aus Madrid, 29.9.2021)

Die Bewohner der Insel wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.
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