"Shit happens" gilt auch für Eltern. Trotzdem sind sie aber Vorbilder – dessen sollten sie sich stets bewusst sein, sagt Hans-Otto Thomashoff.

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Was ist wirklich wichtig im Leben? Für uns Erwachsene ist das oft schon schwer definierbar – für Kinder erst recht. Umso wichtiger sei es, ihnen eine gute Orientierung zu geben, ihnen Werte zu vermitteln, sagt Hans-Otto Thomashoff. Der Psychiater und Familientherapeut hat kürzlich ein Buch zum Thema veröffentlicht. Darin schreibt er, wie Eltern ihren Kindern eine Richtschnur für ihren Weg durch das Leben mitgeben können. Ganz wichtig dabei sei, dass sie Vorbilder sind. Denn Kinder ahmen automatisch nach, was sie bei den Erwachsenen sehen. Was aber nicht bedeute, dass man als Vater oder Mutter perfekt sein muss, sagt Thomashoff.

Wie geht man also mit eigenen Verfehlungen um? Und was ist zu tun, wenn sich Kinder ungerecht behandelt fühlen? Wie kann man mit ihnen Ausdauer trainieren? Was sollte man ihnen kaufen? Wie bringt man ihnen bei, den Moment zu genießen? Das erklärt der Experte im Interview.

STANDARD: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", lautet ein bekanntes Sprichwort und besagt: Du bist wie deine Eltern. Wie sehr prägt Familie wirklich?

Thomashoff: Anders als lange angenommen sind unsere Gene kein starrer Bauplan, der uns zu denjenigen macht, die wir sind. Vielmehr sind die Gene wie die Buchstaben des Alphabets. Der Text, die Geschichte unseres Lebens, den schreibt die Umwelt. Damit sind das Umfeld, die Erziehung in der Familie und unsere Erfahrungen die wichtigste Grundlage für unsere psychische Entwicklung – ein genialer Kniff der Evolution, denn er macht uns so enorm anpassungsfähig. Er macht uns formbar. Mit einer lebenspraktischen Erziehung können wir unsere Kinder also auf ihr Leben vorbereiten. Mehr noch geben sie später dann ganz von selbst ihre Erfahrungen an ihre eigenen Kinder weiter. Außer sie entscheiden sich dagegen. Denn ein erwachsenes Gehirn hat eine Abstraktionsfähigkeit, die es uns ermöglicht, zu hinterfragen, was wir in unserer Kindheit erlebt haben. Das ist mir sehr wichtig: Wenn Eltern ihre eigene Geschichte hinterfragen, können sie vieles bei ihren eigenen Kindern bewusst anders machen. Und ihnen die Werte mitgeben, die sie selbst für richtig halten.

STANDARD: Um seinen Kindern die richtigen Werte mitzugeben – muss man sich da nicht zunächst selbst darüber klarwerden, was diese sind?

Thomashoff: Ganz genau. Das halte ich für sehr wesentlich. Eltern sollten sich fragen: Welche Werte vertrete ich und kann sie deshalb glaubwürdig an meine Kinder weitergeben? Wie wichtig sind Beziehungen? Was muss ich wirklich alles haben? Oder im Alltag: Worauf achte ich bei der Ernährung? Halte ich Ordnung? Achte ich auf eine bewusste Tagesstruktur? Nehme ich mir Zeit für das Miteinander? Was auch immer Eltern ihren Kindern vorleben, bekommen die Kinder ganz automatisch mit. Wohlgemerkt vorleben, nicht vorbeten! Spannend dabei ist, dass einige unserer Werte naturgegeben, also angeborene Eigenschaften von uns Menschen sind, etwa Beziehung oder Gerechtigkeit. Wenn Eltern ihren Kindern diese Werte bewusst mitgeben, werden sie wahrscheinlich gut in ihrem Leben zurechtkommen. Und dann gibt es natürlich auch noch Werte, die Teil unserer Kultur sind, etwa besagen, was gut und was schlecht ist, welche Umgangsformen in einer Gesellschaft passend sind, was erlaubt und was verboten ist.

STANDARD: Wie vermittelt man Kindern Werte?

Thomashoff: Will man seinen Kindern etwas beibringen, sollte man das ruhig, klar und verständlich tun. Kinder wollen sich auskennen. Doch ich erwähnte es schon, mehr noch als das Erklären ist das Vorleben der entscheidende Hebel, wenn man Kindern etwas beibringen will. Kinder registrieren ganz automatisch und unwillkürlich, was die Erwachsenen um sie herum tun, und machen es nach. Verantwortlich dafür sind die Spiegelneuronen in unserem Gehirn. Mithilfe dieser besonderen Hirnzellen ahmen wir ganz unwillkürlich nach, was wir bei einem anderen erkennen. Das ist angewandte Hirnforschung im Alltag. Das heißt, wenn ich meinen Kindern etwas verbiete, was ich aber selbst andauernd mache, dann merken sie das. Dann bin ich nicht mehr glaubwürdig und sie nehmen mich verständlicherweise nicht mehr ernst. Inkonsequenz rächt sich.

STANDARD: Müssen Eltern also bei jedem Schritt und Tritt höllisch aufpassen?

Thomashoff: Ganz im Gegenteil, das würde ein falsches Bild von der Welt vermitteln, denn die perfekte Welt gibt es nicht. Deshalb gilt auch in der Kindererziehung "nobody is perfect". Die perfekten Eltern gibt es nicht, auch Mama und Papa machen Fehler. Den Druck, unfehlbar sein zu müssen, sollte also niemand haben. Aber natürlich sind Eltern Vorbilder, ob sie wollen oder nicht.

STANDARD: Wie geht man mit eigenen Verfehlungen um? Wie geht man vor, wenn man in einer Situation die Beherrschung verloren, am Esstisch das Handy gezückt hat, beim Autofahren ausfällig geworden ist?

Thomashoff: Ganz so wie auch gegenüber Erwachsenen: Man entschuldigt sich dafür. Kinder sollten ja lernen, dass die Welt ist, wie sie ist. Es passiert viel, aber nicht alles ist gleich ein Weltuntergang. Vieles kann man auch wieder geraderücken.

STANDARD: Eltern ist es oft peinlich oder sie sorgen sich, wenn ihr Kind ein anderes schlägt oder tritt. Was sagen Sie diesen Eltern?

Thomashoff: Dabei geht es den Kindern oft um die pure Lust am Austesten. Dennoch ist das ein Verhalten, das sich nicht gehört. Kinder müssen lernen, dass es reale Grenzen gibt. So wie sie auch nicht einfach auf die Straße rennen können. Im Leben gibt es Grenzen, und denen muss man sich früher oder später stellen.

STANDARD: Haben Sie das Gefühl, dass viele Eltern heutzutage Grenzen scheuen?

Thomashoff: Ich sehe das Problem darin, dass – angeheizt durch Werbung und Marketing – eine Konkurrenz zwischen Eltern entstanden ist. Wer sind die besten Eltern? Was braucht man alles, um die besten Eltern zu sein? Das ist nicht gut, denn es erzeugt einen Druck, der weder Kindern noch Eltern guttut. Viele Eltern wollen Kindern heute alles recht machen, damit sie nicht böse auf sie sind. Eltern missverstehen die Wut ihrer Kinder als eigenen Fehler, dabei gehört Wut über Frustrationen – und die entstehen, wenn Grenzen gesetzt werden – zum Leben dazu. Kinder müssen ihren Eltern auch böse sein dürfen, weil sie eine Grenze setzen, die notwendig ist. Ich sage immer: Alle Gefühle sind erlaubt. Weil man Gefühle gar nicht verbieten kann. Auch das belegt die Hirnforschung eindrucksvoll, Gefühle entstehen nämlich viel zu schnell. Das Schöne ist aber: Jedes Gefühl geht auch wieder vorbei. Es geht also darum, zu lernen, ein Gefühl auszuhalten, und Wege zu finden, wie man damit umgeht.

STANDARD: Lange galt in der Erziehung ein anderer Tenor. Die Wut, die Traurigkeit, der Schmerz eines Kindes wurden negiert. Wenn ein Kind hingefallen ist und geweint hat, sagte man: "Ach komm, das hat doch jetzt nicht wehgetan!"

Thomashoff: Dahinter steht die Aussage: "Ich halte es nicht aus, wenn dir etwas wehtut." So etwas zu sagen ist ein Fehler. Denn das Kind merkt ja, dass es wehtut. Wie soll es jetzt reagieren? Ein schlechtes Gewissen für sein Gefühl haben? Wenn man unangenehme Gefühle verbietet, zieht man sich, überspitzt gesagt, einen Neurotiker heran.

STANDARD: Wie kann man es besser machen? Wie reagiert man etwa auf einen Wutanfall?

Thomashoff: Die Devise dabei lautet, das Drama herunterzufahren. Wenn ein Kind tobt, kann man oft gar nicht mit ihm sprechen. Dann kann man etwa kurz sagen: "Jetzt geh mal auf dein Zimmer, und wenn du dich beruhigt hast, komm wieder heraus. Ich bin da, und es wird vorbeigehen." Sollte das Kind tobend um sich schlagen, muss man das klar verbieten: Du darfst wütend sein, aber andere zu schlagen, das geht trotzdem nicht. Punkt.

STANDARD: Auch einem Kind jedes Bedürfnis zu erfüllen ist nicht gut, sagen Sie.

Thomashoff: Die Krux ist, dass die Bedürfnisse des einen und die des anderen häufig kollidieren. Es gibt Regeln, nach denen die unterschiedlichen Bedürfnisse aller aufeinander abgestimmt werden müssen. Und nicht jedes Bedürfnis kann erfüllt werden. Auch das müssen Kinder lernen. Die Welt ist kein Schlaraffenland, in dem Mama und Papa einen für immer bedienen. Wenn Kinder das nicht lernen, sitzen sie womöglich mit 35 noch zu Hause im Hotel Mama.

STANDARD: Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Situation mit einem Mädchen, das unbedingt schaukeln will. Aber ihre Mama unterhält sich gerade. Wie passierte dann?

Thomashoff: Wir saßen ganz entspannt in einem idyllischen Landgasthof, am Nebentisch saß eine Runde junger Eltern. Sie unterhielten sich angeregt, während sich ihre Kinder auf den Spielgeräten vergnügten. Da kam eines von ihnen, ein kleines, keckes Mädchen, auf seine Mutter zu und warf ihr in einem Befehlston an den Kopf: "Mama, ich will schaukeln!" Die Mutter ist wirklich mitten im Gespräch aufgesprungen und mit ihrem Kind schaukeln gegangen. Was lernt das Kind daraus? Alles tanzt nach meiner Pfeife! Später könnte ihm das zum Problem werden – in Freundschaften, in Liebesbeziehungen, im Beruf. Denn jedes Kind hat automatisch die Neigung, seine Erfahrungen mit den frühen Bezugspersonen zu verallgemeinern und später im Leben mit den anderen Menschen so umzugehen, wie es das gelernt hat. Spätestens als junge Frau wird dieses Mädchen wohl an Grenzen stoßen.

STANDARD: Was ist zu tun, wenn Kinder ihre eigene ungerechte Behandlung – also etwa gegenüber Geschwistern – einklagen?

Thomashoff: Dann klärt man als Vater oder Mutter erst einmal für sich selbst, was die Kriterien für die eigene Gerechtigkeit sind – und erklärt sie dann den Kindern. Man sagt ihnen: "Ich sehe das aus diesen und jenen Gründen als gerecht an. Jetzt erkläre du mir mal, was du gerecht findest, und dann schauen wir, wie wir zu einem Konsens kommen."
Manchmal wird Gerechtigkeit mit Gleichheit verwechselt. Es geht aber nicht um Gleichheit, sondern um Fairness. Eine gleiche Behandlung ist oft weder möglich noch erstrebenswert. Warum sollte ein faules Kind gleich behandelt werden wie ein hilfsbereites?

STANDARD: Wie vermittelt man Kindern, dass es sich auszahlt, nicht gleich aufzugeben?

Thomashoff: Indem man es ihnen vorlebt und Anreize schafft. Für das Üben von Ausdauer eignet sich wunderbar die Mithilfe im Haushalt. Man kann Kindern eine Belohnung in Aussicht stellen, wenn sie geholfen haben, beim Putzen, beim Einkaufen, beim Geschirrspüler-Ausräumen und dergleichen mehr. Und die bekommen sie wirklich erst danach. Ausdauer ist enorm wichtig für jeden, der erfolgreich sein will. Ohne sie gibt es keinen Erfolg.

STANDARD: Das konnte ja auch der berühmte Marshmallow-Test nachweisen. Die US-Studie aus den frühen 1970er-Jahren zeigte – sehr verkürzt dargestellt –, dass Kinder, die es sich verkneifen konnten, einen Marshmallow gleich zu essen, später ein erfolgreicheres Leben führten ...

Thomashoff: Ja, die Ergebnisse belegen eindrucksvoll, dass Ausdauer eine ganz wichtige Fähigkeit ist. Leider laufen Smartphones und Fernsehen dieser Fähigkeit zuwider, weil sie so reizvoll sind. Deshalb bin ich dafür, die Zeit von Kindern an Smartphones und Fernsehern sehr begrenzt zu halten und außerdem die Inhalte sorgsam auszuwählen.

STANDARD: Wie bringt man Kinder bei, den Moment zu genießen? Und wie viel sollte man ihnen kaufen?

Thomashoff: Auch hier gilt vorleben und teilhaben lassen an schönen Momenten. Gemeinsam die Sinne öffnen für das, was besonders ist. Das Glitzern der Sonne auf dem Meer im Urlaub, die ersten Blumen im Frühling, der Duft frischer Plätzchen – die Liste ist endlos. Hier gilt es, die Sinne zu schärfen für das Schöne. Zur Ihrer anderen Frage: Natürlich sind Geschenke die freie Entscheidung der Eltern, doch sollten sie sich gelegentlich fragen: Warum kaufe ich das jetzt? Käufe aus schlechtem Gewissen heraus: nicht gut. Käufe, damit das Kind ruhig ist: auch nicht gut. Käufe, um mit anderen mithalten zu können: gar nicht gut. Wenn man dem Kind wirklich etwas Gutes tun möchte, dann sollte ein Spielzeug ihm echte Freude bereiten und das nicht nur im Augenblick – dann ist es ein schönes Geschenk. Dann hat es für das Kind einen echten Wert. (Interview: Lisa Breit, 5.10.2021)