Schlechte Zeiten für Facebook.

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Am Dienstag sagt die Whistleblowerin vor dem US-Senat aus.

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Haugen trat am Sonntag erstmals öffentlich auf.

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Facebook geht es offenbar an den Kragen. Gut, danach sieht es regelmäßig aus, wird doch seit Jahren Kritik laut, die das Unternehmen in ein negatives Licht rückt. Nur: Aktuell herrscht auch bei der Führung selbst Trübsinn, in internen Memos bereitet man sich bereits auf schlechte Zeiten vor. Der Grund ist die Whistleblowerin Frances Haugen.

Anders als bisherige Gegnerinnen und Gegner des Konzerns hat Haugen, die bis Mai bei Facebook tätig war, nämlich einen Berg an internen Dokumenten mitgenommen und öffentlich gemacht. Ihr Vorwurf: Facebook habe immer wieder Gewinne über den Kampf gegen Falschinformationen, Hassrede und Polarisierung gestellt. Zuvor waren, gemeinsam mit dem "Wall Street Journal", zahlreiche Leaks veröffentlicht worden, die belegen, dass Facebook die vielen negativen Auswirkungen seiner Plattform erkannt hatte – das aber nicht an die Öffentlichkeit kommunizierte.

Acht Beschwerden vor Behördenaufsicht

Gemeinsam mit ihren Anwälten hat Haugen mindestens acht Beschwerden bei der US-Behördenaufsicht SEC gestellt. Facebook als börsennotiertes Unternehmen dürfe nicht lügen oder Informationen zurückhalten – genau das tue der Konzern aber, so die Argumentation. Am Sonntag war Haugen erstmals im Fernsehsender CBS öffentlich aufgetreten. Am Dienstag sagt sie vor dem US-Senat aus.

Sie wirft Facebook vor, die Öffentlichkeit über die Fortschritte bei der Bekämpfung von Hassrede und Falschinformationen zu belügen. Der Algorithmus des Konzerns zeige Nutzerinnen und Nutzern bewusst Inhalte, die sie verärgern würden, sagte sie in einem Interview bei der Sendung "60 Minutes". Das gehe auf ein Update aus Jahr 2018 zurück. Seither werde Content angezeigt, der am ehesten zu Interaktionen der Userschaft führt – anhand derer Facebook wiederum Werbung schaltet und Geld verdient. Das Problem dabei: "Es ist leichter, Menschen zu Wut zu inspirieren, als zu anderen Emotionen", sagt Haugen, und das würden die eigenen Recherchen zeigen.

Sicherheitsvorkehrungen nach Wahl gesenkt

Haugen hatte im Mai das Unternehmen nach zwei Jahren verlassen. Im "Civic Integrity"-Team (zu Deutsch etwa: "bürgerliche Integrität") war es ihre Aufgabe, mit Manipulationsversuchen im US-Wahlkampf umzugehen. Nach der Wahl 2020 sei ihr Team aber aufgelöst worden – was den fehlenden Fokus des Unternehmens zeige, tatsächlich etwas gegen seine Probleme zu tun. Sicherheitsvorkehrungen seien nach der Wahl wieder gesenkt worden, um Profite voranzustellen.

Dass das keine gute Idee war, zeige aus ihrer Sicht die Geschichte: Nur wenige Monate später kam es zu dem Sturm auf das US-Kapitol. Die Produktmanagerin, die zuvor bereits bei Google und Pinterest tätig war, befindet Facebook als "wesentlich schlimmer" als andere IT-Konzerne.

Laut internen Recherchen erkenne der Konzern nur bis zu fünf Prozent der Hassrede und nur ein Prozent der Gewaltaufrufe auf seiner Plattform. Dennoch glaube man intern, derartige Inhalte im Vergleich zu anderen Plattformen am besten zu erkennen.

Instagram schadet jungen Frauen

Aus der Serie von Berichten im "Wall Street Journal" aus den vergangenen Wochen ragt ein Artikel hervor, in dem es um interne Untersuchungen zum Einfluss von Instagram auf junge Nutzer ging. Unter anderem hieß es in dem Bericht von Facebook-Forschern, dass Instagram bei zahlreichen Jugendlichen – vor allem Mädchen – die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärke, was wiederum Auswirkungen auf deren psychische Gesundheit habe.

Facebook verwies nach dem Bericht darauf, dass sich Instagram für Teenager bei anderen Themen als hilfreich erwiesen habe. Dennoch legte das Online-Netzwerk danach Pläne für eine Instagram-Version für Zehn- bis Zwölfjährige auf Eis. Aktuell dürfen offiziell nur Personen ab 13 Jahren Instagram nutzen. Viele geben jedoch bei der Registrierung ein falsches Geburtsdatum an. Mit "Instagram Kids" wollte Facebook nach eigenen Angaben auch dieses Problem angehen. Doch nach einer Anhörung im US-Senat wurde klar, dass dies politisch nur noch schwer durchzusetzen wäre.

Teufelskreis

Besonders "deprimierend" findet Haugen, dass die Inhalte, etwa zu Essstörungen, junge Frauen depressiver machten, als sie bereits seien – sie aber dann die App noch mehr nutzen würden, quasi wie ein Teufelskreis: "So fallen sie in eine Art Rückkoppelung, die dazu führt, dass sie ihren Körper mehr und mehr hassen." Die Belegschaft bei Facebook sei nicht per se bösartig– aber die Motivationen seien verstellt. So gehe es vor allem um Profit – und das führe zu Entscheidungen, die der Öffentlichkeit schaden.

Haugen sieht sich durch Whistleblower-Rechte gedeckt. Ob das tatsächlich so ist, wird sich noch zeigen. Die 37-Jährige ist mit mit internen Dokumenten in Kontakt mit Journalistinnen und Journalisten getreten. Ihre Beschwerden bei der SEC seien jedenfalls gedeckt, erklärt Haugen. So dürfe laut einem ihrer Anwälte kein Unternehmen seinen Mitarbeitern verbieten, mit der Aufsicht zu kommunizieren. (Muzayen Al-Youssef, APA, 4.10.2021)