"Ich liebe dich!" und "Ich hasse dich!" sind in der digitalen Kommunikation oft nur ein paar Zeilen voneinander entfernt.

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Ein Kuss-Emoji zum Aufstehen, ein "Ich liebe dich" zum Schlafengehen, dazu ein Herz. Zwischendurch ein "Ich vermisse dich", "Ich freu mich für dich" und, wenn es mal nicht so gut läuft, auch ein "Das hat mich heute echt geärgert": Im digitalen Raum finden Beziehungen eine neue Ausdrucksform. Jede Art von Gefühl kann dem oder der anderen in Echtzeit mitgeteilt werden.

Aber ist das nur gut? Das haben wir die Paartherapeuten Sabine und Roland Bösel gefragt. Die Experten wollen Whatsapp und Co keineswegs verteufeln. Sie seien durchaus praktisch – zum Beispiel weil manche Dinge schreibbar sind, die kaum aussprechbar sind. Allerdings sei es auch nicht ungefährlich, wenn Paare einander vieles über Messengerdienste ausrichten – etwa weil sich Liebesbekundungen schnell abnutzen oder weil Geschriebenes ohne Mimik und Tonlage daherkommt.

Im Interview erklärt das Therapeutenpaar, was man immer tun sollte, bevor man auf Senden klickt, wie gelöschte Nachrichten zu einer ausgewachsenen Beziehungskrise werden können – und was dahinterstecken könnte, wenn der Partner oder die Partnerin nicht antwortet.

STANDARD: Als Sie beide einander vor rund 40 Jahren kennenlernten, haben Sie wahrscheinlich noch Zettel mit Liebesbotschaften an den Spiegel geklebt oder eine Nachricht in der Jackentasche des anderen versteckt – heute schickt man sich so etwas meist mit dem Handy. Sind Whatsapp-Nachrichten die modernen Liebesbriefe?

Sabine Bösel: Ich denke schon. Aber ich sehe darin nicht unbedingt etwas Negatives. Ich finde es nett, dass es jetzt so schnell und einfach geht, anderen seine Zuneigung mitzuteilen – nicht nur dem Partner oder der Partnerin, auch Freundinnen und Freunden. Bei mir ist es so: Je lieber ich die Person habe, desto kreative werde ich bei den Emojis, die ich mitschicke. Das ist eine Art der Aufmerksamkeit, die ich damit demonstriere.

Roland Bösel: Es ist wirklich eine tolle Möglichkeit, einander Zuneigung mitzuteilen. Ich mag es sehr, wenn ich unterwegs bin und meine Frau mir schreibt: "Ich freue mich schon auf heute Abend." Das aktiviert meine Vorfreude. Man kann sich über Whatsapp aber auch wunderbar entschuldigen. Ich neige dazu, sehr überschießend mit einer Kritik zu sein, und wenn das wieder passiert ist, schreibe ich der Sabine, das es mir leidtut. Früher ging das nicht so leicht – wenn man da im Streit auseinandergegangen ist, hat es oft Stunden gedauert, bis man sich entschuldigen konnte.

STANDARD: Ich bin überrascht, wie positiv Sie die digitale Kommunikation sehen. Oft lautet der Vorwurf, dass dadurch alles viel unpersönlicher geworden ist ...

R. Bösel: Das hängt, glaube ich, vor allem mit der Menge zusammen. Denn: Es nutzt sich alles ab. Wenn ich meiner Frau hundertmal pro Tag sage, dass ich sie liebe, wird sie es auch nicht mehr hören. Die Kunst liegt außerdem darin, ein bisschen zu variieren – einmal schreibt man ein Whatsapp, dann braucht es aber auch wieder einen Liebesbrief oder eine Umarmung.

S. Bösel: Eine Umarmung kann nichts ersetzen!

R. Bösel: Eine Übung, die wir Paaren gerne empfehlen, ist, einander wertschätzende Post-its zu schreiben. Am besten jeden Tag mindestens eines. Die Übung ist sehr alltagstauglich, denn wir können die Zettel ja irgendwann schreiben, wenn wir Zeit haben. Der andere kann sie irgendwann lesen. Auf den Post-its kann man eine Eigenschaft des anderen loben, etwas, das er kürzlich getan hat oder das wir an ihm schön finden. Am besten wäre, gar nicht mehr damit aufzuhören. Mit dieser Zettelwirtschaft können Paare sehr viel für die Liebe tun.

STANDARD: Wie unterscheidet sich die schriftliche Kommunikation von der mündlichen aus Sicht von Paartherapeuten?

R. Bösel: Wenn man mit seinem Partner oder seiner Partnerin spricht, sieht man seine oder ihre Mimik. Dadurch bekommt man ein Gefühl, wie es dem Gegenüber geht. Macht er sich Sorgen? Ist sie traurig? Wenn mir die Sabine sagt: "Roland, das hat mich jetzt verletzt", und ich sehe traurige Augen, dann wächst mein Empathiemuskel. Und um wieder zurück zur digitalen Kommunikation zu kommen: Wenn ich so etwas am Handy lese, passiert das nicht. Es regt sich weniger Empathie. Deshalb ist es wichtig, das Gesicht des anderen zu sehen.

S. Bösel: Und seine Stimme zu hören! Der Mensch braucht die Stimme, um sich orientieren zu können. Wie wir bereits beim letzten Interview besprochen haben, transportiert die Tonlage, in der jemand etwas sagt, sehr viel. Beim Schriftlichen kommt das gar nicht durch, es gibt einen viel größeren Spielraum für Interpretationen, weil die Nuancen fehlen. Diese Nuancen werden dann versucht, durch Emojis auszudrücken. Bei mir ist es inzwischen schon so weit, dass es mich manchmal irritiert, wenn jemand kein Emoji mitschickt. Ich frage mich dann gleich, ob er böse ist, ob es irgendein Problem gibt. Aber auch umgekehrt: Wenn mir jemand zehn Herzen schickt, nehme ich ihn auch nicht ernst. Das wirkt überladen auf mich.

STANDARD: Schreibt man auf Whatsapp Dinge, die man sonst nicht sagen würde? Oder ist es vielleicht andersherum: Ist dort kein Platz für schwierige Themen?

R. Bösel: Manchmal kann das Schriftliche eine Möglichkeit sein, etwas mitzuteilen, das man schön länger mit sich herumträgt. Bei dem es zu viel Überwindung kostet, es auszusprechen. Das Ungesagte ist manchmal schreibbar. Das Positive daran ist auch, dass man so seine Gedanken oft besser strukturieren kann, als wenn man darüber spricht. Einige nutzen Whatsapp zum Beispiel dazu, sich zu entschuldigen. Es ist wie in der Politik: Wenn wir uns verrennen, brauche ich eine Möglichkeit des Zurückkommens ohne Gesichtsverlust. Und das können Whatsapp und Co auf jeden Fall bieten. Auf gar keinen Fall sollte es dann aber um Inhalte gehen. Da reicht es, schlicht und einfach zu schreiben: "Es tut mir leid. Können wir reden?"

S. Bösel: Mit bösen Nachrichten sollte man sich auf jeden Fall zurückhalten. Denn es steht dann da, schwarz auf weiß. Im schlimmsten Fall wurde es auf dem Höhepunkt der Emotion geschrieben, und der andere liest es sich dreimal durch und lässt es so richtig sickern. Geschriebenes ist also viel gefährlicher. Gesagtes lässt sich oft leichter verzeihen, wir beruhigen uns ja auch wieder und reden normal weiter. Gar nicht gut übrigens: Verallgemeinerungen verwenden, also den Partner mit Killerwörtern wie "immer" und "nie" zu bewerfen. Das ist wie das Zünden einer Zündschnur, generell, aber mehr noch in Schriftform. Es gibt inzwischen zwar die Möglichkeit, versendete Nachrichten wieder zu löschen – aber davon würde ich eher abraten. Entweder hat sie der andere ohnehin schon gelesen, oder er wundert sich, wieso da etwas gelöscht wurde. Bei uns war mal ein Paar, bei dem die Frau sich über gelöschte Nachrichten beschwert hat. Ihre Vermutung war, dass ihr Mann eigentlich etwas an eine andere Frau schreiben wollte.

Besser als Löschen ist wahrscheinlich, sich das Geschriebene mit einem kühlen Kopf nochmals durchzulesen und zu überlegen, ob man es wirklich so schreiben möchte. Wer über etwas geschlafen hat, hat danach vielleicht noch immer dasselbe Thema, ändert jedoch oftmals die Worte, in denen er es anspricht. Vielleicht kommt er auch zu dem Schluss, dass er die Nachricht besser gar nicht abschickt.

R. Bösel: Sich Emotionen von der Seele zu schreiben, ohne groß nachzudenken, ist grundsätzlich total in Ordnung – es hat sogar einen psychohygienischen Effekt. Die Frage ist nur: Müssen wir unsere Ergüsse auf dem Gebiet wirklich jemand anderem zumuten? Eine interessante Frage ist nicht nur, ob man solche Nachrichten abschickt, sondern auch: Was antwortet man, wenn man derartiges bekommt? Mein Tipp wäre, erst einmal gar nicht zu reagieren. Besser ist abwarten und aussitzen. Denn jede Antwort ist dann oft eine Einladung weiterzumachen. Oft hat die Person, die etwas Böses schreibt, gerade keinen klaren Kopf oder ist nicht nüchtern.

S. Bösel: Wer nicht schlafen kann wegen so einer Nachricht, kann noch einmal aufstehen und das Aufwühlende daran niederschreiben. Und auch eine mögliche Antwort darauf. Dann wäre es gut, Stift und Papier oder Tablet oder was auch immer wegzulegen, am besten weit weg vom Schlafzimmer. Einzuschlafen ist dann leichter – oder überhaupt erst möglich.

STANDARD: Auch online gibt es die Kommunikation zwischen den Zeilen. Oder, wie es ein Journalist in der "Süddeutschen Zeitung" sehr treffend formuliert: "Die Lesebestätigungen an- oder auszumachen hat das Zeug zu einem zwischenmenschlichen Politikum."

R. Bösel: Auch wie schnell man einander zurückschreibt, kann zu Diskussionen führen. Ich habe mich schon öfter dabei ertappt, dass ich mich wundere, warum die Sabine eine Nachricht gelesen hat, aber nicht antwortet. Wenn ich sie darauf anspreche, sagt sie dann immer etwas sehr Richtiges, und zwar: "Denk doch nicht so viel darüber nach, du tust dir damit ja selber weh!" Es stimmt: Mit solchen Gedanken quält man sich nur selbst. Besser ist, sich abzulenken, etwas Schönes zu machen und erst später wieder aufs Handy zu schauen. Oder sich ins Bewusstsein zu rufen, dass die Partnerin wahrscheinlich im Stress ist. Jedenfalls sollte man nie von sich auf andere schließen – es gibt auch Leute, die haben ihr Handy immer irgendwo liegen und antworten deshalb nicht.

STANDARD: Oder sie haben schlichtweg keine Lust, sofort zu antworten.

S. Bösel: Das ist ja auch das gute Recht eines jeden! Und ich kann das wirklich gut nachvollziehen. Wenn ich arbeite und zwischendurch kurz eine Pause einlege, will ich auch einfach nur auf die Toilette gehen, etwas trinken und kurz für mich sein. Ich will mir etwas Gutes tun und nicht am Handy hängen. Das Absurde daran ist: Man kommt fast gar nicht drum herum, sich zu erklären.

STANDARD: Wäre man damit nicht ohnehin gut beraten?

R. Bösel: Absolut. Was man diesbezüglich voneinander erwartet und selbst geben will, gehört ausgesprochen, gerade in Liebesbeziehungen. Das gilt übrigens auch für die jeweilige Situation. Wenn der andere schon dreimal "Hallo?" geschrieben hat, wäre es vielleicht gut, kurz zu antworten und zu sagen, dass man mit etwas anderem beschäftigt ist. Oder, was die Sabine manchmal schreibt: "Ich weiß, du wolltest jetzt schneller eine Antwort, entschuldige. Ich liebe dich." Darüber freue ich mich dann sehr.

STANDARD: Was, wenn der Partner oder die Partnerin dauernd im Kontakt sein will, aber man selbst will das nicht?

S. Bösel: Ich würde sagen, dass das bei allen Paaren zutrifft. Einer ist immer der oder die Kommunikativere, der oder die andere will eher abschalten.

R. Bösel: Hier treffen sich, wie so oft in Beziehungen, die Bedürfnisse Sicherheit und Freiheit. Das sind die wohl wichtigsten Bedürfnisse des Lebens. Wenn der eine ein großes Sicherheitsbedürfnis hat, will er wahrscheinlich eher, dass der andere erreichbar ist. Der andere aber sagt, dass er jetzt für drei Stunden seine Ruhe haben will. Da geht es wirklich ums Ausloten, darum, einen Kompromiss zu finden, bei dem keiner verlieren darf.

STANDARD: Worin liegen die Gefahren, wenn Paare einander vieles über Messengerdienste ausrichten?

S. Bösel: Die Gefahr ist, dass einer oder eine so verärgert ist, dass ein Gespräch schwierig wird. Denn eigentlich bräuchte es das dann im Anschluss.

R. Bösel: Der Augenkontakt ist wichtig, um Dinge zu klären. Wenn jemand sehr verletzt ist und der andere ihn direkt anschaut und, so gut es geht, gelassen bleibt beim Gespräch, ist das oft schon die halbe Miete. Wenn wir Augenkontakt haben, führt das zu Entspannung, wie die Gehirnforschung zeigt. Außerdem entsteht mehr Verbindung.

S. Bösel: Wenn ich verletzt bin und ein Gegenüber habe, das mir wirklich zuhört, ist es gleich viel besser. Eine Kollegin von uns hat etwas sehr Wahres gesagt, nämlich: Zuhören ist mehr als eine Entschuldigung. Das ist auch im Alltag feststellbar: Wenn ich in ein Geschäft gehe, weil etwas kaputt ist, das ich gekauft habe, und jemand meiner Beschwerde aufmerksam folgt, ist es nur mehr halb so schlimm. Diesen Effekt hat man beim Schreiben nicht, das ist der Nachteil.

STANDARD: Einer Generation, die so mobil ist, mobil sein muss wie keine zuvor, machen Whatsapp und Co aber oft eine Beziehung überhaupt erst möglich.

S. Bösel: Dem Schreiben kommt in Fernbeziehungen natürlich oft eine erweiterte Rolle zu. Wenn Partner einander nur ein-, zweimal im Monat sehen, schreiben sie mehr. Wichtig ist es da, nicht nur das Konfliktbeladene zu schreiben. Und wenn schon Konfliktthemen, dann bitte die sogenannte Fünf-zu-eins-Regel beachten: zu einem Kritikpunkt fünf wertschätzende Äußerungen als Gegengewicht übermitteln.

R. Bösel: Und auch Fernbeziehungen brauchen denn ganz regelmäßigen direkten Kontakt. Erstens weil beim Kuscheln, weil durch Berührungen der Oxytocin-Spiegel steigt– über Whatsapp und Zoom passiert das nicht. Zweitens wird die Projektionsfläche größer, wenn man sich länger nicht sieht. Anders gesagt: Es steigt die Gefahr, dass man etwas, das man aus der eigenen Geschichte kennt, dem Partner zuschreibt. Dadurch kommt es letztlich zu mehr Streit. Das fällt weg, wenn man den oder die andere sieht, spürt und riecht. (Lisa Breit, 15.10.2021)