Wirtschaftlicher "Mainstream" und "Heterodoxie" müssen miteinander ins Gespräch kommen, sagt der Ökonom und Publizist Fred Luks im Gastkommentar.

Im Diskurs über Wirtschafts- und Finanzpolitik darf die Frage der Nachhaltigkeit kein fehlender Puzzlestein sein.
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Wir haben ein schwerwiegendes Verständnis- und Kommunikationsproblem, das die Bearbeitung existenzieller gesellschaftlicher Fragen verhindert oder mindestens verlangsamt. Leute, die an der digitalen Transformation arbeiten, reden zu wenig mit Leuten, die für die Nachhaltigkeitstransformation streiten. Die Fehlinterpretation ökonomischer Zusammenhänge durch Klimaforschende führt zu Forderungen, die ("freie") Marktwirtschaft abzuschaffen. Und wirtschafts- und finanzpolitische Diskurse sind oft völlig unberührt von Ein- und Ansichten der Debatte über die Transformation zur Nachhaltigkeit – und umgekehrt.

Ein Beispiel für das fehlende Zusammendenken von Wirtschafts- und Finanzpolitik mit den Fragen der Nachhaltigkeit liefern die Beiträge zweier "Denkfabriken" an dieser Stelle. Oliver Picek vom Momentum-Institut spricht sich gegen Staatsausgabenbegrenzungen aus, Heike Lehner und Marcell Göttert von der Agenda Austria betonen die Notwendigkeit von Wachstum. Beide Kommentare werfen wichtige Fragen auf, verfehlen aber mit ihrem etwas naiven Fokus auf Expansion zur Gänze einen wichtigen Punkt – nämlich den, dass Wachstum im 21. Jahrhundert nicht das unumstrittene Problemlösungsinstrument sein kann, als das es so lange gegolten hat. Man weiß heute, dass es "unwirtschaftliches Wirtschaftswachstum" (Herman E. Daly) geben kann und eine Gesellschaft gut beraten ist, hier sehr genau hinzuschauen.

Harte Realitäten

Insofern wäre es höchst wünschenswert, wenn "Thinktanks" wie Agenda Austria und Momentum beim Denken mit-denken, dass Wachstum zwar ein politisches Anliegen sein kann, Schrumpfung aber auch. Das Pariser Klimaabkommen ist wohl das gigantischste Schrumpfungsprogramm der Menschheitsgeschichte. Um die Erderwärmung halbwegs sozial- und wirtschaftsverträglich zu halten, steht die Reduktion von Treibhausgasemissionen (vor allem CO2) weltweit ganz oben auf der politischen Agenda. Um diese ökologische Schrumpfung mit ökonomischer Expansion zusammenzubringen, setzen so gut wie alle Akteure auf die technologisch befeuerte Entkopplung von Umweltbelastung und Wirtschaftsleistung. Auch Picek, Lehner und Göttert, die das Klimaproblem immerhin erwähnen, setzen zumindest implizit auf diese Strategie des "grünen" Wachstums.

Die Kritik an solchen technikoptimistischen Entkopplungs- und Expansionsstrategien firmiert seit einigen Jahren unter dem Label "Postwachstum". Dahinter steht die Idee einer Wirtschaft, die nicht auf Wachstum angewiesen ist, um gut zu funktionieren. Gesellschaftlicher Fortschritt, so die zentrale These, muss auch ohne Wachstum möglich sein. Der Postwachstums-Diskurs hinterfragt den Technologieglauben und weist mit sehr guten Gründen darauf hin, dass Verhaltens- und Lebensstiländerungen für eine nachhaltige Entwicklung unerlässlich sind. Damit steht das Wachstumsziel ebenso infrage wie der empirisch höchst fragwürdige Glaube, effizientere Heizungen, Digitalisierung und E-Autos allein könnten die Klimakatastrophe abwenden.

Es ist sehr gut, dass all dies Teil der Nachhaltigkeitsdebatte ist. Eher schlecht ist es, dass Texte zum Postwachstum meist merkwürdig unberührt von aktuellen wirtschafts- und finanzpolitischen Debatten sind. Nervig ist oft auch die moralinsauer vorgetragene Konsum- und Kapitalismuskritik. Da wird mit großer Vehemenz zu den Gläubigen gepredigt – und häufig vergessen, dass man mehr Energie darauf verwenden sollte, die Nicht-Überzeugten anzusprechen. So wie Picek, Lehner und Göttert weiteres Wachstum für unhinterfragbar halten, versäumen es Postwachstums-Protagonisten regelmäßig, die harten Realitäten einer nach wie vor höchst wachstumsabhängigen Wirtschaftsweise ernsthaft mitzudenken. Diese Mischung aus Ignoranz und Naivität ist ein ernstes Problem.

Es ist schon klar, dass zwischen "grünem Wachstum" und "Postwachstum" nicht nur erkenntnistheoretische Differenzen aufeinanderprallen. Seit der klassischen Politischen Ökonomie berührt die Wachstumsfrage buchstäblich weltanschauliche Fragen. Es geht um Wissen und Wahrheit, aber auch um Macht und Interessen – bei ideologisch klar verorteten "Thinktanks" natürlich ganz besonders. Dennoch: Es ist dringend notwendig, dass "Mainstream" und "Heterodoxie" weit mehr als bisher miteinander ins Gespräch kommen.

Gegenseitige Ignoranz

Die Nachhaltigkeit ist gerade auf dem besten Wege, in der Real- und Finanzwirtschaft wirklich anzukommen. Immer mehr Unternehmen verstehen, dass reiner Expansionsdrang und gesellschaftliche Verantwortung nicht miteinander vereinbar und soziale und ökologische Wirkungen eine zentrale Managementaufgabe sind. Es wäre höchst wünschenswert, dass auch in der Theorie zusammengeführt wird, was zusammengehört. Sonst wird zementiert, was so dringend aufgebrochen werden muss: die allzu verbreitete gegenseitige Ignoranz von wirtschafts- und finanzpolitischen Diskursen und den Debatten, bei denen es um Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Transformation geht.

Wer das naiv findet, möge sich folgende Frage vorlegen: Wie naiv ist es, zu glauben, dass so wie bisher weitergemacht werden kann? Die Entwicklungen der letzten Tage zeigen, wie wichtig dieser Aufbruch ist. (Fred Luks, 5.10.2021)