Wenn sich ein neues Leitmedium seinen Weg in den Alltag bahnt, kommt es stets zur Sorge, was das mit den Kindern machen wird. Ist das Smartphone wirklich so schädlich, wie viele befürchten?

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"Die Lesesucht ist ein thörigter schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder." Einschätzungen wie die des Theologen Johann Gottfried Hoche aus dem Jahr 1794 treten in der Menschheitsgeschichte immer dann auf, wenn sich ein neues Leitmedium seinen Weg in den Alltag bahnt. Dabei loben Eltern heute ihre Kinder, wenn sie unter einer Lesesucht leiden. Und selbst Generation MTV und Gameboy sind, in der Regel, zu gesunden Erwachsenen gereift.

Doch mit der der Einführung von Smartphone, Tablet und Social Media grassiert seit geraumer Zeit wieder der Alarmismus. Psychologinnen und Psychologen wie der Deutsche Manfred Spitzer rufen mit Büchern wie "Digitale Demenz" oder "Cyberkrank!" den Krieg gegen den Bildschirm aus – wohlgemerkt mit Ausrufezeichen. Das Smartphone mache bei exzessiver Nutzung dumm, dick und depressiv. Das können Eltern auch in sämtlichen Studien nachlesen. Laut der Kommunikationswissenschafterin Kathrin Karsay schwankt die Quote der bereits mediensüchtigen Menschen je nach Studie zwischen einem und 48 Prozent. Ein nicht sehr präziser Querschnitt.

Dementsprechend groß ist die Sorge, dass sich die Nachkommen vollständig in die digitale Welt verabschieden. Das ist nachvollziehbar, bedenkt man, dass sich das Suchtpotenzial beim Handy im Vergleich zum Fernseher allein dadurch erhöht, dass es zu jeder Tageszeit in der Hosentasche verfügbar ist.

Zusätzlich werfen die Entwicklerinnen und Entwickler im Silicon Valley mit Push-Benachrichtigungen, Likes und Endlosscrolling schwere Dopamin-Bomben auf die ahnungslosen Nutzerinnen und Nutzer. Das kann es Heranwachsenden, deren Impulskontrolle noch in der Entwicklungsphase steckt, schwer machen, dem Sog zu entkommen.

Ist das alles wirklich so schlimm, wie es immer heißt? Wann sollten Eltern wirklich alarmiert sein? Und wo ziehen Forscherinnen und Forscher die Grenze zwischen Gewohnheit und einer ernstzunehmenden Sucht?

Süchtig nach den Funktionen

Einer, der sich mit dem Thema auskennt, ist Dominik Batthyány. Der Psychotherapeut leitet das Institut für Verhaltenssüchte an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. Er verweist auf klassische Suchtkriterien und nennt "ständige Dosissteigerung, vergebliche Aufhörversuche, Kontrollverlust und Leidensdruck". In seine Ambulanz kommen größtenteils Familien mit Burschen, die unter Videospielsucht leiden, eine bereits international anerkannte Krankheit.

Ein Label, das es für das Smartphone noch nicht gibt, das aber auch nicht unumstritten ist: "Es ist wichtig, schwerwiegende psychische Erkrankungen wie Sucht von Leidenschaft, hohem Engagement oder mangelnder Selbstkontrolle zu unterscheiden", sagt Kommunikationswissenschafterin Karsay. In der Regel sei man ja auch nicht nach dem Gerät, sondern seinen Funktionen wie beispielsweise Videogames süchtig.

Auch Batthyány erzählt, dass er Eltern nach dem Erstgespräch nicht selten Entwarnung geben kann. "Oft führt die exzessive Mediennutzung lediglich zu Konflikten, weil das Kind nicht mehr das tut, was man von ihm erwartet." Eine Sucht entstehe erst dann, wenn grundlegende Bedürfnisse des Kindes nicht erfüllt werden. Viele würden sich nach Unterhaltung sehnen, weil sie vernachlässigt werden, andere suchen Rückzug und Ablenkung, zum Beispiel in konfliktreichen Familien.

Oft sei die Sucht auch ein Symptom anderer psychischer Erkrankungen wie einer Depression. "Unsere Arbeit bedeutet Spurensuche. Wir müssen erst einmal schauen, wo sonst noch der Schuh drückt", erklärt Batthyány. Was Eltern als Handysucht interpretieren, sei für Kinder oft eine Strategie, um seelisches Leid zu bewältigen.

Dank Smartphone weniger einsam

Unter Eltern kursiert auch die Annahme, dass soziale Medien überhaupt erst zu psychischen Problemen führen. Das will Expertin Karsay nicht eindeutig bestätigen – sie rät dazu, keine voreiligen Schlüsse aus Studien zu ziehen. "Wir haben noch zu wenig Beweismaterial, um negative Folgen auf die Psyche auszuweisen. Die bisherigen Studien zeigen lediglich Zusammenhänge, aber keine Ursachen." Karsay hat auch selbst eine Befragung zum Thema durchgeführt. Die Frage war, ob exzessive Smartphonenutzung mit Stress und Einsamkeit einhergeht. Die Ergebnisse zeigen keinen direkten Zusammenhang. Vielmehr scheinen sich Befragte weniger einsam zu fühlen, wenn sie das Handy zum Teilen ihrer Sorgen nutzen können.

Schieben Eltern den digitalen Medien also zu schnell die Schuld in die Schuhe? Die deutsche Bestsellerautorin und Psychologin Patricia Cammarata ist sich dessen sicher: "Wir leben gerade einen Widerspruch: Die ältere Generation, die sich nicht auskennt, muss die jüngere medienfit machen." Viele Eltern überfordere diese Aufgabe. "Sie lehnen einige neue Medien lieber kategorisch ab, anstatt sich mit dem zu beschäftigen, was ihr Kind konsumiert."

Cammarata, selbst Mutter von drei Kindern, hat deshalb "Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!" geschrieben. In dem Buch gibt sie Tipps, wie Familien gemeinsam Medienkompetenz erlernen können. Wie der Titel schon andeutet, stellt Cammarata auch die strikte Verbotskultur im Kinderzimmer und strenge Zeitlimits infrage. "Es geht keine Gefahr von intensivem Konsum, sondern von der schlechten Aufklärung aus", sagt sie. Wenn sich ein Kind vermehrt auf Instagram mit problematischen Inhalten auseinandersetzt, seien Eltern dazu angehalten, ihm zu zeigen, was authentisch ist und was nicht. "Das bedeutet nicht 'laissez-faire', sondern Begleitung. Das Kind muss hinter die Mechanismen blicken und erkennen: Wie halten die mich bei der Stange?"

Mit gutem Vorbild voran

Aber hat uns nicht zuletzt auch die Pandemie mit ihren Lockdowns in die Sucht gestürzt? "Ich könnte mir vorstellen, dass die Gefahr zugenommen hat, weil andere Bewältigungsstrategien wie Sport oder das Treffen von sozialen Kontakten im Lockdown weggefallen sind", sagt Psychotherapeut Batthyány. Doch auch hierfür gebe es noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege. "Kinder verstehen, dass die Pandemie eine Ausnahmesituation ist", entgegnet Cammarata. Die Öffnungen hätten vor allem Kinder und Jugendliche wieder nach draußen gezogen. "Das finden wir Eltern dann auch wieder doof, wenn die Kids jetzt wieder Party im Park machen", sagt sie und lacht.

Bei einem sind sich die Expertinnen und Experten jedenfalls einig: Medienkompetenz lernen Kinder am besten, wenn die Eltern mit gutem Vorbild vorangehen. Auch sie müsse versuchen, sich an der eigenen Nase zu nehmen, gesteht Buchautorin Cammarata: "Meine Kinder halten sich daran, ihre Geräte nicht mit ins Bett zu nehmen, ich finde hingegen immer eine Ausrede."

Problematische Mediennutzung ist also ein Thema aller Altersgruppen. Das sahen auch ein paar Dutzend Kinder in Hamburg so, die im September 2018 unter dem Motto "Spielt mit mir! Nicht mit euren Handys!" durch die Straßen zogen und protestierten. (Maximilian Eberle, 11.10.2021)