Der Autor Abdulrazak Gurnah hat sich auch als Wissenschafter um afrikanische Literatur verdient gemacht.

Foto: CHAPTER OF CANTERBURY CATHEDRAL/REUTERS

Die Schwedische Akademie setzt nach Louise Glück im Vorjahr ihre Kür von Überraschungskandidaten hinsichtlich der Literaturnobelpreisträger fort. Nicht nur die Buchmacher waren wohl überrascht, die Abdulrazak Gurnah gar nicht auf ihren Favoritenlisten hatten. Selbst vielen hartgesottenen Lesern war der tansanische Autor bei seiner Bekanntgabe Donnerstagmittag in Stockholm kein Begriff. Sekunden nach der Verkündung von Gurnahs Ehrung hatte sich sein deutschsprachiger Wikipediabeitrag dank der knappen Information somit in der Länge fast verdoppelt.

Tatsächlich liegen die letzten deutschsprachigen Übersetzungen des 1948 auf Sansibar geborenen Autors, der mit 18 Jahren nach Großbritannien übersiedelte und seither dort lebt, schon eine Weile zurück. Zuletzt erschienen ist Die Abtrünnigen (2006, im englischen Original Desertion), davor in wechselnden Verlagen Schwarz auf Weiß (Pilgrims way), Ferne Gestade (By the sea), Donnernde Stille (Admiring silence) und das vielleicht einflussreichste von Gurnahs Büchern Das verlorene Paradies (Paradise). Dabei hat der für sein Frühwerk zweimal für den Booker-Preis Nominierte konstant weitergeschrieben: The Last Gift (2011), Gravel Heart (2017), Afterlives (2020).

Lebensthema

Alle diese seit den späten 1980ern erschienenen Bücher durchzieht als Lebensthema Abdulrazak Gurnahs das Schicksal Ostafrikas zur Kolonialzeit. Diesen Aspekt strich auch die Schwedische Akademie in ihrer Begründung für die Zuerkennung der heurigen Auszeichnung hervor. Gurnah erhalte sie für "sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals von Flüchtlingen in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten". Die Figuren seiner zehn Romane stünden zwischen dem Zurückgelassenen und dem Kommenden, fänden sich mit Vorurteilen und Rassismus konfrontiert. Ebenso würde sie die Notwendigkeit beschäftigen, ihre Biografien neu zu erfinden, aber auch das Schweigen als ein Versuch, nicht mit der Welt ringsum in Konflikt zu geraten.

Schon lange habe die Akademie Gurnahs Arbeit verfolgt, die aktuelle Flüchtlingssituation habe die heurige Entscheidung nicht beeinflusst, doch sei klar, dass diese Romane der Welt noch immer etwas zu sagen hätten. Was genau?

In Das verlorene Paradies erzählt von dem Burschen Yusuf, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Diener im Gefolge eines arabischen Händlers Zentralafrika und das Kongobecken bereist. Gurnah reagierte auf populäre aber falsche Bilder, die sich der Westen seit Joseph Conrad von Afrika gemacht hatte. Die Probleme des Ankommens in einem fremden Land verarbeitete er in Schwarz auf Weiß, über die Schwierigkeiten der Rückkehr erzählte er in Donnernde Stille, worin ein schon lange in England lebender Afrikaner sich mit seinen Wurzeln befassen möchte, geprägt von den Erfahrungen aus Europa sich aber den Erwartungen in seiner Heimat nicht mehr fügen will. Präsenter ist der Kolonialismus in Die Abtrünnigen, das Fremdherrschaft, Gegenwehr und Gewalt mit Liebesgeschichten verknüpft. Afterlives fokussiert auf die deutsche Herrschaft in Ostafrika vor dem Ersten Weltkrieg.

Jahrhundertelang prägten Sklaverei und Ausbeutung die Region, sie wurde ab dem 16. Jahrhundert von den Portugiesen, Arabern, Deutschen, Belgiern und Briten verwaltet. Kämpfe und Plünderungen forderten auch zivile Opfer in großer Zahl. Tansania erlangte erst 1961 die Unabhängigkeit, Sansibar 1963. Gurnah ist arabischer Abstammung und Muslim, seine Kindheit war vom Umbruch geprägt. Er floh, als nach dem Ende des britischen Protek torats arabischstämmige Bürger unterdrückt und verfolgt wurden.

Nicht nur als Autor, auch als Vermittler hat Gurnah sich um afrikanische Literatur verdient gemacht. Als Lehrer unterrichtet er seit 1985 an der Universität von Kent in Canterbury afrikanische und karibische Literatur, war zudem Herausgeber der African Writers Series (Penguin).

Neuer Versuch

Suaheli war Gurnahs erste Sprache, geschrieben hat er immer auf Englisch. Dass nur verschriftlichte Texte Literatur seien, dem konnte Gurnah, der von seiner Großmutter Werke von Shakespeare als Geschichten erzählt bekommen hatte, nichts abgewinnen, berichtete sein früherer Übersetzer, der Wiener Schriftsteller Helmuth A. Niederle, der APA und meinte, ihm sei damals als Grund gegen weitere Übersetzungen signalisiert worden: "Es gibt eben Namen, die im deutschen Sprachraum nicht funktionieren." Es ist anzunehmen, dass dem Preis neue Übersetzungen folgen werden.

Nach langer Durststrecke war endlich wieder einmal ein Gewinner aus Afrika oder der Karibik erwartet worden. Ngũgĩ wa Thiong’o oder Maryse Condé wären geläufiger gewesen – nun ist es ein seit Jahrzehnten in Europa lebender Afrikaner geworden. Vielleicht konnte Gurnah daher den Anruf aus Stockholm erst kaum glauben. Der Preis sei "wunderbar". (Michael Wurmitzer, 7.10.2021)