Zweimal bereits habe Deontay Wilder (re.) von Tyson Fury "den Arsch versohlt" bekommen und sei "nicht Manns genug", irgendetwas dagegen zu unternehmen.

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Paradise/Berlin – Tyson Fury wollte einfach nicht aufhören, der Weltmeister war vor Teil drei der epischen Box-Trilogie voll in seinem Element. Minutenlang hatte er Deontay Wilder beschimpft, ehe sich Fury seinen WM-Gürtel über die Schulter warf und seinen Intimfeind selbst auf dem Weg vom Pressekonferenz-Podium weiter beleidigte.

Wilder, den Fury abwechselnd als "Penner", "Stück Scheiße" oder "Pussy" herabwürdigte, könne sich einfach nicht eingestehen, dass seine Karriere vorbei sei. "Zweimal bereits habe er von Fury "den Arsch versohlt" bekommen und sei "nicht Manns genug" irgendetwas dagegen zu unternehmen. Es war der normale Fury-Wahnsinn.

Selbst der obligatorische Staredown fiel aus. Die Gefahr, dass der heiß erwartete Schwergewichts-Kampf vorlegt werden könnte, war real. Der in 31 Profikämpfen ungeschlagene Fury schien es nicht abwarten zu können, in der Nacht zum Sonntag (4.45 Uhr, Dazn) in Paradise in Nevada in die entscheidende Schlacht um die WBC-Weltmeisterschaft zu ziehen. Es wird, soviel ist sicher, ein vergifteter Fight.

"Du verleugnest dich selbst"

"Nach diesem Kampf wirst du wieder bei der Fastfood-Kette arbeiten, bei der du zu Beginn deiner Karriere warst", tönte Fury. Der britische Ausnahmetechniker kam im Anzug, auf dem der WBC-Gürtel hundertfach abgebildet war, und trug kein Shirt darunter, während er sich an Wilder abarbeitete. Der US-Amerikaner spielte im roten Trainingsanzug meist desinteressiert am Handy.

Wenn er sprach, versuchte Wilder sich lässig zu geben, doch am meisten zu verlieren hat er. Schon im ersten Duell 2018 war er, der damalige Weltmeister, Fury klar unterlegen gewesen, rettete sich mit zwei Niederschlägen aber ein Remis. Im Februar des Vorjahres dominierte der "Gypsy King" Wilder dann nach Belieben und siegte durch technischen K.o. in der siebten Runde – Fury war neuer WBC-Champion.

Seine erste Niederlage in 44 Kämpfen verdaute Wilder nur schlecht, der 35-Jährige beschuldigte Fury unter anderem, Gewichte in seine Handschuhe geschmuggelt zu haben. Vorwürfe, die Fury vor Teil drei sofort abkanzelte: "Du verleugnest dich selbst und wirst ausgeknockt. Tu dir einen Gefallen und trete zurück."

Die Atombombe Wilder

Fury selbst hatte eigentlich zu einem dritten Duell gar nicht mehr antreten wollen, er spekulierte auf den großen Vereinigungskampf mit Anthony Joshua, der kürzlich die übrigen wichtigen WM-Gürtel (WBA, WBO, IBF) an den Ukrainer Alexander Usyk verloren hatte. Erst ein Schiedsgericht zwang Fury zu Duell Nummer drei und verhinderte so den Joshua-Kampf.

Die Gegenwart heißt wieder einmal Wilder, der hammerharte Puncher. Boxerisch nimmt Fury ihn bei aller persönlicher Abneigung durchaus ernst und nannte ihn "den gefährlichsten Schwergewichtler". Bei 41 verbuchten K.-o.-Siegen ist wenig dagegenzusetzen, Wilder kann trotz technischer Mängel mit einem Schlag Kämpfe entscheiden. "Ich spiele mit einer Atombombe, ich spiele an ihr herum und schneide Drähte durch", sagte Fury.

Er geht sogar so weit, dass er Wilder als die zweite große Gefahr in seiner Karriere bezeichnet – nach Wladimir Klitschko, den er 2015 überraschend entthront hatte. Jede Episode braucht bei Fury eben einen Bösewicht. Nachdem er nach zweieinhalb Jahren Pause und einer tiefen Depression 2018 in den Ring zurückkehrte, war diese Person für ihn so ziemlich jeder mit einem WM-Gürtel um die Hüften. Bis Fury wieder selbst der Mann wurde, den es zu besiegen gilt. (APA, 7.10.2021)