Nach etlichen Monaten, in denen es aufgrund der Corona-Krise weitgehend nur digitale Shows zu sehen gab, zeigte sich die Pariser Fashionweek in dieser Saison wieder ziemlich euphorisch. Einige Modehäuser entschieden sogar in letzter Minute noch, eine physische Show zu veranstalten, so wie Stella McCartney oder Saint Laurent. So präsentierte am Ende rund die Hälfte aller Labels echte Modenschauen, und die konnten sich sehen lassen.

So wie etwa das zehnjährige Jubiläum von Olivier Rousteing bei Balmain. Eine Megashow vor 6000 Leuten im Kulturzentrum Seine Musicale, bei der auch Beyoncé, Naomi Campbell und Carla Bruni anwesend waren.

Olivier Rousteing feierte sein zehnjähriges Jubiläum bei Balmain.
Foto: REUTERS/Stephane Mahe

Oder das amüsante Fashion-Screening von Balenciaga im Théâtre du Chatelet, bei dem die Gäste mit den Models über den roten Teppich liefen und am Ende ein lustiger Simpsons-Mode-Film gezeigt wurde. Auch ein beachtliches Debüt gab es zu sehen: Das neue Mode-Wunderkind Charles de Vilmorin präsentierte seine erste Kollektion für Rochas, mit gerade einmal 24 Jahren.

Balenciaga inszenierte die Show als Red-Carpet-Event. Danach wurde ein Simpsons-Film gezeigt, der von Kreativchef Demna Gvasalia in Auftrag gegeben worden war.
Foto: Balenciaga/ German Larkin
Charles de Vilmorin zeigte bei Rochas seine erste Show.
Foto: THOMAS SAMSON / AFP

Die Erleichterung der Branche darüber, sich im realen Leben zusammenfinden zu können, war deutlich zu spüren. Endlich wieder gemeinsam in den Rängen sitzen, Kleider in natura betrachten, sich mit Kollegen austauschen. Allseits herrschte Feierlaune. Viele Modehäuser luden im Anschluss an ihre Show zum Cocktail ein. So wie Isabel Marant, die wie üblich im Palais Royal ihren folkloristisch angehauchten Bobo-Look zum Besten gab. Lässige Overalls, kastige XXL-Schnitte und knappe Volant-Miniröcke gehören auch in der nächsten Saison wieder zu ihrem unverkennbaren Design. Die Französin braucht keine bahnbrechenden Neuheiten, um erfolgreich zu sein. Jede Saison interpretiert sie ihre eigene Silhouette neu, zur Freude ihrer zahlreichen Fans.

Bobo-Look bei Isabel Marant.
Foto: Vianney Le Caer/Invision/AP

Sozusagen einen "New Look" kreierte diesmal dagegen Maria Grazia Chiuri für Christian Dior. Für ihre Frühjahr-Sommer-Kollektion 2022 hatte sich die italienische Kreativdirektorin mit ihrem Vorgänger Marc Bohan auseinandergesetzt und mit seinen Entwürfen der 1960er-Jahre. Heraus kam ein ganz neues Outfit für die Dior-Kundin: keine klassischen Bar-Jacken oder ausschweifenden Röcke, sondern knappe Minikleider, die auch Twiggy gern getragen hätte, A-förmige Schnitte und knalliges Color-Blocking.

Die 60er-Jahre ließ Dior-Designerin Maria Grazia Chiuri über ein Spielbrett laufen.
Foto: Christophe ARCHAMBAULT / AFP

Mode auf dem Spielbrett

Nicht nur die farbenfrohen Kleider versprühten gute Laune, sondern auch die amüsante Darstellung, die Chiuri unter das Motto "Il gioco del nonsense" (Spiel des Absurden) stellte. Die italienische Künstlerin Anna Paparatti hatte dafür in der Mitte des Laufstegs ein überdimensionales Spielbrett aufgebaut mit treppenartigen Feldern, auf der sich die Models zu Beginn aufstellten und im Laufe der Show immer weiter rückten. Was lernen wir daraus? Dass Mode am Ende nichts weiter ist als ein großes Spiel. Nehmen wir sie also bitte nicht zu ernst.

Nichts leichter als das: Ein Plädoyer für mehr Spaß und Leichtigkeit war auch die Show von Chanel, die zum ersten Mal im Grand Palais Ephémère stattfand, einem temporären Museumsgebäude am Champ de Mars, für die Zeit, in der sich der Grand Palais im Umbau befindet. Wie in den glorreichen Zeiten von Karl Lagerfeld und seinen Supermodels der 1990er-Jahre war in der Mitte ein Laufsteg auf einem hohen Podest aufgebaut, der von Fotografen umzingelt war. Würdig einer Linda Evangelista oder Claudia Schiffer liefen die Models Hüfte schwingend über den Catwalk, zu ihren Füßen: die knipsende Fotografenmeute.

Der Chanel-Laufsteg, diesmal ein Podest.
Foto: AP Photo/Francois Mori

Hautenge, hochausgeschnittene Bodys, kurze Hotpants und sexy Bustiers erinnerten ebenfalls an die großen Trends der Neunziger. Daneben gab es eine Reihe von Miniröcken und -kleidern zu sehen, mit denen Kreativdirektorin Virginie Viard wieder für mehr Haut und Freiheit im kommenden Sommer plädiert. Das Finale der Show wurde passend dazu mit einem Remake des 90er-Jahre-Hits Freedom von George Michael eingeleitet und löste bei den Zuschauern wahre Begeisterungsstürme aus.

Bei Givenchy waren es vor allem die ausgefallenen Proportionen und Schnitte, mit denen Kreativchef Matthew Williams sein Publikum in den Bann zog. Blazer und Kleider zeichnete der amerikanische Designer mit skulptural geformten Schößchen. Die auffälligen Prints waren in Zusammenarbeit mit dem Künstler Josh Smith entstanden. Williams, der erst seit drei Saisonen an der Spitze von Givenchy steht, wird im Jänner seine allererste Haute-Couture-Kollektion für das Label zeigen und schien mit diesen aufwendigen Entwürfen schon einmal einen Vorgeschmack darauf geben zu wollen.

Blazer und Kleider mit skulptural geformten Schößchen bei Givenchy.
Foto: REUTERS/Gonzalo Fuentes

Abschied von Alber Elbaz

Für reichlich Emotionen sorgte am letzten Abend der Fashionweek schließlich die Show von AZ Factory, dem Label des kürzlich verstorbenen Modeschöpfers Alber Elbaz. 44 Modehäuser hatten für die "Love brings Love"-Show Entwürfe anfertigen lassen, mit denen sie ihrem Freund und Kollegen die letzte Ehre erwiesen, darunter Jean Paul Gaultier, Virgil Abloh oder Nicolas Ghesquière. Auch viele Prominente wie Demi Moore, François Pinault und Brigitte Macron waren extra in den Carreau du Temple gekommen, um sich von dem beliebten Designer zu verabschieden. Beendet wurde die Show von Topmodel Amber Valletta, die sich im schwarzen Anzug und mit großer Fliege, dem Markenzeichen von Alber Elbaz, vor dem Publikum an seiner statt verbeugte.

Die Modewelt verbeugte sich mit der Show von AZ Factory vor dem unlängst verstorbenen Designer Alber Elbaz.
Foto: Lucas BARIOULET / AFP

Auch wenn an diesem letzten Abend sicherlich ein paar Tränen verdrückt wurden, war die Pariser Modewoche doch eine hoffnungsvolle Veranstaltung. Mit den vielen Schauen kehrte so etwas wie Normalität zurück. Sie mögen durch die Krise kleiner und somit noch exklusiver geworden sein, aber es gibt auch einen positiven Effekt. Dank der Direktübertragungen hat sich die Mode auf Dauer demokratisiert – und das ist auf jeden Fall eine gute Sache. (Estelle Marandon, 8.10.2021)