Whistleblowerin Frances Haugen machte die Politik der Facebook-Chefetage publik.

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Diese Woche war wieder Facebook-Tag im amerikanischen Kongress. Facebook-Tage im Kongress verlaufen immer nach demselben Schema, Schema F wie Facebook quasi. Erst machen die Kongressleute einen auf entrüstet: Was ficht euch an, was fällt euch ein, was ist da los, wie konnte das passieren, Herr Zuckerberg?

Dann wehren sich die Facebook-Leute. Wir tun eh, was wir können. Geben Milliarden fürs Ausputzen aus. Ist aber eine Heidenarbeit. Und wenn all die Psycho- und Soziopathen bei uns ablaichen, wie soll man die im Zaum halten? Es sind so viele. Und außerdem: die Meinungsfreiheit! Da rutschen dann halt ein paar Hetzereien, Waffenangebote oder Morddrohungen durch. Aber wir arbeiten Tag und Nacht daran, dass wir die rauskriegen. Ganz großes Facebook-Ehrenwort!

Toxische Kommunikation

Die Kongressleute grummeln noch ein bisschen, und das war’s dann auch. Natürlich wird auf Facebook weiter Dreck geschleudert, wie gehabt. Und nicht nur das. Denn Facebook hat Probleme. Erstens die Karteileichen. Die bleiben nur drin, weil man zwei Jahre Zeit und drei Dutzend Programmierer braucht, ehe man sich bei Facebook abgemeldet hat.

Zweitens: weil Facebook bei allen unter dreißig das Image einer Social-Media-Geriatrie hat. Für die ist ein Facebook-Posting das Äquivalent eines handschriftlichen Briefs von Oma oder Opa aus dem Altersheim. Gähn. Die Musi spielt nicht auf Facebook, Whatsapp oder Insta, sondern auf Tiktok.

Daher muss Facebook angasen. Die Allerjüngsten auf "Social Media" anfixen wäre sicher eine Möglichkeit. Oder darauf setzen, die Kommunikationsalgorithmen auf einen noch derberen, noch dümmeren, noch fieseren Ton hinzutrimmen. Laut der Whistleblowerin Frances Haugen ist das die Politik der Facebook-Chefetage.

Kann man gut verstehen. Die Macht der fiesen Sprache ist nicht von Pappe. Wenn jemand mit "Guten Tag" begrüßt, niedriges Erregungsniveau, keine Entrüstung. Wird man aber mit dem Gruß "Was, schon wieder Sie, Sie altes Schwein?" willkommen geheißen, gerät man in Harnisch, und es gibt ein großes Hin und Her, also genau das, was gewünscht wird.

Message-Control dagegen ist geschäftsschädigend. So gesehen sollte Thomas Schmid bei Facebook anheuern, er ist derzeit derbeste Experte für toxische Kommunikation weltweit. (Christoph Winder, 9.10.2021)