Italien hat eine hohe Durchimpfungsrate. Das hängt auch mit den strikten Covid-Maßnahmen zusammen.

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Nach über 130.000 Covid-Toten kehrt Italien wieder beinahe in die Normalität zurück: Ab kommendem Montag fallen die Distanzregeln, und Museen, Kinos, Theater und Konzertsäle dürfen wieder alle Plätze besetzen. Die Kapazitäten von Fußballstadien werden von 50 auf 75 Prozent erhöht, lediglich Discos und Nachtklubs müssen noch etwas strenge Vorschriften respektieren. Die Platzbeschränkungen in öffentlichen Verkehrsmitteln und die Maskenpflicht im Freien waren schon zuvor gefallen. Die Gesichtsmasken müssen nur noch in Innenräumen getragen werden.

Möglich wurden die neuen Lockerungen, weil in Italien inzwischen über 80 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft sind, sowie dank sehr niedriger Fallzahlen: In der letzten Woche wurden pro Tag durchschnittlich nur noch 33 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner registriert – einer der tiefsten Werte in Europa. "Die Maßnahmen der Regierung haben funktioniert, und nun sind die Öffnungen willkommener Sauerstoff für die Wirtschaft und für das ganze Land", betonte Regionenministerin Mariastella Gelmini nach der Regierungssitzung, in welcher die neuen Lockerungen beschlossen wurden. Auch die Zahl der Todesfälle und der Patienten auf den Covid-Stationen sei "markant" zurückgegangen.

Freiheit nur mit Green Pass

Allerdings: Die allermeisten der neuen und alten Freiheiten können nur diejenigen Italienerinnen und Italiener genießen, die einen "Green Pass" vorweisen können: Das Zertifikat erhält, wer geimpft, genesen oder getestet ist. In einem Restaurant essen gehen, einen Intercity-Zug, eine Fähre oder ein Flugzeug benützen, sich im Kino einen Film ansehen, tanzen gehen, eine Ausstellung oder ein Fußballspiel besuchen: Das alles bleibt den Inhabern des Green Pass vorbehalten. Sie dürfen (fast) alles – die Impfverweigerer beziehungsweise all jene, die sich nicht impfen lassen können und sich auch nicht testen lassen wollen, (fast) nichts.

Ab Mitte Oktober müssen Angestellte und Arbeiter beim Eintreffen an ihrem Arbeitsplatz ebenfalls den Green Pass vorweisen. Können sie dies nicht, werden sie umgehend wieder nach Hause geschickt. Das gilt sowohl für den öffentlichen Dienst als auch für die Privatwirtschaft. Wer sich trotzdem in sein Büro oder an seine Werkbank begibt, riskiert saftige Strafen. Spätestens ab dem fünften Tag wird die Lohnzahlung eingestellt. Für die Angestellten der Spitäler und für Lehrkräfte und das übrige Schulpersonal existiert die Regelung schon länger. Derzeit sind in Italien noch rund zehn Prozent der Arbeitnehmer nicht geimpft – die meisten von ihnen laufen nun zu Last-Minute-Impfterminen.

Alternative Corona-Test

Das sehr weit gefasste Obligatorium für den Green Pass kommt natürlich einer verkappten Impfpflicht gleich, zumal die Alternative, das Vorweisen eines maximal 72 Stunden gültigen negativen Corona-Tests, für die Impfverweigerer relativ teuer ist: Es entstehen Kosten von etwa 200 Euro pro Monat, was sich in Italien bei weitem nicht jeder leisten kann.

Regierungschef Mario Draghi hat es strikt abgelehnt, die Tests gratis abgeben zu lassen: Er will, dass sich die Leute lieber gratis impfen lassen. Dies stellt für ihn das am besten geeignete Mittel dar, die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen der persönlichen Freiheiten hinter sich zu lassen.

Keine Stimmen für Impfgegner

Obwohl die Impfpasspflicht beim Arbeiten objektiv eine einschneidende Maßnahme darstellt, haben die Impfverweigerer und Green-Pass-Gegner in Italien weiterhin einen schweren Stand. Das zeigte sich auch bei den Kommunalwahlen vom vergangenen Wochenende: Die Kandidaten der sogenannten 3-V-Bewegung ("Vaccini – Vogliamo la Verità" – "Impfstoffe – Wir wollen die Wahrheit") sind in Rom, Mailand, Neapel und in den meisten anderen Städten nicht über 0,5 Prozent der Stimmen hinausgekommen. Und die rechtspopulistische Lega von Matteo Salvini, der im Wahlkampf noch mit den Impfverweigerern geflirtet hatte, ist auf geradezu epochale Weise von den Wählerinnen und Wählern abgestraft worden. (Dominik Straub aus Rom, 8.10.2021)