Nach fulminanten Kursanstiegen sind Aktien an der Wall Street im historischen Vergleich recht teuer.

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Aktien sind alternativlos. Dieser Aussage begegnet man im Finanzsektor häufig, schließlich ist mit Sparbüchern oder sicheren Staatsanleihen derzeit kein Geld zu verdienen. Das Vermögen ist also der zuletzt wieder ansteigenden Inflation ausgeliefert, die an der Kaufkraft des Ersparten nagt. Bleiben also Aktien als Ausweg, mit denen Privatpersonen am Höhenflug der Börsen partizipieren können. Aber wie aussichtsreich sind die Aktienmärkte derzeit noch? Schließlich hat sich die Wall Street gemessen am marktbreiten S&P-500-Index seit dem Tief nach der Finanzkrise mehr als versechsfacht.

Dessen ungeachtet haben die Stimmungsindikatoren von Privatanlegern für die Wall Street zuletzt wieder auf Zuversicht gedreht, berichtet der Finanzdienstleister Spectrum Markets. Demzufolge ist etwa die Zuversicht beim S&P 500 im September auf den höchsten Stand seit zwölf Monaten geklettert. Zu Recht?

Technologie sehr teuer

Gabriela Tinti, Leiterin des Aktienteams der Erste Asset Management, sieht jedenfalls keinen Grund, den Börsen fernzubleiben. Zwar sollten sich Investoren kurzfristig auf etwas mehr Volatilität, also mögliche Kursrücksetzer, gefasst machen, die jedoch auch mit einer sogenannten Sektorrotation einhergehen werde. Tinti stuft nämlich bei den US-Technologieriesen wie Apple, Amazon, Facebook oder Google die Bewertungen als ziemlich hoch ein, weshalb sie künftig eher von einer Seitwärtsbewegung dieser Titel ausgeht.

An die Stelle dieser Wachstumstitel sollten nun eher sogenannte Value-Aktien, also beständige statt schnell wachsender Firmen, als Zugpferde treten. Zudem erachtet Tinti im Finanzbereich Banken als Profiteure einer erwarteten geldpolitischen Wende sowie die Bereiche Energie und Rohstoffe für Aktieninvestments als interessant. "Wir sehen ein ziemlich gemischtes Bild", fasst sie zusammen.

Gewinne stark gestiegen

Sie räumt allerdings auch ein, dass die Bewertungen bereits eher hoch seien. An der Wall Street beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 derzeit etwa 23. Das bedeutet, dass der Index derzeit mit dem 23-Fachen des Jahresgewinns der Indexunternehmen bewertet ist. "Die Märkte sind nicht mehr billig", fasst die Expertin zusammen – betont jedoch, dass auch die Unternehmensgewinne heuer stark angestiegen seien.

Günstiger sind die Börsen in Europa. Beim deutschen Leitindex Dax beträgt das KGV derzeit 17,8 und beim ATX der Wiener Börse nur 14,3. "Österreich ist nach wie vor günstig", folgert Tinti. Zusammen mit dem Umstand, dass in Europa weniger Technologietitel, dafür aber mehr Value-Aktien und Finanztitel in den Indizes vertreten seien, gibt sie dem Alten Kontinent künftig gute Karten: "Das sollte im momentanen Umfeld interessanter sein."

Dennoch, die vergleichsweise hohen Bewertung der Wall Street hat Auswirkungen auf die zu erwartenden künftigen Erträge von Aktieninvestments. Gemäß Ingrid Szeiler, Leiterin des Fondsmanagements der Raiffeisen KAG, liegt das KGV eines globalen Aktienkorbes aktuell bei 24. "Das ist im historischen Kontext relativ hoch", sagt sie. Denn in 85 Prozent der Fälle sei die Bewertung in den letzten fünfzig Jahren darunter gelegen, seien Aktien also billiger gewesen.

Im Vergleich attraktiv

Dies ist für Anleger relevant, denn: Die Höhe der Bewertung zum Investitionszeitpunkt weist einen indirekten Zusammenhang mit den erwartbaren Erträgen auf. "Je billiger man Aktien kauft, desto besser kann die Performance ausfallen – und umgekehrt", erklärt Szeiler. Allerdings müssten die Bewertungen an der Börse in das jeweilige Umfeld gestellt werden. Globale Unternehmensanleihen bringen Szeiler zufolge derzeit bloß 1,5 Prozent Rendite pro Jahr. Somit sehen für die Anlageexpertin rund vier Prozent Gewinnrendite für Aktien, die sich rechnerisch aus dem Kehrwert des KGVs ergeben, attraktiv aus.

"Für Anleger bedeutet das, dass langfristig weiterhin kein Weg an Aktien vorbeiführt", fasst Szeiler zusammen. Kurzfristig betrachtet haben sich ihr zufolge dennoch die Anzeichen verdichtet, dass sich die Kursanstiege bei einer höheren Schwankungsfreudigkeit abflachen werden. "Geldpolitik, Inflation und zuletzt auch die sprunghaft angestiegenen Gaspreise könnten auf kurze Sicht zu Nervosität an den Märkten führen."

Ansonst gilt trotz etwas verringerter, langfristiger Ertragsaussichten wohl weiterhin: Aktien bleiben im derzeitigen Zinsumfeld weitgehend alternativlos. (Alexander Hahn, 7.10.2021)