"Die Leute sind sehr abwartend": Kupf-Geschäftsführer Thomas Diesenreiter im StandART-Gespräch im Wiener Wuk über den Kulturbesucherschwund.

Der Standard

Im Jahr zwei der Pandemie dürfen Theater, Museen, Kinos und Co wieder relativ uneingeschränkt Publikum empfangen. Dennoch kämpfen die tausenden Einrichtungen, Betriebe und Vereine mit großem Besucherrückgang. Wesentliche Hilfsprogramme wie der Non-Profit-Fonds sind ausgelaufen. Thomas Diesenreiter, Geschäftsführer der Interessenvertretung Kulturplattform Oberösterreich (Kupf), fordert deren Verlängerung. Die Videofassung des StandART-Gesprächs finden Sie auf derStandard.at/Kultur.

STANDARD: Als Interessenvertretung sprechen Sie für 185 kleine und mittlere Kulturinitiativen. Wie konnten Sie denen durch die Krise helfen?

Diesenreiter: Wir haben dreimal so viele Beratungsgespräche geführt wie üblich. Die große Anzahl an Hilfsinstrumenten musste gemeinsam mit der Politik erarbeitet, aufgesetzt und dann auch vermittelt werden.

STANDARD: Kennen Sie Leute, die ihren Job im Kulturbereich mittlerweile aufgegeben haben?

Diesenreiter: Vereinzelt ja. Einige haben vorübergehend als Fahrradkurier oder in der Gastronomie gearbeitet, manche sind wieder zur Kultur zurückgekommen, andere nicht. Den großen Exodus hat es glücklicherweise nicht gegeben. Aber wir sind noch mittendrin in der Krise. Wir werden die Auswirkungen noch mindestens bis 2023 spüren.

STANDARD: Wie ist die Situation nach der partiellen Wiederöffnung?

Diesenreiter: Produktionstechnisch sind wir wieder einigermaßen in einem Normalbetrieb. Man kann wieder proben, kleinere Veranstaltungen dürfen relativ uneingeschränkt stattfinden. Aber das Problem ist, dass das Publikum in deutlich geringerer Zahl kommt als vor der Pandemie. Laut einer unserer Umfragen kommen um 30 bis 50 Prozent weniger Besucherinnen und Besucher als vor der Krise. Der Vorverkauf in den Winter hinein schleppt sich extrem. Es verlagert sich alles auf die Abendkassa, was die Planung sehr schwer macht.

"Es kommen um 30 bis 50 Prozent weniger Besucher – der Vorverkauf in den Winter hinein schleppt sich extrem."

STANDARD: Woran liegt das?

Diesenreiter: Die Leute sind sehr abwartend, sie fragen sich: Wird vielleicht eh wieder alles abgesagt? Werde ich zum Veranstaltungszeitpunkt krank oder in Quarantäne sein? Jetzt verlagert sich auch wieder viel in die Innenräume, das nährt das Unbehagen.

STANDARD: Müsste die Politik stärker signalisieren, dass die Leute wieder in die Theater, Konzerte, Museen gehen sollen? Braucht es eine Zurück-zur-Kultur-Kampagne?

Diesenreiter: Vielleicht ja. Aber das vordringliche Problem ist unsere niedrige Durchimpfungsrate von 65 Prozent. Wir wissen auch aus dem Alternativkulturbereich, dass da viele nach wie vor mit Tests kommen und nicht geimpft sind. Solange das so ist, machen die Leute eine Risikokalkulation.

STANDARD: Wie müsste die Regierung gegensteuern?

Diesenreiter: Der NPO-Fonds für Non-Profit-Organisationen ist mit Mitte des Jahres ausgelaufen. Der muss aus unserer Sicht mindestens bis Ende des Winters, wenn nicht bis ins Frühjahr verlängert werden. Damit kann zumindest der Einnahmenverlust einigermaßen kompensiert werden. Aber auch bei der individuellen Künstlerunterstützung braucht es eine Verlängerung der Hilfen. Und hinzu kommt ja, dass wir sowieso seit Jahrzehnten unterfinanziert sind in der Kultur. Wir brauchen da einen großen Wurf.

STANDARD: Es liefe aber auf eine Sonderbehandlung hinaus. Am Ende wollen auch Gastronomie und Handel weiter Hilfen beziehen.

Diesenreiter: Das kann schon sein, aber die Regierung hat ja signalisiert, dass sie vor allem dort weiter Hilfen auszahlen will, wo es Probleme gibt: Das mag der Tourismus sein, ja, aber es ist natürlich auch die Kultur.

DER STANDARD

STANDARD: Bereits am Anfang der Pandemie war oft die Rede vom "Aus-der-Krise-Hinausfinanzieren". Wie kann das gelingen?

Diesenreiter: Es gab jetzt einige Sonderinvestitionen in die Infrastruktur. Das ist positiv. Wir haben aber nicht nur Probleme mit der Hardware, sondern auch mit der Software, mit der Bezahlung der Kulturschaffenden. 20 Jahre lang wurde bei den Kulturbudgets die Inflation nur ungenügend ausgeglichen. Man müsste jetzt ganz anders denken bei der Kulturfinanzierung.

STANDARD: Sie bringen immer wieder die Mehrwertsteuer und steuerliche Absetzbarkeit von Kulturspenden in Spiel.

Diesenreiter: Wir hätten gehofft, dass diese beiden Punkte in der ökosozialen Steuerreform Berücksichtigung finden. Das ist nicht passiert. Aktuell ist die steuerliche Absetzbarkeit von Kulturspenden nur für 60 von 25.000 Kulturvereinen in Österreich möglich. Das liegt an den absurd hohen, ausschließenden Auflagen. Unser Vorschlag ist, sich am deutschen Modell zu orientieren, dort funktioniert das sehr problemlos.

Und die Mehrwertsteuer für Kultur wird laut Regierung nach einer temporären Senkung auf fünf Prozent ab nächstem Jahr wieder auf zehn bis dreizehn Prozent steigen. Das belastet uns zusätzlich. Man sollte die fünf Prozent noch weiter verlängern und auch danach nur bis zehn Prozent erhöhen. Bis 2015 war das der Normalsatz, dann wurde er unnötig erhöht.

STANDARD: Zuletzt hat die Kulturstaatssekretärin erstmalig mit den Kulturverantwortlichen der Bundesländer ein "Fairness-Symposium" abgehalten – mit dem Ziel, fairere Bezahlung im Kulturbetrieb zu erreichen. Teile der Interessenvertreter haben kritisiert, dass da zu viel Show sei und nichts weiterginge. Was ist Ihre Meinung?

Diesenreiter: Die Politik hat die wirklichen Probleme noch umschifft bislang. Es ist ja nicht so, dass die Kulturvereine nicht fair bezahlen wollen, sondern dass sie nicht können. Es braucht eine Erhöhung der Finanzierung.

STANDARD: Nun sagen aber manche wie etwa die Wiener Kulturstadträtin, man werde tendenziell weniger Vereine fördern, diese aber besser, damit sie fair zahlen können. Sinnvoll?

Diesenreiter: Das finde ich problematisch, das ist der ganz falsche Weg. Weil das heißt am Ende immer: weniger Kunst und Kultur. Wir müssen zuerst die Finanzierung erhöhen – und dann können wir faire Bezahlung umsetzen. Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt, wo das Kulturbudget im Verhältnis überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Also warum diskutieren wir überhaupt darüber, ob wir es uns leisten können, dass es ein paar Kulturvereine mehr gibt?

STANDARD: Im VP-regierten Oberösterreich haben Sie vor ein paar Jahren den Skandal um die Kulturförderung für die Motohall von KTM aufgedeckt. Hat die Landespolitik daraus gelernt?

Diesenreiter: Wir schauen uns weiterhin jeden Förderbericht genau an. Ich gehe aber schon davon aus, dass wir mit dem Fall KTM Motohall ein bisschen ein Exempel statuiert haben. Ich denke doch, dass es, nachdem das in der breiten Öffentlichkeit nicht gut ankam, auch einen Lerneffekt gegeben hat. (INTERVIEW: Stefan Weiss, 8.10.2021)