Tesla-CEO Elon Musk am Samstag bei einem "Tag der offenen Tür" in Brandenburg.

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Die Beta-Software von Teslas zuletzt auch kontrovers diskutiertem "Full Selfdriving Modus" (FSD) könnte laut CEO Elon Musk "relativ wahrscheinlich" noch dieses Jahr nach Europa kommen, wie die Nachrichtenagentur Reuters anlässlich eines Musk-Besuchs bei Teslas Gigafactory in Brandenburg schreibt. Bei dem "Tag der offenen Tür" verriet Musk zudem weitere Details zum Produktionsstart in der ersten europäischen Tesla-Fabrik.

Unfälle mit aktiviertem Autopilot

Ende September wurde die Betaversion des FSD für alle Tesla-Besitzer in den USA freigeschaltet. Das FSD-System wird für 199 US-Dollar pro Monat oder einmalig 10.000 Dollar verkauft. Beworben wird FSD als Möglichkeit, automatisiert die Spur zu wechseln, auf der Autobahn zu fahren oder zu parken. In der Betaphase soll es zudem möglich sein, "automatisiert auf Stadtstraßen" zu fahren. Fahrer sollen also automatisiert auch dort fahren können, wo andere Fahrzeuge, Fußgänger und Radfahrer unterwegs sind. Dabei müssen sie aber jederzeit aufmerksam bleiben und die Hände auf dem Lenkrad behalten. Somit bietet der FSD – anders als der Name suggeriert – nicht wirklich die Möglichkeit, autonom zu fahren.

Diese vermeintliche Diskrepanz zwischen Namensgebung und Realität rief zuletzt die US-Behörden auf den Plan, die Untersuchungen wegen eines tödlichen Unfalls einleiteten, der in Zusammenhang mit der Anwendung des FSD stehen soll. Bei einem Unfall im Februar wurden sechs Personen, darunter fünf Polizisten, von einem Tesla mit aktiviertem Autopilot-System erfasst und schwer verletzt – in diesem Fall klagen die Polizisten gegen Tesla. Musk selbst sagte am Samstag bei seinem Besuch in Deutschland, dass man es "fast erreicht" habe, die FSD-Software so perfekt wie möglich zu gestalten.

Deutscher Produktionsstart noch 2021

Spätestens im Dezember 2021 will Tesla die ersten Elektroautos in der Gigafactory nahe Berlin produzieren. Danach wird es laut Musk bis Ende des Jahres dauern, um die Produktion hochzufahren. Bis dahin soll auch eine noch im Bau befindliche Batteriefabrik neben dem Autowerk in Betrieb sein, sagte Musk am Samstag. Ist die Produktion einmal angelaufen, sollen pro Woche 5000, im besten Fall sogar 10.000 Fahrzeuge des Model Y produziert werden.

Bis zu 9000 Menschen kamen zum "Tag der offenen Tür" in der neuen Gigafactory.
FotoAFP/ADAM BERRY:

In der Fabrik sollen rund 12.000 Mitarbeiter beschäftigt werden – allerdings sorgt sich Musk inzwischen, wie er die nötigen Fachkräfte an Bord holen kann. Er hoffe, dass das Werk Menschen aus ganz Europa anziehe, sagte der Firmenchef am Samstag. Grünheide ist nicht weit von der polnischen Grenze entfernt.

Tesla ist allerdings zumindest in den USA nicht für überdurchschnittlich hohe Löhne innerhalb der Branche bekannt. Und Anfang Oktober wurde das Unternehmen in den USA wegen schwerer Rassismusvorwürfe zu 118 Millionen Euro Strafe verdonnert.

Kritik von Umweltschützern

Musk hatte die sogenannte Giga Factory Ende 2019 angekündigt und in weniger als zwei Jahren errichtet. Möglichst viele Teile sollen an Ort und Stelle produziert werden, um von Zulieferern unabhängig zu werden.

Tesla hat für den Bau der Fabrik allerdings bisher nur vorzeitige Zulassungen. Die letzte umweltrechtliche Genehmigung für das Gesamtprojekt steht noch aus, noch läuft die Erörterung von mehreren hundert Einwänden. Kritiker bemängeln, dass der Industriebau teils in einem Wasserschutzgebiet entsteht. Sowohl Gegner als auch Befürworter des Vorhabens rechnen aber damit, dass die Genehmigung in den nächsten Wochen erteilt wird.

Die letzte umweltrechtliche Genehmigung ist noch ausstehend.
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Musk verteidigte sein Projekt gegen Bedenken, dass die Produktion zu viel Wasser aus der Region abzweige. "Unsere Fabrik verbraucht sehr wenig Wasser", sagte er. Teslas Mission sei ein möglichst schneller Übergang zu erneuerbaren Energien und Klimaschutz.

Industrieprojekt für Ostdeutschland

Das Autowerk vor den Toren Berlins gilt als eines der wichtigsten Industrieprojekte in Ostdeutschland. Die Errichtungskosten veranschlagte Musk ursprünglich auf 1,1 Milliarden Euro, erklärte aber zwischenzeitlich, das Budget werde überschritten. Für die Batteriefabrik steht Tesla öffentliche Förderung in Aussicht, die nach Medienberichten ebenfalls 1,1 Milliarden Euro betragen könnte.

Insgesamt soll nach Unternehmensangaben eine "mittlere einstellige Milliardensumme" investiert werden. Spekulationen über vier bis fünf Milliarden Euro seien nicht falsch, hieß es am Samstag. Genauere Informationen gab es nicht. Auf der Baustelle sollen in der Spitze bis zu 3500 Menschen beschäftigt gewesen sein. Zudem würden bereits Mitarbeiter für die Produktion eingestellt, hieß es weiter. (Reuters/Apa/Dpa/Red, 10.10.2021)