Der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft soll nach Plänen der EU-Kommission bis 2030 halbiert werden. Dagegen gibt es aber große Widerstände.

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Bei einem der Herzstücke des Green Deal, der nachhaltigen Wende in der europäischen Landwirtschaft, geht es langsam ans Eingemachte. Entsprechend nervös sind die Hauptakteure auf diesem umkämpften Feld, die großen Agrarkonzerne samt Spritzmittelherstellern auf der einen Seite, die Befürworter eines möglichst umweltschonenden, nachhaltigen Prozesses der Lebensmittelherstellung auf der anderen Seite.

Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat mit ihrer Farm-to-Fork-Strategie die Latte jedenfalls hochgelegt. Farm to Fork heißt so viel wie "vom Bauernhof auf den Teller". Die Lebensmittelkette soll auf all ihren Stufen nachhaltiger werden. Die in der Strategie enthaltenen Reduktionsziele sehen unter anderem eine Halbierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 vor. Weiters sollen die europäischen Bauern 2030 ein Fünftel weniger Dünger einsetzen. Und: Öko-Landwirte sollen 2030 bereits ein Viertel der europäischen Agrarflächen bewirtschaften.

Entscheidende Tage

Im Vorfeld einer in dieser Woche von der Brüsseler Kommission angesetzten hochrangigen Konferenz gibt es heftiges Lobbying zur Beeinflussung des jeweiligen Standpunkts. Am Montag ist Farm to Fork Gegenstand einer Debatte im EU-Agrarausschuss, der kommende Woche über die Strategie abstimmen soll. "Wir haben vertrauliche Informationen zur Strategie der Copa-Cogeca (Dachverband der europäischen Landwirtschaft, Anm.), die Farm-to-Fork-Strategie zu unterminieren", sagte Nina Holland, Mitarbeiterin der NGO Corporate Europe Observatory, dem STANDARD.

Zum Einsatz kämen Studien, die sich mit den Auswirkungen der von der EU-Kommission vorgeschlagenen Strategie zur Wende in der europäischen Landwirtschaft auseinandersetzen. Der Sukkus dieser Studien, von denen zumindest eine vom Agrarlobbyverband Croplife finanziert wurde, hinter dem wiederum Unternehmen wie Bayer, BASF, Corteva und Syngenta stehen: Die Lebensmittelproduktion geht deutlich zurück, sollte in Zukunft weniger Spritzmittel und Dünger eingesetzt werden. Laut einer Studie der Wageningen University & Research (WUR) in den Niederlanden würde es bei Umsetzung der Farm-to-Fork-Strategie zu einer Erhöhung der Lebensmittelimporte nach Europa kommen und zu einem insgesamt höheren Preisniveau.

Politik mit Studien

Nina Holland vom Corporate Europe Observatory stellte in einem Online-Event in der vorvergangenen Woche Alan Hardacre von Croplife bezüglich der WUR-Studie zur Rede. Warum er die Studie zitiere, aber nicht dazusage, dass sie von der Agrarlobby bezahlt sei, fragte sie ihn. Hardacre habe bestätigt, dass Croplife und andere Akteure in der Lebensmittelkette die Studie in Auftrag gegeben haben; nichtsdestotrotz sei es eine WUR-Studie, habe er geantwortet.

Holland hat zudem Hinweise, dass Europaparlamentarier vom europäischen Bauernverband Copa-Cogeca zumindest telefonisch bekniet worden sind, die Abstimmung über die Farm-to-Fork-Strategie von kommender Woche auf Ende Oktober zu verschieben. Damit verbleibe mehr Zeit, um, gestützt auf "ihre" Studien, die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Die NGO-Vertreterin hofft, dass sich Parlamentarier und Öffentlichkeit dennoch nicht verunsichern lassen und den Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, die auch das Klima schützt, zu Ende gehen. (Günther Strobl, 11.10.2021)