Die Wirtschaftsnobelpreisträger 2021.

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Stockholm – Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an die Forscher David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens. Das gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag in Stockholm bekannt. Damit ehrt das Nobel-Komitee drei Arbeitsmarktökonomen, die zur besseren Erforschung kausaler Zusammenhänge in der Ökonomie beigetragen haben. (Kurzbiografien der Preisträger stehen unten in der Infobox.)

Denn Ökonomen stellen zahlreiche Fragen, die sich nicht einfach experimentell beantworten lassen – aus ethischen wie praktischen Gründen. Beispiel: Führt ein höherer Mindestlohn zu höherer Arbeitslosigkeit? Vor dreißig Jahren waren Ökonomen davon überzeugt. Es gab Daten, die einen Zusammenhang zwischen höherem Mindestlohn und Arbeitslosigkeit zeigten. Allerdings bedeutet eine Korrelation zweier Beobachtungen noch lange nicht, dass es einen kausalen Zusammenhang gibt. Wenn die Arbeitslosigkeit in Regionen mit höherem Mindestlohn höher ist, kann es auch eine gemeinsame Ursache geben. Es könnte auch sein, dass eine höhere Arbeitslosigkeit zu einem höheren Mindestlohn führt.

Natürliches Experiment

Um kausale Aussagen zu treffen, müsste man beispielsweise die Bevölkerung oder eine bestimmte Berufsgruppe in zwei Gruppen aufteilen. Eine bekommt einen höheren Mindestlohn, die andere nicht. Ansonsten müssen die Gruppen identisch sein, andernfalls könnte es ja sein, dass nicht ein höherer Mindestlohn für höhere Arbeitslosigkeit sorgt, sondern irgendein unbeobachteter Faktor, in dem sich die Gruppen unterscheiden.

Ein solches Experiment lässt sich kaum auf die Beine stellen. Aber es kann zufällig passieren. In der Ökonomie spricht man dann von natürlichen Experimenten. Auch Nobelpreisträger Card fragte sich, wie sich Mindestlöhne auf die Beschäftigung auswirken. Als in den 1990er-Jahren der Mindestlohn in New Jersey angehoben wurde, im benachbarten Pennsylvania aber nicht, schaute sich Card gemeinsam mit Alan Krueger (verstorben, Anm.) an, wie Beschäftigung, Löhne und Preise in Fastfood-Restaurants in beiden US-Staaten jeweils nahe der Grenze reagierten. Die Idee dahinter: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich die Menschen und die Fastfood-Restaurants nahe der Grenze allzu sehr unterscheiden. Aber die Restaurants auf der einen Seite der Grenze mussten ihren Mitarbeitern plötzlich mehr zahlen. Das Ergebnis der bahnbrechenden Studie: Wenn es einen kausalen Zusammenhang zwischen Mindestlohn und Arbeitslosigkeit gibt, dann höchstens einen sehr kleinen.

Theoretische Grundlagen

Card erhielt für seine Forschung eine Hälfte des Nobelpreises. Angrist und Imbens teilen sich die andere Hälfte für ihre Grundlagenforschung zu natürlichen Experimenten und Kausalität in der Wirtschaftswissenschaft. Denn natürliche Experimente liefern oft nur unvollständige Information. Ein Beispiel aus der Bildungsökonomie: Wie wirkt sich ein zusätzliches Schuljahr auf die Einkommen der Menschen aus?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Wie viel jemand verdient hängt auch etwa vom sozialen Hintergrund oder vom Geschlecht ab. In den USA können Schüler die Schule je nach Staat mit 16 bzw. 17 Jahren abbrechen. Ein Schuljahrgang umfasst alle Kinder, die im selben Kalenderjahr geboren wurden. Angrist und Krueger nutzten das, um den Effekt eines zusätzlichen Schuljahres zu erforschen. Kinder, die früh im Jahr Geburtstag haben, können die Schule früher verlassen als Kinder, die spät im Jahr geboren sind. Der Geburtstag ist rein zufällig und hat nichts mit anderen Faktoren zu tun, die Bildung und Einkommen beeinflussen. Wer im letzten Quartal geboren ist, ist im Schnitt länger in der Schule. Ein zusätzliches Schuljahr bringt laut der Studie neun Prozent mehr Einkommen.

Der Effekt beschränkt sich auf Schüler, die die Schule auch wirklich abbrechen. Nicht alle Menschen reagieren auf natürliche Experimente. Die Methode, für die Angrist und Imbens am Montag ausgezeichnet wurden, hilft, die Größe der von einem natürlichen Experiment betroffenen Gruppe abzuschätzen – und kausale Zusammenhänge für genau diese Gruppe zu beschreiben.

Bisher ein Österreicher unter Preisträgern

Seit der ersten Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises 1969 war erst ein Österreicher unter den Preisträgern: Der liberale Ökonom Friedrich August von Hayek erhielt 1974 den Preis gemeinsam mit dem Schweden Gunnar Myrdal für Arbeiten auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie. Der österreichische Verhaltensökonom Ernst Fehr (Uni Zürich) wurde in der Vergangenheit öfters als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis genannt. (Aloysius Widmann, 11.10.2021)