25 Prozent – um so viel erhöhten sich die sitzenden Tätigkeiten nach dem Lockdown. Das ergaben Daten von Fitnesstrackern, die PwC in Großbritannien an seine Beschäftigten verteilte.

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Wer eine Karriere bei der U.S. Air Force starten will, muss mehrere körperliche Voraussetzungen erfüllen. Der Bewerber darf nicht größer als 203 Zentimeter und nicht schwerer als 105 Kilogramm sein. Wenn er unter 30 Jahre alt ist, darf er einen maximalen Körperfettanteil von 20 Prozent haben, bei Frauen unter 30 sind es 28 Prozent. Er darf keine stärkere Sehschwäche haben. Und er muss bester Gesundheit sein.

Klar, die Jetpilotinnen und -piloten müssen fit sein. In einem Kampfjet wie dem F-16 wirken neun g, also das Neunfache des eigenen Körpergewichts. Daher wollen sich die Ärzte vorher absichern, dass die Piloten den Belastungen standhalten.

Doch der Medizincheck ist damit nicht beendet. Wie das Portal Nextgov berichtet, will die US-Luftwaffe mit Wearables, also tragbaren Geräten, die Gesundheitsdaten ihrer Piloten wie Herzfrequenz und Sauerstofflevel erfassen, um frühzeitig Symptome von Krankheiten zu identifizieren und im Falle einer (Covid-)Erkrankung Kontakte nachzuverfolgen. Auch die Nasa hat vor einigen Monaten im Rahmen eines Pilotprogramms 1.000 Angestellten an sechs Standorten in den USA, darunter 150 Astronauten, mit Fitnesstrackern ausgestattet, um grippeähnliche Symptome festzustellen.

Solche Gesundheitsmonitorings sind nicht neu. Schon vor einigen Jahren haben Konzerne wie BP, Bank of America und IBM freiwillige "Wellnessprogramme" aufgelegt, bei denen Mitarbeiter per Fitnesstracker ihre Schlaf- und Aktivitätslevel messen lassen und dafür Benefits erhalten konnten. Die Annahme: Fitte Arbeitnehmer sind motivierter und leistungsfähiger. Auch im Leistungssport kommen Fitnesstracker zum Einsatz, etwa im Fußball, um die Trainingspläne der Profis in der Sommerpause zu überwachen.

Gesundheit wird wichtiger

Durch die Corona-Pandemie hat das Thema Mitarbeitergesundheit aber noch einmal eine ganz neue Dimension und Dringlichkeit bekommen. Ob ein Angestellter gesund und damit leistungsfähig ist, ist nicht mehr seine Privatangelegenheit, sondern Sache des Betriebs beziehungsweise der Allgemeinheit. Das zeigt die erhitzte Diskussion darüber, ob Arbeitgeber den Corona-Impfstatus abfragen dürfen. Daher wollen immer mehr Unternehmen die Gesundheit ihrer Angestellten mit Wearables screenen.

So hat die Unternehmensberatung PwC in Großbritannien nach dem ersten Lockdown Garmin-Geräte verteilt, um die Gesundheit und das mentale Wohlbefinden der Angestellten im Homeoffice zu checken. Die Daten, die die Fitnesstracker sammelten, wurden in Kombination mit psychometrischen und kognitiven Tests an eine Plattform gesendet, wo sie von Algorithmen ausgewertet wurden. Das Ergebnis: Die Mitarbeiter waren gestresster und bewegten sich weniger – die sitzenden Tätigkeiten erhöhten sich nach dem Lockdown um 25 Prozent. Als die Pubs wieder öffneten, sanken die Stresslevel wieder.

Dieser Text ist am 21. Oktober 2021 im Der Standard Karriere-Magazin erschienen.
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Fitnesstracker können durchaus Nutzen stiften. Wenn man sieht, dass sich Mitarbeitende zu wenig bewegen, kann man sie mit verhaltenspsychologischen Tricks wie etwa Nudges zu mehr Sport und einer gesünderen Ernährung animieren. Und wenn es Anzeichen dafür gibt, dass der Stresslevel oder Puls über eine längere Zeit zu hoch ist, lässt sich das Pensum reduzieren. Erkrankungen wie Burnout oder Herzinfarkte könnten durch algorithmische Mustererkennungsverfahren im Vorfeld verhindert werden. Das spart nicht nur dem Unternehmen, sondern auch den Krankenkassen viel Geld.

Doch wie bei jeder Technologie stellt sich die Frage, wo man ihr Grenzen setzt. Arbeitgeber könnten aus den sensiblen Gesundheitsdaten noch viel mehr Informationen herauslesen. Wann geht der Mitarbeiter ins Bett? Hatte er eine wilde Partynacht? Wie oft macht er Sport? Täuscht er eine Erkrankung nur vor? Zwar werden die Daten in der Regel anonymisiert. Trotzdem lassen sich auch aus anonymisierten Datensätzen Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen – insbesondere, wenn sie im Homeoffice arbeiten. Im Grunde reichen die Standortdaten aus, um Gesundheitswerte einer Angestellten zuordnen zu können – der Arbeitgeber kennt schließlich die Adresse. Und die GPS-Koordinaten lassen sich kinderleicht im Netz ermitteln.

Datenschützer warnen

Datenschützer warnen daher schon länger davor, dass Trackingtechnologien wie Fitnessarmbänder oder Smartwatches die Überwachung am Arbeitsplatz auch auf die Privatsphäre ausdehnen können. Je mehr die Freizeit in den Fokus rückt, desto mehr Kontrolle haben Arbeitgeber über das Leben ihrer Angestellten.

Das Sociological Department des Autobauers Ford musste Anfang des 20. Jahrhunderts noch Kontrolleure zu Hausbesuchen ausschicken, um das private Umfeld der Arbeiter auszuleuchten. Ist es sauber? Gehen die Kinder zur Schule? Wofür wird der Lohn ausgegeben? Heute braucht es diese Kontrollen nicht mehr – die Angestellten tragen die Inspektoren am Handgelenk. (Adrian Lobe, 22.11.2021)