Lesung mit Tuba: Colson Whitehead präsentiert seinen Roman "Harlem Shuffle" im Konzerthaus – mit Jazzer John Sass als Sidekick.

Foto: AP / Madeline Whitehead

Die Beale Street in Memphis, Tennessee, ist eine der Hauptschlagadern der afroamerikanischen Kultur. Dort waren ab den 1920er-Jahren jene rund um die Uhr geöffneten schwarzen Clubs konzentriert, die den jungen Elvis Presley in den frühen 1950ern seinem Schicksal zuführten. In dieser einst vom Blues, von Freudenhäusern, Spelunken und Kinos zum Pulsieren gebrachten Straße gibt es ein legendäres Geschäft namens Schwab’s. Der 1876 gegründete und bis heute existierende Gemischtwarenladen wirbt selbstbewusst mit "If you don’t find it at Schwab’s, you don’t need it".

Auf der 125. Straße im New Yorker Stadtteil Harlem, einer anderen Hauptschlagader der afroamerikanischen Kultur, sagt Ray Carney seiner Kundschaft dasselbe: "Wenn Sie es hier nicht finden, brauchen Sie es nicht."

Ray Carney ist die Hauptfigur im neuen Roman von Colson Whitehead. Er heißt Harlem Shuffle, und am Mittwoch wird der 51-jährige New Yorker Autor und zweifache Pulitzerpreisträger im Wiener Konzerthaus im Rahmen einer moderierten, zweisprachigen Lesung daraus vortragen – für den musikalischen Rahmen sorgt der Jazzer John Sass an der Tuba.

Ein Doppelleben

Ray Carney ist kein klassischer Held. Der Besitzer eines Möbelgeschäfts wurstelt sich so durch. Er versucht, seiner Familie zu bieten, was er und vor allem seine Schwiegereltern für angemessen erachten. Seine "in-laws" halten ihn trotz zweier Enkelkinder immer noch für eine Zumutung, für ihre Tochter hatten sie sich etwas Besseres erhofft als einen "Teppichhändler", wie Ray von seinem Schwiegervater abschätzig bezeichnet wird.

Als Sohn eines in der Nachbarschaft legendären Schlitzohrs führt Carney in der in den späten 1950ern und frühen 1960ern angesiedelten Geschichte eine Art Doppelleben. Eines, das ihm die Umstände aufnötigen. "Ich bin vielleicht pleite, aber ich bin kein krummer Hund", sagt er früh im Buch, um sich mit seinen Handlungen auf den nächsten 360 Seiten doch immer aufs Neue zu widersprechen.

Nach dem drastisch verfilmten Roman Underground Railroad (2016) und dem packenden Jugenddrama The Nickel Boys von 2019 ist Harlem Shuffle ein vergleichsweise unaufgeregtes Buch. Vielleicht ein Zwischenwerk, in dem der Rassismus der USA zwar eine Rolle spielt, doch eher im Hintergrund stattfindet, als eine Art Grundrauschen im Alltag zwar, doch nicht als so dominanter Handlungsträger wie sonst.

Um den Status für sich und seine Familie zu verbessern, lässt sich Carvey immer wieder auf halbseidene Geschäfte ein: kleine Hehlereien, die ausgleichen, dass er bei ausständigen Ratenzahlen gegenüber manchen Schuldigern Nachsicht walten lässt. Cousin Freddie ist einer seiner Zubringer; er ist es schließlich, der Carvey in tiefere Verstrickungen treibt, tiefer, als es ihm lieb ist. Er sieht die Familie in Gefahr und tut, was zu tun ist.

Drei Episoden

Unterteilt ist Harlem Shuffle in drei größere Episoden über den Zeitraum von 1959 bis 1964. Dieses Triptychon ist ein Hinweis darauf, dass Harlem Shuffle nicht der große epische Roman, sondern eher eine Aneinanderreihung dreier ineinandergreifender Erzählungen ist.

Von einer tristen Kindheit geprägt, hat es Carvey zwar zu Bildung und leichtem Wohlstand gebracht, doch seine Umgebung lässt ihn nicht zur Ruhe kommen: Harlem steht ständig auf der Kippe, eine Drogenepidemie herrscht in seinem Bezirk, Gewalt droht an jeder Ecke, die ganze Stadt verändert sich beständig – und jede dieser Neuerungen fördert neue Parasiten, andere skrupellose Nutznießer zutage.

Vage Figur

Das fordert von Carvey Wendigkeit, verlangt ihm Zugeständnisse ab, Schutzgeldzahlungen sowieso. Vage bleibt auch seine Figur. Zwar erfährt man einiges über ihn, eine besondere Bindung von der Leserseite her stellt sich zu ihm nicht ein. Andererseits passt das zu den Dingen, die er erlebt, mit einem Bein im Schatten des Kriminals, mit dem anderen versucht, seine legale Reputation auszubauen. Alles ist immer schwierig, auf kaum jemanden Verlass. Und dann bäumt sich am Ende doch der Rassismus auf, dieser willkürliche Teufel, und kostet einen 15-Jährigen das Leben – ohne Konsequenzen für den Cop.

Die Übersetzung von Nikolaus Stingl ist eloquent und gar anmutig dort, wo Whitehead das New York jener Zeit beschreibt, fehlenden Tiefgang macht sie nicht wett. (Karl Fluch, 12.10.2021)