Die Schaukel: ein Brett, zwei Seile, ein stabiler Ast. So unkompliziert, so banal und doch: Jedes Kind erblickt in ihr die Verheißung eines Glücks, das immer in Erfüllung geht. Das Versprechen von Jauchzen und Schweben.

"Zur Schaukel!", ist dann auch der Schlachtruf, der über jedem Kinderspielplatz dieser Erde zu hören ist. "Höher!", lautet alsbald die Aufforderung an den Schwunggeber. Letzterer weiß, wenn die Kleine das Spielgerät erst einmal erklommen hat, wird sie dieses auch so bald nicht mehr verlassen.

Wo Menschen sind, wird geschaukelt: Es hat etwas Archaisches.
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Denn: Wer draufsitzt, hat bedeutend mehr Spaß als der, der dahintersteht. Das kann jeder bezeugen, der schon einmal gehutscht hat. Und wer hat das nicht? Kein Wunder also, dass das Schaukelbild als Metapher für kindliche Unbekümmertheit, für Leichtigkeit im weitesten Sinn herhalten muss.

Freiheit und Unbeschwertheit

"Es gibt diesen einen Moment, wenn man ganz oben ist, wenn die Seile ihre Spannkraft verlieren und dann wieder zurückschnellen, dieses Bauchkribbeln in diesem Augenblick der Schwerelosigkeit", schwärmt Claudia Grabowski am Telefon. Die Videojournalistin und studierte Politikwissenschafterin, wohnhaft in Bremen, hat im September ihr erstes Buch veröffentlicht – mit historischen Aufnahmen von Frauen, die schaukeln. So auch der Titel ihres Erstlings. Es sind Fotos vom "Schwungholen und Freisein".

Ein Herzensprojekt, schildert sie, das zwei ihrer Leidenschaften verbindet: das Sammeln alter Fotos, die sie auf Flohmärkten oder bei Haushaltsauflösungen findet, und Schaukeln. Letzteres sei für sie im Alltag immer noch mit Freiheit verbunden, mit Unbeschwertheit und ebendiesem wohligen Gefühl in der Körpermitte, wenn man am toten Punkt anlangt und diesen rückwärts wieder verlässt.

Das Schaukelbild als Metapher für kindliche Unbekümmertheit, für Leichtigkeit im weitesten Sinn.
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Auch wenn das Thema Schaukeln im öffentlichen Raum fast ausschließlich von Kindern besetzt ist, hört das Bauchkribbeln mit der Pubertät nicht auf. Es ändert sich nur die Herangehensweise. "Wenn man älter wird, kann man die Intensität des Schaukelns selbst bestimmen", sagt Claudia Grabowski. Es sei wie im Leben. Man müsse selbst aktiv werden, sonst herrsche Stillstand. "Dabei bestimme ich selbst, wie es geht, wie lange, wie intensiv."

Beschäftigt man sich mit dem Schaukeln, zeigt sich bald, wie breit und tief dieses Thema ist. Es lässt sich festhalten: Wo Menschen sind, wird geschaukelt. Besser gesagt: Seit es Menschen gibt, wird geschaukelt. Belege dafür liefert die Archäologie. Das älteste Zeugnis stammt aus der minoischen Kultur. Anderthalb Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung sind entsprechende Motive und Figuren dokumentiert.

Es spricht allerdings nichts dagegen, dass schon vorher geschaukelt wurde. Erwähnt sei hier auch der "Schaukel-Maler", der in der griechischen Antike einschlägige Motive auf Vasen verewigte. Zumal eines seiner Werke auch im Pariser Louvre zu betrachten ist.

Verbotene Einblicke

Groß in Mode war das Schaukeln in Europa während des Rokokos. Es gehörte zur höfischen Gartenkultur. Als Symbol für Müßiggang, Freude und verspielte Liebelei in prüden Zeiten. Frauen, deren weite Röcke sich blähten und verbotene Einblicke gewährten, waren ein beliebtes Motiv in der darstellenden Kunst. Sie griffen eine erotische Komponente auf, die damals fast einer Revolution glich.

Unverkennbare erotische Komponente: Schaukelnde Nymphen von William Adolphe Bouguereau, einem französischen Maler des 19. Jahrhunderts.
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Die Erotik kam auch danach nicht zu kurz. Um 1900 etwa kamen Bildpostkarten auf, die schaukelnde Frauen zeigen. Einige davon finden sich in Claudia Grabowskis Buch abgebildet: Eine Dame, mit einem Fuß schon auf dem Schaukelbrett, wartet mit "Come & give me a start" auf den richtigen Stoß … Hutschen mit Aussicht auf mehr.

Literarisch wurde der Schaukel von Theodor Fontane ein Denkmal gesetzt. Seine Romanheldin Effie Briest, die "wohl bekannteste Schauklerin der Literaturgeschichte" (Claudia Grabowski), fühlt sich nur auf der Schaukel wirklich frei. Dort bietet sich ihr die Gelegenheit zum "Ausbruch aus den Konventionen und der Enge der preußischen Gesellschaft". Der Roman erschien 1894.

Tiefere Bedeutung

Die Fotos in Claudia Grabowskis Buch sind Zeitdokumente, aber auch Belege dafür, dass das Schaukeln wohl eine weitaus tiefer reichende Bedeutung hat, als man bei oberflächlicher Betrachtung zunächst annehmen könnte.

Ob die Aufnahmen auch die weibliche Emanzipation abbilden? Teilweise, meint die Autorin vorsichtig. Sie zeigten zumindest den gesellschaftlichen Wandel, den Bruch mit Rollenbildern. "Das lässt sich daran festmachen, dass Frauen die Schiffsschaukel für sich eroberten, die zunächst vor allem Männern vorbehalten war", sagt Claudia Grabowski. Mehr möchte sie da aber auch gar nicht hineininterpretieren.

In Indien wird gerne anlässlich religiöser Feste geschaukelt.
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"Schaukeln ist Bewegung an Ort und Stelle. Vor und zurück in der derselben Bahn. Ein umgedrehtes Metronom", heißt es im Gedicht "Die Schaukel" von Jürgen Brôcan. Der Dichter will uns darin das Schaukeln als "geistliche Übung" näherbringen, vermutet man bei der "FAZ". Schließlich bezieht sich der Dichter auf St. Prokulus, den Schaukler. Möglicherweise hatte er dabei aber auch den indischen Kulturkreis im Blick, wo die Schaukel als Hilfsmittel dient, um im Zuge religiöser Feiern in Trance, gar in Ekstase zu geraten. Immerhin gilt sie als Sitz der Götter.

Praktischer Nutzen

Krishna, der Hirtengott, der Gott der Liebe, schaukelt am liebsten unter allen Göttern im hinduistischen Pantheon. Er schwebt auf diese Weise zwischen Himmel und Erde. Mit ganz praktischem Nutzen: Auch ein Gott hat in der Hitze des Subkontinents gerne einen frischen Luftzug um die Nase. Ebenso der Mensch. Schaukeln findet man in indischen Haushalten daher weit öfter vor als in mitteleuropäischen.

Philippe Starck hat diesen "Rocking Chair" für Emeco entworfen. Schaukeln ist für ihn "das Konzentrat aller wunderbaren Dinge dieser Welt".

Dabei haben sich längst auch Möbelgestalter des Themas angenommen und bieten formschöne Alternativen zu Brett, Seil und Ast, die sich die ebenso geneigte wie zahlungskräftige Kundschaft an einen tragenden Balken ins Loft hängen könnte.

Ein solches Exemplar stammt vom Tausendsassa Philippe Starck, der eine Hutsche für Erwachsene entworfen hat. Für ihn ist die Schaukel ganz allgemein "das Konzentrat aller wunderbaren Dinge dieser Welt: die Leichtigkeit der Schwerkraft, die Zuverlässigkeit der Zentrifugalkraft, die Lebendigkeit der Balance, die vierte Dimension der Gefahr, die Höhe der Aussicht".

Wohltuendes Hin und Her

Wer den Ball etwas flacher halten will, greift auf den guten alten Schaukelstuhl zurück, dessen Wiegebewegungen laut einer amerikanischen Studie sogar Schmerzmittel überflüssig machen können. Eine Tatsache, die einem berühmten Osteoporose- und Schmerzpatienten wohl bekannt war. John F. Kennedy nannte mehrere Schaukelstühle sein Eigen. Einer davon befand sich sogar in der Air Force One.

Wer sich sanft in den Schlaf schaukelt, schläft besser.
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Davon abgesehen, tut uns das Hin und Her allgemein gut, wie in etlichen anderen wissenschaftlichen Arbeiten belegt wurde. Es fördert von klein auf unter anderem das Gleichgewichtssystem, die Koordinations- und Leistungsfähigkeit.

Wer schaukelt, wiegt nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist. Und wer in den Schlaf gewiegt wird, schläft besser. Nicht ohne Grund wiegen wir unsere Babys instinktiv, um sie zu beruhigen, ihnen Geborgenheit zu vermitteln, um sie zum Einschlafen zu bringen.

Für den Kick

Gut möglich, dass diese frühkindliche Erfahrung dafür sorgt, dass auch Erwachsene schneller und tiefer schlummern, wenn sie sanft geschaukelt werden. Das legen Untersuchungen im Schlaflabor nahe. Wird’s allerdings zu wild, dann geschieht das Gegenteil: Ein gewisses Unwohlsein stellt sich ein, bis hin zum Adrenalinausstoß.

Die Esten haben das Extremschaukeln erfunden.
DW Deutsch

Den führen manche bewusst herbei, für den Kick. "Ohne Drogen in den Himmel", unter diesem Motto steht die sehr spezielle Sportart Kiiking, Extremschaukeln, die in Estland erfunden wurde. Auf eigens angefertigten Riesenschaukeln, die bis zu acht Meter hoch sein können, versucht der Sportler, die Sportlerin, einen Überschlag zu machen. Vergleichbar mit Bungee-Jumping soll das sein. Der Weltrekord liegt bei den Herren bei 7,38 Metern, bei den Damen bei 5,94 Metern.

Hinzu kommen dutzende Beispiele aus aller Welt, wie man sich mittels Schaukel die Nerven kitzeln lassen kann, etwa indem man über Abgründe oder Wasserfälle hinausschwingt, um dann doch wieder sicher zu landen.

Temporärer Zufluchtsort

Gemütlicher geht’s bei einer Tour auf diversen Schaukelwegen zu, die es auch in Österreich gibt. Oder man reist nach Bali, wo man in besonders schönen Gegenden Hutschen zwischen die Palmen gehängt hat. Die werden sogar explizit als besonders instagrammable beworben.

"Swing the World": Schaukeln an fotogenen Orten im Tessin – Entsprechende Hashtags inklusive.

In die gleiche Kerbe schlägt das heuer gestartete Projekt Swing the World. Dahinter steckt ein Schweizer Unternehmerpaar, das an fotogenen Orten im Tessin Schaukeln aufhängt und die passenden Hashtags gleich mitliefert. Der Zeitgeist lässt schön grüßen.

"Möglicherweise lässt sich das Interesse an solchen Projekten und dem Schaukeln allgemein auch damit erklären, dass wir uns kollektiv nach etwas mehr Leichtigkeit in einer immer unsicherer scheinenden Welt sehnen", sinniert Claudia Grabowski. Die Schaukel als temporärer Zufluchtsort, der nie aus der Mode kommt und immer wieder neu entdeckt wird. (Markus Böhm, RONDO, 17.10.2021)