In der Hauptstadt Addis Abeba registrierten sich im August zahlreiche Personen als Soldaten des äthiopischen Heeres. Nach Angaben der TPLF hat am Montag eine Offensive gegen Tigray begonnen.

Foto: AP/Mulugeta Ayene

Äthiopiens Regierungstruppen haben nach Angaben der oppositionellen Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) eine großangelegte Offensive gegen Stellungen der TPLF in der an Tigray grenzenden Provinz Amhara begonnen. In die seit Montag anhaltenden Kämpfe seien "zehntausende" von Panzern, Kampfjets und Drohnen begleitete Soldaten an mehreren Fronten verwickelt, teilte TPLF-Sprecher Getachew Reda auf Twitter und in Telefonanrufen gegenüber Journalisten mit. "Tausende" seien dem Großangriff bereits zum Opfer gefallen.

Auch der unabhängige Internetdienst "Ethiopia Map" meldete die Bombardierung mehrerer an der Grenze zu Tigray gelegener Städte wie Wurgesa und Arbit. Dagegen teilte die Regierung in Addis Abeba lediglich mit: "Wir werden unseren Widerstand gegen die Zerstörung, die Gewalt und die Morde der TPLF in der Amhara-Region und an anderen Orten fortsetzen."

Nach der überraschenden Rückeroberung weiter Teile der Tigray-Region durch die TPLF hatte Äthiopiens Regierung Ende Juni einen einseitigen Waffenstillstand erklärt. Gleichzeitig verhängte sie eine Blockade über die Unruheprovinz, die seither von der Außenwelt fast vollkommen abgeschottet ist. Sowohl das Mobilfunknetz wie auch der Zugang zum Internet sind blockiert, in der Provinz herrscht akuter Mangel an Nahrungsmitteln sowie an Treibstoff und Medikamenten.

Ende der Regenzeit facht Konflikt an

Unabhängige Informationen sind aus Tigray derzeit fast überhaupt nicht zu bekommen. Mitglieder internationaler Hilfsorganisationen befürchten jedoch, dass die jüngsten Kampfhandlungen die Provinz vollends in eine Katastrophe stürzen könnten. Ein Aufflammen der Kämpfe war erwartet worden: Derzeit geht die Regenzeit zu Ende, Äthiopiens Regierung hat in den vergangenen Monaten zigtausende Soldaten rekrutiert. "Das ist ein entscheidender Moment, von dem in Addis Abeba schon seit einiger Zeit die Rede war", sagt der äthiopische Journalist Samuel Getachew. "Es ist zu erwarten, dass es blutig werden wird."

In dem seit dem Einmarsch äthiopischer Truppen in Tigray vor knapp einem Jahr andauernden Konflikt sind bereits zigtausende Menschen ums Leben gekommen, mehr als fünf Millionen in der Provinz sind nach UN-Angaben auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Da wegen der Blockade nur ein Bruchteil der eigentlich benötigten Hilfe nach Tigray transportiert werden kann, seien mehr als 400.000 Menschen einer Hungersnot ausgesetzt, teilte UN-Nothilfekoordinator Martin Griffith jüngst mit. Weit über hundert Kinder starben nach Angaben von Hilfsorganisationen bereits den Hungertod.

UN-Repräsentantin wegen Kritik suspendiert

Unterdessen spitzt sich der Streit zwischen den Vereinten Nationen und der äthiopischen Regierung über die Einschätzung der Tigray-Krise weiter zu. Die Repräsentantin der UN-Organisation für Migration (IOM) in Äthiopien, Maureen Achieng, wurde am Montag suspendiert, nachdem sie sich in einem der Presse zugespielten Interview über die "Voreingenommenheit" der UN-Zentrale in New York zugunsten der TPLF beklagt hatte. Achieng warf der UN-Spitze vor, an der UN-Vertretung in Addis Abeba vorbei direkte Kontakte mit der "schmutzigen" TPLF zu unterhalten. Äthiopiens Regierungssprecherin Billene Seyoum geißelte die Suspendierung Achiengs: Sie habe lediglich "die ungeschminkte Wahrheit über die Voreingenommenheit des UN-Systems zugunsten der TPLF-Terroristen" offengelegt. Äthiopiens Regierung fordert nun eine unabhängige Untersuchung der UN-Führung.

Zu Beginn des Monats hatte Addis Abeba sieben leitende UN-Mitarbeiter des Landes verwiesen – unter dem Vorwurf, sich in die inneren Angelegenheiten Äthiopiens eingemischt zu haben. UN-Generalsekretär António Gutteres kritisierte die Ausweisung als beispiellosen Verstoß gegen internationales Recht, scheiterte aber daran, deren Rausschmiss rückgängig zu machen. Äthiopiens Regierung bezichtigt auch private Hilfsorganisationen, die TPLF zu unterstützen, und hat der niederländischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen sowie dem Norwegischen Flüchtlingsrat vorübergehend die Arbeitserlaubnis entzogen.

Zweite Invasion

Beobachter sehen einen Zusammenhang zwischen der militärischen Großoffensive und den Scharmützeln der Regierung mit dem Staatenbund: Regierungschef Abiy Ahmed versuche auf diese Weise den Weg für eine zweite Invasion der Unruheprovinz zu ebnen. Abiy wurde in der vergangenen Woche erneut als Regierungschef vereidigt, nachdem seine Prosperity Party eine von mehreren Oppositionsparteien boykottierte Wahl, an der auch die Tigray-Provinz nicht beteiligt war, mit überwältigender Mehrheit gewonnen hatte. (Johannes Dieterich, 12.10.2021)