Über mehrere Stunden hinweg soll geschossen worden sein. In kurzer Zeit eskalierte abermals die Gewalt in Beirut.

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Einschußlöcher.

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Patronenhülsen.

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Soldaten der libanesischen Armee versuchen, die Scharfschützen zu entdecken.

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Es ist eine furchteinflößende Geräuschkulisse, die sich am Donnerstag über die libanesische Hauptstadt Beirut legt: Stundenlang hört man ununterbrochen Kugelhagel und explodierende Granaten, wie auf etlichen Videos in den sozialen Medien zu hören ist.

Es sind schiitische Milizen, jene der Parteien Hisbollah und Amal, die sich mitten in der Stadt mit noch unbekannten Schützen Gefechte liefern. Schauplatz sind ausgerechnet die Kreuzung Tayyouneh und die anliegenden Viertel. Hier verlief einst jene Front, die die Stadt in den Bürgerkriegsjahren 1975 bis 1990 in einen muslimischen und einen christlichen Teil entzweite.

Die Szenen – Häuserwände, die durchlöchert werden, Kinder, die am Boden ihrer Schulklassen die Hände schützend über ihr Haupt legen, Menschen, die aus der Stadt fliehen – erinnern nicht nur an den Bürgerkrieg, sie schüren auch Ängste vor einem neuen.

Schüsse von den Dächern

Angefangen hatte die Gewalteskalation bereits am Vormittag bei einer Kundgebung, die von der Irannahen Hisbollah organisiert wurde. Die Protestaktion richtete sich gegen Tarek Bitar – jenen Richter, der die Ermittlungen zur fatalen Hafenexplosion im Vorjahr leitet. Die Hisbollah legt ihm Befangenheit zur Last. Fakt ist, dass zwei mit der Hisbollah verbündete Politiker und Beamte von Bitar in der Causa vorgeladen werden sollten.

Dagegen demonstrierten Donnerstagvormittag zahlreiche Schiiten, als plötzlich Schützen das Feuer von den Dächern eines angrenzenden Christenviertels eröffneten. Mindestens zwei Menschen waren sofort tot, mehrere wurden verletzt. So schildern es Amal und Hisbollah, die von einem Angriff, der das Land ins Chaos ziehen soll, sprachen. Verantwortlich machen sie die rechte Christenpartei Forces Libanaises. Diese weist den Vorwurf zurück und schiebt die Schuld auf die Hisbollah.

Weil schiitsche Milizen wenig später das Feuer erwiderten, eskalierte die Gewalt zur regelrechten Straßenschlacht. Auch Zivilisten gerieten ins Kreuzfeuer, die Zahl der Toten stieg auf sechs an. Eine Frau, deren Haus unter Beschuss kam, wurde laut Berichten in ihren eigenen vier Wänden von einer Kugel getötet. Mindestens dreißig Personen wurden verletzt. Die Schusswechsel dauerten bis zum frühen Abend, die Situation bleibt unübersichtlich.

Armee rückte aus

Während Premierminister Najib Mikati zur Ruhe aufrief, rückte die Armee mit einem Großaufgebot aus und kündigte an, Bewaffnete auf der Straße unter Beschuss zu nehmen. Neun Personen, darunter ein syrischer Staatsbürger, wurden festgenommen. Die Bevölkerung, die bereits unter Hyperinflation und Treibstoffmangel leidet, wurde aufgerufen, zu Hause zu bleiben. (Flora Mory, 14.10.2021)