Bundespräsident Alexander Van der Bellen übergab die Trophäe.

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Mit dem Handbike fuhr Walter Ablinger in Tokio zu Gold im Einzelzeitfahren.

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Dreimal ging Ablinger bei der Sportlerwahl leer aus, "umso mehr freut mich, dass ich jetzt gewonnen habe".

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Es gibt viele Möglichkeiten, eine Trophäe abzustellen. Kaminsims, Dachboden, Wandschrank. Walter Ablinger hegt für die Auszeichnung zum Behindertensportler des Jahres einen anderen Plan. Der 52-jährige Oberösterreicher möchte die Skulptur in einem Rehazentrum deponieren. Um Menschen nach einem Schicksalsschlag zu motivieren, um ihnen eine Perspektive aufzuzeigen: "Vielleicht findet jemand Kraft, sein Leben neu aufzusetzen. Das würde mich freuen. Ich kenne die Gedanken. Ich weiß, wie es sich anfühlt."

Wie es sich anfühlt, musste Ablinger 1999 erfahren. Der gelernte Zimmermann aus Rainbach im Innkreis stürzte von einem Baugerüst. Seither ist er querschnittgelähmt. "Meine Frau war im dritten Monat schwanger, ich hatte einen Haufen Schulden – und plötzlich saß ich im Rollstuhl. Ich hatte so viele Fragen und keine einzige Antwort." Ob er jemals mit dem Schicksal gehadert hat? "Natürlich. Das hört nie ganz auf, das kommt immer wieder. Manchmal wache ich auf, sehe den Rollstuhl neben dem Bett und denke mir: ,Verdammt, schon wieder rein in die Kiste.‘"

Viel Zeit für Selbstmitleid war Ablinger nach seinem Unfall nicht geblieben: "Wir hatten eine Aufgabe zu erledigen, wir wurden Eltern. Ich habe versucht, meine Behinderung hinten anzustellen." Es scheint dem Sportler geglückt zu sein. 22 Jahre später ist er – auch das ist eine Leistung – noch immer verheiratet, hat "drei wunderbare Kinder, einen großartigen Freundeskreis und das Hobby zum Beruf gemacht". Das mit der Kraft der Arme betriebene Handbike sei "die ideale Möglichkeit gewesen, die Restfunktion meines Körpers in Schuss zu halten".

Gefährliches Training

Das Training mit dem Handbike ist nicht ungefährlich. Im September übersah Ablinger einen abgestellten Anhänger und brach sich drei Rippen: "Wir werden nicht nur spät gesehen, wir haben auch die Kurbelwelle vor Augen und einen riesigen toten Winkel nach vorne. In der liegenden, aerodynamischen Position sehe ich Vogelnester und die Störche vorbeifliegen – aber ich sehe kein Schlagloch und keinen Kanaldeckel. Und vor allem sehe ich auf 200 Meter keinen Lkw." 2015 ist Ablingers Kollege Manfred Putz mit dem Handbike tödlich verunglückt. Er kollidierte mit einem Zug. Fazit: "Diese Sportgeräte sind für die Rennstrecke gebaut, für den öffentlichen Verkehr sind sie ungeeignet."

Ablinger war mit dem Handbike Staatsmeister, Europameister, Weltmeister, Paralympics-Sieger 2012 im Straßenrennen und 2021 im Einzelzeitfahren. Es gibt keinen Grund zu falscher Bescheidenheit: "Ich habe alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt." Nur die Auszeichnung zum "Sportler des Jahres" hatte der Sportskanone bis Donnerstag gefehlt. Dreimal stand Ablinger zur Wahl, ebenso oft ging er leer aus. "Umso mehr freut mich, dass ich jetzt gewonnen habe. Viele Chancen werde ich nicht mehr bekommen."

Nein, auch Ablinger wird nicht jünger. "Die biologische Uhr tickt. Die 20-Jährigen sind einfach spritziger als ich. Gegen Konkurrenten dieser Altersklasse werde ich keinen Sprint mehr gewinnen. Da muss man realistisch bleiben. Meine Stärken liegen in den Hügeln. Auf kurzen, knackigen Anstiegen kann ich meine Qualitäten ausspielen."

Großes Herz

Eine Saison mit dem Handbike kostet rund 35.000 Euro. Sporthilfe, Bundesheer und das Olympia-Förderprogramm machen es möglich. Und wie sieht es mit Sponsoren aus? "Wir kämpfen noch immer um Anerkennung in der Wirtschaft. Wir kommen gerade über die Runden. Für die Zeit nach dem Sport wird wenig bleiben. Aber wir können die vorhandenen Systeme mittlerweile ganz gut nutzen. Ich möchte nicht jammern und sudern. Das habe ich nie getan, das bringt mich nicht weiter." Sind die Paralympics von Paris 2024 ein realistisches Ziel? Geht da noch mehr? "Das kann ich noch nicht sagen. Ich denke jetzt von Jahr zu Jahr."

Kommt dem österreichischen Sport also demnächst eine Galionsfigur, ein Vorbild abhanden? "Als Vorbild wollte ich mich ohnehin nie aufdrängen. Jeder muss seinen Weg finden, jeder hat sein Leben zu leben. Niemand muss es so machen wie ich, nur weil ich ein erfolgreicher Behindertensportler bin. Wenn ich jemandem ein wenig Orientierung bieten kann, dann freut mich das riesig. Ich betrachte mich nicht als sehr intelligenten Menschen, aber was ich mache, kommt aus dem Herzen." (Philip Bauer, 16.10.2021)