Der Tatort.

Foto: REUTERS/CHRIS RADBURN

London – Der Festgenommene im Fall des tödlichen Attentats auf den britischen Abgeordneten David Amess hat britischen Medienberichten zufolge an einem Präventionsprogramm gegen Extremismus teilgenommen. Wie unter anderem die BBC am Sonntag berichtete, war der 25-Jährige bereits vor einigen Jahren an das Präventionsprojekt "Prevent" verwiesen worden. Unter Beobachtung des Inlandsgeheimdiensts MI5 habe er aber nicht gestanden. Labour und Liberale wollen nicht zur Nachwahl antreten.

Terrorverdacht

Der Brite mit somalischer Herkunft war zunächst unter Mordverdacht festgenommen worden, wird inzwischen aber wegen Terrorverdachts festgehalten. Erste Untersuchungen hatten nach Angaben der Polizei "eine mögliche Motivation in Verbindung zu islamistischem Extremismus" ergeben. Sein Vater, ein früherer Berater des somalischen Ministerpräsidenten, zeigte sich "sehr traumatisiert" von der Tat. Er habe mit so etwas nie gerechnet, sagte er der "Times".

Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Wie Scotland Yard am Samstagabend mitteilte, fanden im Zusammenhang mit dem Fall drei Hausdurchsuchungen im Raum London statt.

Der Konservative David Amess wurde am Freitag während einer Bürgersprechstunde in seinem Wahlkreis in dem Ort Leigh-on-Sea in der Grafschaft Essex von einem Angreifer erstochen. Der 25-Jährige wurde unmittelbar nach der Tat vor Ort festgenommen. Hunderte gedachten des 69 Jahre alten Opfers am Samstagabend bei einer Lichter-Mahnwache in Leigh-on-Sea. Amess hinterlässt eine Frau und fünf Kinder.

Sicherheitsdebatte

Innenministerin Priti Patel kündigte am Sonntag an, die Regierung werde "absolut alles unternehmen" um Abgeordnete besser zu schützen. Derzeit werde geprüft, wie Sicherheitslücken geschlossen werden könnten. "Das sollte aber niemals die Verbindung zwischen einem gewählten Vertreter und seiner demokratischen Rolle, Verantwortung und der Pflicht gegenüber den Wählern zerreißen", so Patel in einem Interview des Nachrichtensenders Sky News am Sonntag.

Auch Unterhauspräsident Lindsay Hoyle hatte eine Debatte über die Sicherheit von Politikern angemahnt. Es sei aber "essenziell", dass die Abgeordneten ihre Beziehung zu den Bürgern aufrechterhalten könnten, sagte Hoyle. Er selbst habe daher seine Sprechstunde selbst nach dem Attentat auf Amess noch abgehalten. "Wir müssen sicherstellen, dass die Demokratie das überlebt", so Hoyle weiter.

Amess' Parteifreund Tobias Ellwood, der für seinen beherzten Erste-Hilfe-Einsatz nach einem terroristischen Angriff auf das Parlament im Jahr 2017 bekannt wurde, forderte am Samstag hingegen, physische Treffen von Angeordneten mit Bürgern vorübergehend einzustellen.

Britische Abgeordnete, die alle direkt in ihrem Wahlkreis gewählt werden, bieten regelmäßig Sprechstunden mit Bürgern an, die auch kurzfristig besucht werden können. Die sogenannten "surgeries" werden gewöhnlich einmal pro Woche abgehalten und gelten als wichtiger Bestandteil der demokratischen Kultur in Großbritannien.

Verzicht auf Nachwahl

Die Labour-Partei und die Liberaldemokraten erklärten unterdessen, auf Kandidaten zur Nachwahl in Amess' Wahlbezirk verzichten zu wollen. Das berichtete die Nachrichtenagentur PA am Samstagabend. Die beiden Oppositionsparteien folgen damit dem Beispiel der Nachwahl nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die 2016 von einem Rechtsextremisten getötet worden war. Auch damals hatten die anderen Parteien von einer Kandidatur abgesehen. (APA, dpa, 17.10.2021)