Murray: "Du musst mit dir selbst im Reinen sein, um überhaupt eine Chance auf dem Platz zu haben."

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Murray mit dem Siegerpokal für die Erste Bank Open 2014.

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Dass Andy Murray nach wie vor Tennismatches gewinnt, ist eine Sensation. Seit Jänner 2019 lebt er mit einem künstlichen Gelenk in seiner rechten Hüfte. Murray, gegenwärtig die Nummer 172 der Weltrangliste, fällt positiv auf, indem er sich häufig deutlich für Gleichberechtigung ausspricht oder seine Kollegen zur Covid-Impfung aufruft. 2014 und 2016 gewann er die Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle. Jetzt schlägt Murray zum dritten Mal in Wien auf.

STANDARD: Wie gelingt es Ihnen nach 16 Profijahren, drei Operationen und mit einem künstlichen Hüftgelenk, sich für den Spitzensport zu motivieren?

Murray: Das ist für mich selbstverständlich. Ich hatte noch nie Motivationsprobleme. Schon immer fiel es mir leicht, früh aufzustehen und in den Tag zu starten – selbst dann, als meine Hüfte hinüber war. Ich bin vom Wettbewerb getrieben, das spornt mich an.

STANDARD: Was fasziniert Sie am Sport?

Murray: Tennis ist nach wie vor meine Passion. Ich liebe seine Schlichtheit und gleichzeitig seine Komplexität. Tennis bedeutet für mich einen Kampf von Geist und Körper. Jedes Spiel unterscheidet sich von den anderen, das macht es für alle Altersgruppen attraktiv.

STANDARD: Lange galt Tennis als Sport der Elite. Hat sich das geändert?

Murray: Zumindest in Großbritannien ist der Sport zuletzt zugänglicher geworden, vor allem durch neue Spielerinnen und Spieler, die jetzt an die Spitze kommen. Dass etwa Amazon die WTA- und ATP-Tour im Stream anbietet, wird dabei helfen, dass zukünftige Generationen einen Schläger in die Hand nehmen.

STANDARD: Sie haben in ein Unternehmen investiert, das Padel, eine Abwandlung des Tennis, fördert. Liegt darin die Zukunft?

Murray: Ich denke, Padel hat großes Potenzial. Es ist ein toller Weg, Leute zum Racketsport zu bringen. Padel ist leicht zu erlernen, macht Spaß und ist gesellig. In Großbritannien wächst der Sport sehr schnell, es entstehen unzählige Plätze im Land. Ich bin Investor bei Game4Padel. Das Unternehmen hilft dabei, Plätze zu finanzieren und zu warten. Dadurch kommen Klubs zu neuer Infrastruktur, die normalerweise nicht leistbar wäre.

STANDARD: Bietet das Profitennis aktuell ein gutes Produkt?

Murray: Ich finde schon, auch wenn es immer Herausforderungen geben wird. Tennis zählt für mich zu den bestorganisierten und -funktionierenden Profisportarten der Welt. Wir waren Vorreiter, als wir an der Spitze für Chancengleichheit von Frauen und Männern gesorgt haben. Darauf können wir stolz sein. Und ich denke, Profitennis wird weiterhin viel Freude bereiten.

STANDARD: Was ist der größte Nachteil am Leben eines Tennisprofis?

Murray: Vermutlich das Medieninteresse. Daran gewöhnst du dich zwar im Alter, aber mir fiel es immer schwer, damit umzugehen.

Murray beantwortet Journalistenfragen beim Masters in Paris.
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STANDARD: Immer mehr Sportlerinnen und Sportler sprechen über mentale Gesundheit. Wie gehen Sie mit Drucksituationen um?

Murray: Das ist ein wichtiges Thema. Tennis ist mental anstrengend. Du musst mit dir selbst im Reinen sein, um überhaupt eine Chance auf dem Platz zu haben. Ich arbeitete mit Sportpsychologen, sie halfen mir an kritischen Punkten meiner Karriere. Ein Team um sich zu haben, das ehrlichen Rat gibt, ist essenziell. Man muss zudem wissen, wann es an der Zeit ist, sich zurückzuziehen, zu erholen und zu Kräften zu kommen.

STANDARD: Hass im Netz spielt dabei auch eine Rolle. Viele Profis sind davon betroffen.

Murray: Niemand sollte sich damit herumschlagen müssen, egal ob sie im Rampenlicht stehen oder nicht, egal ob es auch nur ein oder zwei Kommentare sind. Es ist alles andere als nett, damit umgehen zu müssen. Das muss aufhören.

STANDARD: Sie spielen schon einige Turniere in Folge, kommen demnächst nach Wien. Wie sehr genießen Sie Ihre Zeit auf dem Platz?

Murray: Das Programm wird mich gut durch den Winter bringen. Ich sehe es als Vorbereitung für die Australian Open im Jänner. Es ist toll, dass ich einige Siege feiern konnte. Schon mit meiner Leistung bei den US Open war ich zufrieden, trotz der frühen Niederlage.

STANDARD: Inwiefern mussten Sie Ihr Spiel durch Ihre künstliche Hüfte umstellen?

Murray: Ich wollte mein Spiel nicht allzu sehr verändern. Der Aufschlag war wohl am meisten betroffen. Ich konnte mich nicht mehr so in die Höhe schrauben, wie ich es gewohnt war. Dadurch verlor ich viel an Power. Nach Wimbledon habe ich Kleinigkeiten umgestellt, das fühlt sich gut an. Seither gewinne ich wieder deutlich mehr Punkte beim eigenen Aufschlag. Gut, dass ich das wieder in meinem Repertoire habe.

STANDARD: Was beschäftigt Sie abseits der Tenniskarriere?

Murray: Meine Familie. Ich verbringe gerne Zeit mit meinen vier Kindern. Aber ich verfolge auch geschäftliche Interessen. Ich besitze ein Hotel in Schottland, das Cromlix. Ich kaufte es 2014, später heiratete ich Kim auf dem Anwesen. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich dort, es ist ein Rückzugsort, an dem ich gut abschalten kann.

Andy Murray mit Kim Sears.
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STANDARD: Sie sind zudem bei mehreren Start-ups als Investor tätig und gründeten ein eigenes Sportmanagement.

Murray: Der Zweck ist, aufstrebende Profis als Mentor zu unterstützen. Als ich jünger war, fiel es mir schwer, guten Rat zu bekommen. Ich finde, es herrschte eine Marktlücke. Wir haben einige Tennisprofis, aber auch Fußballerin Caroline Weit von Manchester City unter Vertrag.

STANDARD: Auf der ATP-Tour sollen knapp über 60 Prozent der Spieler geimpft sein. Sollte die Tour mehr dafür tun, um Spieler zur Impfung zu bewegen?

Murray: Das ist die persönliche Entscheidung jedes Spielers. Ich habe meinen Standpunkt schon öfter klargemacht. Wir spielen als Personen der Öffentlichkeit, die die Welt bereisen, eine wichtige Rolle.

STANDARD: Sie haben zweimal in Wien gespielt und zweimal gewonnen. Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele?

Murray: Wien ist so eine schöne Stadt, einer meiner Lieblingsorte auf der Tour. Bei meinem letzten Antreten in Wien spielte ich fast mein bestes Tennis. Es wäre schön, wenn ich das wiederholen könnte. (Lukas Zahrer, 19.10.2021)